• Kolumne „Meine Paralympics“: Der Sport brachte ihn nach dem Krieg wieder in die Spur

Kolumne „Meine Paralympics“ : Der Sport brachte ihn nach dem Krieg wieder in die Spur

Tim Focken wurde im Afghanistan-Einsatz schwer verletzt. Trotz Handicap hat er inzwischen große sportliche Ziele.

Tokio 2021 im Blick. Sportschütze Focken hat große Ziele fürs nächste Jahr.
Tokio 2021 im Blick. Sportschütze Focken hat große Ziele fürs nächste Jahr.Foto: imago/Gerhard König

Annette Kögel ist Mitbegründerin der Paralympics Zeitung des Tagesspiegels und schreibt hier jeden ersten Mittwoch im Monat.

Das Bein stört, es tut weh, es macht beim Sport unbeweglich, es soll lieber ab. Solche Gedanken machte sich Samantha Bowen, bei den legendären Paralympics in London 2012. Die britische Soldatin war erst 21 Jahre alt, als ein Schrapnell ihren rechten Fuß zerschmetterte, sie beinahe tötete, im Irak. Sie überlebte, und machte dann beim Sitzvolleyball mit 1,41 Meter Greifhöhe eine gute Figur.

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Tim Focken ist Deutscher, er war als Fallschirmjäger vor zehn Jahren im Afghanistan im Einsatz. 2021 könnte der Parasportschütze als erster einsatzgeschädigter Bundeswehr-Soldat bei den Paralympics starten, kündigte jetzt der Deutsche Behindertensportverband an. Der Oldenburger war 2010 von einem Scharfschützen getroffen worden, seitdem kann er seinen linken Oberarm und die Schulter nicht mehr bewegen – Oberarmplexuslähmung.

Auch der frühere Verteidigungsminister Thomas de Maizière hatte die Initiative Wolfgang Schäubles von Turin 2006 aufgenommen und will bei einem Einsatz verletzte Soldatinnen und Soldaten mit leistungssportlichen Ambitionen bis zu den Paralympics fördern. In anderen Ländern ist das schon lange üblich.

Tim Focken könnte laut Behindertensportverband der erste Bundeswehr-Soldat sein, der in Tokio 2021 antritt. Seine Welt habe nach dem Einsatz und der Verletzung in Trümmern gelegen. Der Sport brachte ihn wieder in die Spur. Schwimmen, Leichtathletik, Triathlon, Sportschießen: Der ehemalige Fallschirmjäger kann vieles.

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Er fuhr mit dem Rennrad den legendären Anstieg nach L'Alpe d'Huez hoch, wurde als erster Europäer Weltmeister im Paramilitärischen Mehrkampf aus Sprint, Schwimmen, Kugelstoßen, Schießen und Radfahren. Weil es für den Oldenburger beim Schießsport gut aussah, entschied er sich dafür.

Zuletzt trainierte er in der Garage, da kommen aber die Kinder im Alter von drei und zehn Jahren immer mal wieder zum Papa gelaufen. Als Spitzensportler darf Focken trotz Corona wieder zum Schießstand des SV Etzhorn. Gefördert wird er von der Deutschen Sporthilfe, dem Landessportbund Niedersachsen und dem Team BEB. Was ihm fehle, sei das Feedback beim Training. Dabei gibt es im Para-Sportschießen anders als bei anderen Sportarten ein greifbares Ziel.

Ende November soll die EM im slowenischen Lasko stattfinden, Luftgewehr. Einen Quotenplatz für Tokio holte Focken aber in seiner Paradedisziplin Kleinkaliber, Platz vier bei der WM in Sydney 2019. Er findet, dass die EM nicht den Stellenwert habe, den sie verdiene, da viele Nationen wegen Corona nicht vernünftig trainieren und anreisen könnten. Ach, aber eine Welt in Frieden, ohne verletzte Soldaten – das wäre Gold.

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