Kolumne: So läuft es : Lasst uns eine Hand reichen

46 Prozent der Deutschen würden sich gerne mehr bewegen, schaffen es aber nicht. Vielleicht brauchen Sie einfach einen Anstoß von außen?

Laufen, bis es läuft.
Laufen, bis es läuft.Foto: dpa

"Lieber Mike, ich bin ein ziemlich schwerer Junge. Und ich kriege die Kurve einfach nicht. Natürlich esse ich ganz normal. Und ich nasche auch nicht, ich trinke nur Wasser und ich bewege mich eigentlich ziemlich viel. Alles Quatsch. Ich habe mir das zu lange eingeredet, und in Wahrheit bewege ich mich jeden Morgen vom Bett ins Bad, vom Bad zum Kleiderschrank, von dort in die Küche, zum Auto, und fahre zur Arbeit. Überall im Netz sehe ich diese ganzen coolen Laufcommunitys, auf den Straßen sind ohne Ende Läufer unterwegs, ich will das auch. Und ich schaffe es nicht“, schreibt mir Timo aus Charlottenburg. Er steht für unglaublich viele Menschen, die so gerne würden. Die im Grunde nur eines brauchen: Eine Hand. Einen Antrieb. Einen Impuls.

Wir Läufer müssen uns mal ein wenig an die eigene Nase fassen. Ständig reden wir untereinander davon, wie viele Kilometer wir so im Monat schrubben. Was für tolle Hechte wir sind, wie geil schnell wir laufen können, und dass wir dieses Jahr endlich die Bestzeit pulverisieren. Wir tauschen die Rezepte von selbstgemachtem Chia-Dinkel-Brot aus, leben seit Jahren nahezu zuckerfrei und rauchen natürlich schon lange nicht mehr, oder haben im besten Fall nie geraucht. Wir gehen gar nicht mehr auf die Waage, weil wir Angst haben, dass wir schon wieder zwei Kilo abgenommen haben. Wir ärgern uns darüber, dass es das Lieblingslaufshirt nicht mehr in XS gibt, wo es uns doch in Größe S praktisch vom Knochen fällt.

Ich erinnere mich noch sehr genau. Es war exakt vor sechs Jahren. Da schleppte ich mich mit 120 Kilo durch den Wald, es waren die ersten Laufversuche nach zwanzig Jahren. Mir kamen zwei gazellenartige Läufer entgegen und schenkten mir einen mitleidsvollen Blick, nach dem Motto: „Der arme Dicke hat es aber auch nicht leicht.“ Ich hatte auf Anhieb keinen Bock mehr. Und lief nicht weiter.

Dieser Moment ist tief auf meiner Läuferfestplatte eingebrannt. Nur hatte ich ihn wieder vergessen, bis mich Timos Mail erreichte. Just in dem Moment kam sie, als ich mein Marathon- und Ultramarathonjahr plante. Einem Freund schrieb, dass ich gerade voll auf Proteinkost bin, dazu mehr Krafttraining mache, um das letzte Fett in Muskeln zu verwandeln. Irre. Und dann kommt Timos Mail. Und ich denk so: Kleiß, Du bist doch bekloppt. Schon vergessen was mal war? Jap. Vergessen. Aber nur kurz. 46 Prozent der Deutschen würden sich gerne mehr bewegen, schaffen es aber nicht. Aus welchen Gründen auch immer. Jeder von uns kennt jemanden, den das betrifft. Hier ist mein Vorschlag: Wenn jeder einem Nichtläufer aus seinem Bekanntenkreis eine Hand gibt, dann sind es vielleicht Ende des Jahres nur noch 45 Prozent. Lasst es uns versuchen. So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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