Kolumne Meine Paralympics : Ein Traum in Weiß

Das deutsche Team holt 13 Medaillen bei der WM. Eine Niederländerin wird Werbestar. Und unsere Autorin genießt den Neuschnee.

Marleen Verbeek kann wieder laufen, rennen, tanzen – und snowboarden.
Marleen Verbeek kann wieder laufen, rennen, tanzen – und snowboarden.Foto: Screenshot Instagram (@itsoktobdifferent)

Gibt es etwas Herrlicheres? Endlich mal in echtem Tiefschnee auf dem Weg zur Piste im Dachstein-Gebirge so richtig schön versinken. Oft ist unsereins schon nebenan in Obertauern Snowboard gefahren, allein, diesen Winter war das wegen des wochenlangen Extremschneefalls zumindest zeitweise unmöglich. Nicht so in Schladming, auf der legendären Planai, also runterlehnen in die wirklich steil hinunterführende Falllinie und ab geht der rhythmische Snowboardtanz – da, wo Ausnahmefahrer Marcel Hirscher auf zwei Beinen gerade das Nightrace gewonnen hat.

Marleen Verbeek hat nur noch ein komplettes Bein, doch sie kann auch schön schwingen, dank Prothese, und sie filmt sich dabei sogar per Selfiestick. Das Video auf ihrer Social-Media-Plattform zeigt ihren ersten Snowboardtag in den Bergen seit langem, nach ewigem Üben in der Halle, leider wieder mit Schmerzen am Beinstumpf. Trotzdem hat sie sich dank des Trainings zurückgekämpft.

Mit der Prothese geht längst wieder alles

Die heute 38-jährige Verbeek hatte im Alter von 13 Jahren die Diagnose Bakterielle Meningitis erhalten. Sie verlor fast ihr Leben, war acht Monate lang im Krankenhaus. Mit mehr als 30 Operationen, drei Monaten Intensivstation, fünf Litern neuem Blut, unzähligen Narben und diversen ärztlichen Fachleuten am Bett. Im Jahr 2016 dann fällte sie, nach all den Jahren vergebenen Kampfes gegen die Schmerzen, die Entscheidung: Der linke Unterschenkel kommt ab. Mit der Prothese geht aber längst alles wieder: laufen, rennen, tanzen – und snowboarden. Sie also ist die Darstellerin des neuen Werbefilms „In the long run“ einer großen deutschen Automobilmarke. Diese teilt auf Tagesspiegel-Anfrage mit, dass die nicht näher benannte Behindertensportlerin in dem Film eben diese Frau ist, Mutter von zwei Jungs, sie stammt aus den Niederlanden und lebt seit mehr als zwölf Jahren in Madrid.

Während alle anderen entscheidenden Personen des Werbefilms genannt werden, wie der Filmemacher Niclas Larsson, der Oscar-Preisträger Linus Sandgren als Kameramann und Michael Kiwanuka als Interpret des Titelsongs, sucht man nach der Hauptprotagonistin Verbeek vergebens. Dabei war der Dreh für die Sportlerin „eine unglaubliche Erfahrung, ich habe das Negative im Leben ins Positive umgedreht“. Ihr Bein und die Narben seien exakt der Grund dafür gewesen, dass sie für den Spot gecastet wurde: „Für alle jene Meilen, die Dich stärker machen.“

Insgesamt freute sich das A-Team über 13 Medaillen

Behindertensportler stehen im Rampenlicht, aber noch nicht prominent genug. Dabei hat auch die deutsche paralympische Mannschaft wieder Erfolge eingefahren. Allein fünf Medaillen hat das deutsche Team am 31. Januar, dem Abschlusstag der alpinen Para-Ski-WM in Sella Nevea, Italien, errungen. In den verschiedenen Startklassen der Super-Kombination gewannen Anna Schaffelhuber und Andrea Rothfuss Silber sowie Anna-Lena Forster Bronze, nachdem Schaffelhuber und Rothfuss am Vormittag bereits Gold und Silber im Super-G geholt hatten. Insgesamt freute sich das A-Team über 13 Medaillen bei der WM, darunter dreimal Gold, siebenmal Silber und dreimal Bronze.

Auf meiner Piste in Schladming schwärmte die Skilehrerin Monika Felsinger übrigens von ihren Erfahrungen mit Skisportlern mit Körperbehinderungen. Sie fahren blind, einbeinig, in kalter Sitzschale, bei Minusgraden mit über hundert Sachen auf eisiger Piste. Und sie leben ihr Leben, ihren Traum.

Annette Kögel ist Mitbegründerin der Paralympics Zeitung des Tagesspiegels und schreibt hier jeden ersten Mittwoch im Monat.

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