Kolumne: So läuft es : Die Gesellschaft tickt immer irrer

Unser Kolumnist läuft ab und an auch durch die Stadt. Was er dabei alles erlebt, lässt ihn an der Intelligenz der Menschheit zweifeln.

Laufen in der Stadt? Geht oft nur mit Hindernissen.
Laufen in der Stadt? Geht oft nur mit Hindernissen.Foto: dpa

Durch den Wald, über die Felder, vorbei an Flüssen und Seen. Das nennt man wohl den perfekten Läufertraum. Hier kann man am besten entspannen und die Seele baumeln lassen. Gut ist: Auf diesen Strecken passiert nichts. Einfach nichts. Es ist nur der Läufer und die Natur. Und darum laufen wir. Meistens jedenfalls.

Dennoch habe ich mir angewöhnt, mehr und mehr regelmäßig durch Städte zu laufen. Und zwar mittendurch. Um ein besseres Gefühl für Stimmungen zu bekommen, wie die Gesellschaft tickt. Und sie tickt immer irrer. Wo bekommt man einen besseren Eindruck als dort, wo das Leben ist, wo der Wahnsinn ist, wo der Smog am dicksten ist. Nicht nur der, der durch Autos produziert wird, sondern auch der menschliche Smog. Diese Stadtläufe schmerzen, weil einem die Realität sehr bewusst wird. Sie sind jedoch auch erhellend. Denn man kann der Wahrheit nicht davonrennen.

Erschütternd ist zum Beispiel die Rücksichtslosigkeit. Ein schmaler Gehweg, drei Freunde schlendern nebeneinander und reden. Sie sahen mich kommen, ich hatte bereits 13 Kilometer in den Beinen. Keiner machte auch nur im Ansatz Anstalten, etwas auf Seite zu gehen. Im Gegenteil. „Digger lauf doch im Wald. Siehst doch, dass der Gehweg voll ist“, schmetterte mir einer der drei entgegen. „Voll von Rücksichtslosigkeit und Dummheit“, war meine Antwort. Ich hatte es kaum ausgesprochen, klingelte es hinter mir. Mehrfach. Laut. Und eine Stimme schrie: „Das ist ein Radweg, keine Tartanbahn. Du Idiot.“ Wegen der drei „coolen“ Jungs musste ich auf den Radweg ausweichen. Um blitzartig von dort auf die Straße zu springen.

Was ist in den Köpfen der Menschen eigentlich los?

Ich war sehr froh, dass in dieser Sekunde kein Auto kam. Ich lief vorbei an völlig überfüllten Mülleimern, lief Slalom um zerbrochene Bierflaschen, sprang über verrostende herrenlose Fahrräder, über eine Autobahnbrücke. Mein Blick schweifte über den Standstreifen. Die Böschung war übersät mit Müll, das Gras kaum noch zu sehen. Was ist in den Köpfen der Menschen eigentlich los? Warum ist es verdammt noch mal nicht möglich, dass wir unseren eigenen Müll dort entsorgen, wo er hingehört – in die eigene Tonne. Ich habe auf meinen 20 Kilometern irgendwann aufgehört, die Zahl der Obdachlosen zu zählen, die mir in anderthalb Stunden begegneten.

Mit einigen habe ich mich kurz unterhalten. Die Stadt Köln hat mittlerweile eine Warteliste eingerichtet. Die Zahl der Obdachlosen hat derart zugenommen, dass nicht für jeden ein Dach über dem Kopf da ist. Am Ende meines Stadtlaufs begegnete mir ein kleiner Junge im Park, etwa sechs Jahre alt. Weinend. Sein Vater hatte ihn alleine auf dem Spielplatz zurückgelassen. Er wollte in Ruhe einkaufen. Wie ich später erfuhr, war der Junge zwei Stunden alleine. Bei 36 Grad, ohne Schatten im Sandkasten. So und so ähnlich geht es bei jedem Stadtlauf. Und ganz ehrlich: So läuft es. Nicht.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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