Kolumne: Meine Paralympics : Ein Traumtor mit Rasseln im Ball

Unsere Kolumnistin Annette Kögel ist begeistert von Serdal Celibi, der als erster blinder Fußballer für das „Tor des Monats“ nominiert worden ist.

Die Plakette der ARD-Sportschau ist unter den Fußballern sehr begehrt.
Die Plakette der ARD-Sportschau ist unter den Fußballern sehr begehrt.Foto: imago

Wie viele Räder hat ein Fahrrad?

Sie überlegen bei dieser Frage zum Einstieg, ob mit mir noch alles in Ordnung ist? Keine Sorge, alles gut. Genau diese Frage soll ich zunächst beantworten, wenn ich bei der aktuellen Tor-des-Monats-Abstimmung für August mitklicken will. Damit alles fair zugeht und die menschliche Logik beweist, dass keine künstliche Abstimmungsmaschine oder Ranking-Verbesserer für Internet-Suchmaschinen hinter dem Onlinenutzer stecken.

Also: zwei Räder hat ein Fahrrad. Und eins ist neu: Dass erstmals mit Serdal Celibi ein blinder Fußballer für das „Tor des Monats“ nominiert ist. Der im Mai 1984 geborene und für den FC St. Pauli spielende Hamburger mit der Rückennummer 3 gab sein Länderspieldebüt beim Freundschaftsspiel gegen Rumänien im April 2014. Länderspiele: vier, Länderspieltore: eins, so bilanziert die Seite blindenfussball.net. Und jetzt das: Serdi, wie der Kicker genannt wird, trifft für seinen Verein im Finale der deutschen Blindenfußball-Bundesliga gegen den MTV Stuttgart zum 1:2-Endstand. Das Finale für die deutsche Meisterschaft ging zwar verloren, aber vielleicht gewinnt der Mann jetzt in einem anderen Wettbewerb. Das Ding in die linke obere Ecke zieht er nämlich krass ab: Meine Wahl fällt auf das Tor Nummer vier. Okay, auch Marvin Plattenhardts Volley-Treffer für Hertha BSC im DFB-Pokal gegen Eintracht Braunschweig zum 1:0 ist nicht von schlechten Eltern (Tor Nummer drei). Und Tor fünf, Mike Frantz stoppt den Ball mit der Brust und trifft für den SC Freiburg im DFB-Pokal gegen Energie Cottbus zum 1:1 – auch nicht übel.

Doch viele sehende Spieler sind beim Probekick schon bei einem Testlauf mit blinden oder sehbehinderten Spielern gescheitert. Die können nämlich ohne Sicht, dafür dank Rasseln im Ball und durch die Rufe von Trainern und Torwart treffen. Und dank sehr viel Ballgefühl. Wegen der Schwierigkeit zu passen, sind auch Alleingänge vorm Tor nicht egoistisch verwerflich. Eine Portion Kamikazetum gehört auch dazu, denn: Kopfschutz drübergezogen, die „Voy!“-Rufe des ballhabenden Gegners im Ohr – hier und da scheppern Spieler zusammen oder auch mal in die Bande. Habe ich bei Paralympischen Spielen in London, Peking – und bei der Blindenkickerpremiere in Athen 2004 selbst schon miterlebt.

Celibi soll nicht der einzige nominierte Blindenfußballer bleiben

Blindenfußballpartien dauern kürzer als die der Sehenden, sie sind in Deutschland, wie bei der EM 2017, noch etwas Besonderes. In Brasilien oder auch in Spanien, wo Nichtsehende seit zwei Jahrzehnten organisiert spielen, ist das etwas anders. Dort sind schon mal tausende Fans in den Stadien, obwohl sie nicht laut anfeuern dürfen, damit die Spieler den Ball überhaupt erahnen können.

Jetzt ging es für den 34 Jahre alten und wohl stets gut gelaunten deutschen Nationalspieler Celebi mit viel Gefühl am Fuß direkt in die Riege der nominierten Kicker in die Sportschau vom Ersten. Beim Klassiker der Fußball-Gewinnspiele – mir klingt immer noch die alte Tor-des-Monats-Melodie in den Ohren – küren die Zuschauer seit 1971 jeden Monat das beste und spektakulärste Tor. Für den August-Treffer kann man noch bis zum 15. September, 19 Uhr, abstimmen. Und durchs Mitklicken sogar eine zehntägige Expeditions-Seereise für zwei Personen mit Hurtigruten entlang der Westküste Europas gewinnen.

Wir wünschen „Serdi“ den Sieg von Herzen. Möge er nicht der einzige potenzielle Blindenkick-Torschütze des Monats bleiben! Haben Sie einen Treffer dokumentiert, den Sie vorschlagen wollen? Nur zu! Vorschläge kann man mit Video senden an: tordesmonats@wdr.de

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