Kolumne: So läuft es : Genuss statt Verbissenheit

Als Hobbyläufer setzt man sich zu oft zu harte Ziele. Unser Kolumnist plädiert deshalb für den Genusslauf.

Auch diese Hobbyläuferin in Virginia (USA) hat ihren Lauf offensichtlich genossen.
Auch diese Hobbyläuferin in Virginia (USA) hat ihren Lauf offensichtlich genossen.Foto: AFP

Sagte ich eigentlich schon, dass ich die Telefonate mit der mehrfachen Deutschen Meisterin Sabrina Mockenhaupt wirklich liebe? Nein? Dann einfach nochmal: Danke Mocki! Du kommst oft zur richtigen Zeit. „Weißt Du, Mike, was richtig geil ist? Wenn man Läufe genießen kann. Einfach nur genießen. So mit 130, 140 Puls, locker, lang, durch die Natur. Einfach so“, sagte sie mir gestern kurz vor acht Uhr morgens. Am Wochenende hatte ich meine Laufplanung für das Jahr 2019 festgelegt. Viermal Marathon, viermal Ultramarathon, fünf Spaßläufe über mehrere Tage, viel Training. So sieht der Plan für kommendes Jahr aus. Ich hatte ein scheußliches 2018. Und habe wirklich, wirklich Hunger nach viel Lauferei.

Das Knie macht wieder mit, ich fühle mich gut, der Sommer war heiß, und das Wintertraining ist sowieso das Beste überhaupt. Locker, mit 130, 140 Puls, ist da nichts zu machen. Nicht bei den Zielen. Wann habe ich eigentlich den letzten Lauf so richtig genossen? Wann bin ich einfach nur gelaufen? Ohne Uhr, ohne Ziel, einfach so? Viele Wochen ist das her, wenn ich ehrlich bin. Und machen wir uns nichts vor: Manchmal ist es nicht so geil, ehrlich zu sich selbst zu sein. Und es tut unfassbar gut zu wissen, dass man nicht der einzige Irre ist, der Dinge tut, die nicht wirklich gesund sind. Aber Spaß machen sie halt. Das ist das Problem. Wer über das Jahr so viel läuft, der hört diese innere Stimme, die sagt: „Warte mal. Warum machst Du das so? Sei nicht so hart zu Dir selbst. Das ist nicht Sinn der Sache.“ Warum aber hören wir oft nicht auf diese Stimme? Warum ignorieren wir uns quasi selbst weg? Weil die Läufer, die das betrifft, meist süchtig sind. Süchtig nach dem Erreichen von Zielen.

Wir Hobbyläufer müssen uns nicht quälen

Es ist wohl dieses Gefühl, etwas geschafft zu haben. Das Gefühl von Zufriedenheit, wenn man vielleicht auch über, oder wenigstens an die Grenze herangekommen ist. Das mag alles okay sein. Was aber, wenn durch das Setzen und das Erreichen von Zielen das Läuferleben an einem vorbeiläuft? Das Gefühl, das Sabrina Mockenhaupt meint. Das Gefühl von Frieden, Genuss, sich gut zu fühlen, dem Körper Gutes getan zu haben, durchatmen zu können, Ruhe mit sich zu haben. Und in der Tat muss ich ihr Recht geben.

Für uns Hobbyläufer kommt es vielleicht genau darauf an. Wir müssen nicht hart zu uns sein, denn wir leben nicht vom Sport. Wir müssen uns nicht quälen, Profisportler schon. In unserer Leistungsgesellschaft zählen nur Ziele. Und wer zu schnell seine Ziele erreicht, der hat sie sich zu niedrig gesetzt. Unsinn, aber so wird es uns oft suggeriert. Vielleicht ist es gut, sich zu besinnen. Härte ist nicht die Lösung. Ich hatte doch tatsächlich die Genussläufe vergessen. Ich werde meinen Plan für 2019 ändern. So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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