Kolumne Meine Paralympics : Auf die Plätze, fertig – Öko!

Alte Elektronikgeräte ergaben in Japan 2,7 Tonnen Bronze, 1,8 Tonnen Silber und 16,5 Kilogramm Gold. Daraus werden jetzt Medaillen.

Medaillen sind ihr lieb und teuer: Christiane Reppe, hier bei der Para-Fahrrad-WM 2015.
Medaillen sind ihr lieb und teuer: Christiane Reppe, hier bei der Para-Fahrrad-WM 2015.Foto: DPA

Medaillen haben etwas Magisches. Deswegen will sie jeder gern anfassen, raufbeißen – oder sie gar selbst haben. Auch wenn dafür kein Tropfen Schweiß geflossen ist. Handbikerin Christiane Reppe zum Beispiel hat ihre Goldmedaille aus Rio einmal zu einer Pressekonferenz anlässlich des Berlin-Marathons mitgenommen. Danach war das Metall mit identischem Geldwert wie eine olympische Medaille – aber mit unbezahlbarer ideeller Bedeutung – aus der Handtasche verschwunden. Einfach weg, von jetzt auf gleich. Reppe blieb keine Wahl: Sie erstattete Anzeige.

Ähnlich ging es dem norwegischen Skistar Kjetil Andre Aamodt. Dem Doppel-Olympiasieger von 2002 und Weltmeister hatten Diebe bei einem Einbruch in sein Osloer Haus alle 19 Medaillen aus dem Safe gestohlen. Auch die Medaille des deutschen Turners Hermann Weingärtner von den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen wurde gestohlen, vor acht Jahren war das. Damals hatte die japanische Gesellschaft zur Förderung von Sport und Gesundheit die aus einer unverschlossenen Vitrine in einem Museum nahe dem Olympiastadion verschwundene Silber-Plakette beklagt. Ja, Silber – denn Gold, Silber und Bronze wurden erst ab 1908 verliehen. Da gab es noch die Disziplinen Tauziehen, Hallentennis und Standweitsprung Nichtbehinderter, aber das nur am Rande.

IPC-Chef Andrew Parsons wurde ins IOC aufgenommen

Für die Sieger von Olympia und den Paralympics gibt es 2020 in Tokio Recycling-Medaillen. Laut dem Organisationskomitee wurden nach einem landesweiten Aufruf nicht mehr genutzte elektronische Geräte wie Smartphones, digitale Kameras oder Laptops gesammelt. Die alten Elektronikgeräte ergaben 2,7 Tonnen Bronze, 1,8 Tonnen Silber und 16,5 Kilogramm Gold für die Medaillen-Produktion. Auf die Plätze, fertig, Öko!

Das wird auch den Präsidenten des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), Andrew Parsons, freuen, der am Dienstag vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bei seiner Versammlung in Buenos Aires in das Gremium gewählt wurde. Der Brasilianer ist damit einer der neun neuen IOC-Mitglieder, insgesamt sind es mehr als 100. Ein weiterer Schritt zur Inklusion.

Apropos Neuaufnahmen, Ehrungen und Treppchenerklettern: In Düsseldorf wurde am Sonntag Athletensprecher und Degenfechter Max Hartung auf der Vollversammlung aller Athletenvertreter im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für weitere vier Jahre als Vorsitzender und Sprecher der Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes wiedergewählt. Seine Stellvertreterin wurde die Sportschützin und Paralympics-Siegerin von 2004, Manuela Schmermund. Die durch einen Verkehrsunfall querschnittgelähmte Athletin war bei fünf Paralympics dabei, hat dort oft schon für Mitstreiterinnen und Mitstreiter die Stimme erhoben und löst nun Silke Kassner ab. Sie durfte nach zwei Wahlperioden nicht wieder antreten.

Die Dresdnerin Christiane Reppe hingegen wird mit dem Behindertensport weitermachen. Nach dem unfreiwilligen Goldmedaillenverlust 2016 bekam sie dann doch noch eine Ersatz-Goldmedaille um den Hals gehangen – vom Oberbürgermeister der sächsischen Landeshauptstadt, Dirk Hilbert (FDP). Die Stadtverwaltung hatte sie extra beim Internationalen Paralympischen Komitee in Bonn angefragt. Im Kongresszentrum war das Licht kurz gelöscht, als die Medaille hereingebracht wurde. Christiane Reppe probierte gleich aus, ob die Medaille genauso rasselt wie das Original – damit Blinde nicht nur in Braille lesen können, welche das ist. In der Goldenen klingen die Metallstücke am kräftigsten.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!