• Kolumne „Meine Paralympics“: Tod durch Sterbehilfe – eine Erinnerung an Marie Vervoort

Kolumne „Meine Paralympics“ : Tod durch Sterbehilfe – eine Erinnerung an Marie Vervoort

Paralympionikin Marieke Vervoort hatte sich bereits 2008 dazu entschieden, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Ende Oktober setzte sie den Plan um.

Eine schnelle Frau: Bei den Paralympics 2012 in London gewann Marieke Vervoort Gold über 100 Meter und Silber über 200 Meter. In Rio 2016 holte die Belgierin Silber (400 Meter) und Bronze (100 Meter).
Eine schnelle Frau: Bei den Paralympics 2012 in London gewann Marieke Vervoort Gold über 100 Meter und Silber über 200 Meter. In...Foto: Yasuyoshi Chiba/AFP

Es ist in London 2012, da breitet Marieke Vervoort in ihrem Rennrollstuhl nach dem Sieg über 100 Meter in der Startklasse T 52 im vollen Stadion die Arme aus und jubelt – es sieht aus, als könne sie fliegen. Fünf Jahre später sagt sie: „Meine Eltern lieben mich so sehr, es wird zu hart für sie sein, dabei zu sein.“ Da macht sich die Paralympics-Siegerin schon Gedanken, wer bei ihrem Freitod an ihrer Seite sein wird.

„Ich habe meine Euthanasie-Papiere schon 2008 unterschrieben“, erzählte die Athletin aus Diest bei den Sommer-Paralympics in Rio 2016, „weil es sehr hart ist, mit meiner Krankheit zu leben. Wenn ich mehr schlechte als gute Tage habe, dann habe ich die Papiere parat, aber jetzt ist die Zeit noch nicht da.“ In ihrer Heimat Belgien ist Sterbehilfe legal, und das Vermögen dazu gibt ihr die innere Freiheit und die Kraft, weiterzuleben.

Die Frau mit dem Wuschelkopf ist schon als Kind begeisterte Sportlerin: Mountainbike, Jiu Jitsu, Windsurfen, Schwimmen, Laufen. Seitdem sie 14 Jahre alt ist hat sie diese unheilbare und extrem schmerzhafte Wirbelsäulenerkrankung. Eine „Progressive Tetraplegia und Reflex Sympathetic Dystrophy mit zunehmenden Lähmung der Gliedmaßen“, wie sie der „Welt“ erzählt.

Seit 2000, seitdem sie 20 Jahre ist, sitzt sie im Rollstuhl. In Lausanne wird sie 2006 erstmals Weltmeisterin im Para-Triathlon auf der Kurzdistanz, wie 2007 in Hamburg. „Wielemie“ gewinnt zudem zweimal den Para-Ironman auf Hawaii. Ab 2008 wechselt sie wegen der fortschreitenden Lähmungen zum Blokart – einer Variante des Strandsegelns. Und siegt weiter.

Dann purzeln Welt- und Europarekorde, seit 2010, in der Leichtathletik. Bei den Paralympics in London holt sie im Rennrollstuhl auch Silber über 200 Meter. Drei Jahre später kommen bei den Weltmeisterschaften in Doha drei Goldmedaillen dazu, da hat sie sich nach einer Verletzung wieder hochgekämpft – und sie wird Belgiens paralympische Athletin des Jahres. In Brasilien holt die Rennrollstuhlathletin bei den Paralympics 2016 Silber über 400 und Bronze über 100 Meter – und erhält das Ehrenzeichen der Flämischen Gemeinschaft.

Auch Superhelden sind nicht unbesiegbar

Doch sie sagt: „Geld und materielle Werte bedeuten mir nichts. Gib mir eine ehrlich gemeinte Umarmung, und ich bin der glücklichste Mensch der Welt.“ Die glücklichen Tage werden seltener. Epileptische Anfälle, weniger Sehkraft, plötzliches Umkippen, schlaflos vor Schmerzen. Depressionen.

Paralympics-Macher werben gern mit dem Schlagwort „Superhumans“, doch auch Superhelden sind nicht unbesiegbar. Was Vervoort 2015 im Fernsehen ankündigt, setzt sie am 22. Oktober 2019 um, sie nimmt auch Abschied vom geliebten Labrador Zenn. Vorher geht sie aber im September noch Bungeespringen und rast im Lamborghini über die Rennstrecke von Zolder. Marieke Vervoort soll mit einem Glas Sekt in der Hand gegangen sein.

Menschen weltweit nehmen Anteil, aus Berlin sendet auch die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann, einen letzten Gruß an die lesbische Athletin.

Vervoort macht nur Schluss, weil sie nicht mehr kann. Bei der Beerdigung wird Gitarre gespielt, um den roten Sarg herum stehen Kunstwerke, hängen die Medaillen. Marieke Vervoorts Asche wird bei Lanzarote ins Meer verstreut.

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