Kolumne Losgelaufen : Wenn der Besenwagen fehlt

Beim „Speck-weg-Marathon“ im Volkspark Prenzlauer Berg ist die Zeit egal. Denn erst wenn alle Läuferinnen und Läufer im Ziel sind, ist Schluss.

Jeannette Hagen
Richtung neues Jahr! Hier beim Silvesterlauf in Bietigheim. Und auch beim „Speck-weg-Marathon“ im Volkspark Prenzlauer Berg.
Richtung neues Jahr! Hier beim Silvesterlauf in Bietigheim. Und auch beim „Speck-weg-Marathon“ im Volkspark Prenzlauer Berg.Foto: imago images/Pressefoto Baumann

Wenn Sie meine Kolumne von Beginn an verfolgt haben, erinnern Sie sich vielleicht, dass das Überwinden von Grenzen ein Thema in meinem Leben war. Eigentlich ist es das immer noch, denn ich habe Freude daran, Grenzen auszuloten und sie dann und wann auch mal zu verschieben. Hintergrund ist die Überzeugung, dass viele Grenzen nur Übergänge sind. Dahinter wartet das nächste Level oder eine neue Erfahrung.

Wer so neugierig ist wie ich, will das herausfinden. Was uns dabei häufig im Weg steht, sind viele im Laufe des Lebens erlernte Glaubenssätze, die Furcht vor dem Unbekannten und die Angst davor, dass andere unseren Schritt missbilligen könnten.

Grenzen ausloten

Als ich kürzlich um 7 Uhr morgens mit meinem gepackten Rucksack in der Tür stand, um zum Volkspark Prenzlauer Berg zu fahren, wo die 78-jährige Marathonläuferin Sigrid Eichner bereits seit zwölf Jahren den über vier Tage laufenden Speck-weg-Marathon“ organisiert, sagte mein Mann: Du weißt aber schon, dass das ganz schön verrückt ist?“

Ich lächelte ihn an und sagte: Ja!“, denn er hatte recht. Eigentlich bin ich gerade in einer eher gelassenen Trainingsphase. Der nächste Lauf, den ich im Blick habe, ist der Rennsteiglauf im Mai - also kein Grund sich derart zu beanspruchen.

Trotzdem ging, als ich von den Lauftagen hörte, ein freudiges Kribbeln durch meinen Körper, was sich sofort in die klare Absicht mal eben zwischen den Jahren einen Marathon zu laufen“ verwandelte. Denn da war sie wieder, die imaginäre Grenze. Das Gefühl, die Messlatte, auf der Was kann ich?“ steht, ein bisschen höher zu legen. Und kaum etwas eignet sich bis ins hohe Alter so gut, seinen eigenen Willen auf die Probe zu stellen, wie der Laufsport.

Ein Gruppenfoto vor dem Start des Marathons im Volkspark Prenzlauer Berg.
Ein Gruppenfoto vor dem Start des Marathons im Volkspark Prenzlauer Berg.Foto: Jana Bieler

Als ich später im Park meine Runden drehte, kam mir das noch einmal in den Sinn. Der Lauf ist nämlich so organisiert, dass niemand nach der Uhr laufen muss. Schluss ist, wenn der letzte Läufer oder die letzte Läuferin ins Ziel kommt. Es gibt keinen Besenwagen, nur nette Menschen, die alles organisieren.

Bloß nicht schonen

Und so bleibt es jedem selbst überlassen, wie er seine Runden, Trink- oder Ruhepausen organisiert. Das ist neben den Höhenmetern, die im Volkspark Prenzlauer Berg nicht zu unterschätzen sind, eine weitere Herausforderung. Niemand verlangt von dir, dass du durchläufst. Es steht auch keine Samba-Band an der Straße und feuert dich an. Und da die Anzahl der Läuferinnen und Läufer übersichtlich ist, ist man weite Strecken absolut auf sich gestellt.

Es war wirklich großartig. Ich habe den Lauf sehr genossen und kann nur jedem empfehlen, so etwas mal mitzumachen. Es muss ja kein Marathon sein. Berlin und das Berliner Umland bieten ein großes Spektrum an Läufen, die keine Massen anziehen und bei denen man mit sich, seinem Tempo und seinem Willen die ein oder andere Grenze überschreiten kann.

Ich wünsche Ihnen von Herzen ein richtig gutes Laufjahr 2020 und teile mit Ihnen am Ende noch einen Gedanken, den ich beim Laufen hatte: Wir sind nicht auf dieser Welt, um uns zu schonen – es gibt noch so viel zu erleben.

Warum Gewohnheiten beim Laufen eine Typfrage sind, „Wie das Laufen einem Universum gleicht“ und „Warum mir egal ist, in welchen Schuhen ich laufe“ – die vergangenen Kolumnen von Jeannette Hagen, die freie Autorin in Berlin, Sportlehrerin und Läuferin ist.

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