Kolumne "So läuft es" : Laufen wie Jogi Löw

Auch der Fußball-Bundestrainer hat in der Vergangenheit Laufen gern als probates Mittel zur Stressreduktion genutzt, weiß unser Kolumnist.

Joachim Löw
Joachim LöwFoto: dpa

Am Morgen vor dem wichtigen WM-Spiel gegen Schweden, da war es für den Bundestrainer wohl dringend. Höggschde Zeit für einen Strandlauf, dem Stress entfliehen. Jogi Löw hat einmal in einem Interview gesagt: „Für mich persönlich ist gerade am frühen Morgen eine gute Gelegenheit, ein bisschen Sport zu machen, das tut mir gut. Das ist für mich ein guter Ausgleich und ein guter Auftakt in den Tag“.

Multifunktionsshirt: Fehlanzeige. Sportbrille: Fehlanzeige. Trinkflasche, Powergels: alles nichts für Löw. Laufen im Jogi-Style bedeutet: weißes Baumwollshirt, coole Fliegerbrille, Turnschuhe, fertig. Ein Laufstil, der Angst und Bange macht. Im Leben würde man nicht auf die Idee kommen, dass Löw so auch nur fünf Kilometer schafft. Ziemliche Körper-Vorlage, ungelenk, steif, und sehr sehr langsam tippelte er an der Strandpromenade dahin. Beinahe gehend. Jogi-Style eben.

Eine normale Laufrunde dauert bei ihm um die 30 Minuten, viele Läufer ziehen ihre Schuhe für so eine Einheit erst gar nicht an. Wer aber glaubt, dass Jogi Löw nur kurz kann, der irrt. 2003 bestieg er den Kilimandscharo. Für ihn eine andere Art des Laufens, und die größte Grenzerfahrung seines Lebens. So erzählte er einst in einem Gespräch mit der Funke Mediengruppe: „Das war das interessanteste und erkenntnisreichste Erlebnis überhaupt in meinem Leben. Es ist körperlich und geistig eine wahnsinnig große Anstrengung, weil man jeden Tag zwölf Stunden läuft. Am letzten Tag vor dem Aufstieg sind wir morgens um sieben Uhr losgegangen. Jeder Schritt tat so weh, dass ich das Gefühl hatte, es ist der letzte, den ich mache. Ich habe immer zehn Schritte gezählt, um die nächste Pause zu machen. Und wenn ich die zehn Schritte gemacht habe, dann dachte ich: Jetzt drehst du um. So ging das drei, vier Stunden lang, körperlich und geistig völlig am Limit. Und dann gegen fünf Uhr am Morgen haben wir eine Kuppe überquert und den Gipfel gesehen. Bis dahin sind es dann normalerweise noch zwei Stunden. Aber als ich über diese Klippe hinweg war, dachte ich, ich sei neu geboren. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich den Rest joggen könnte.“

Den wahren Grund seiner Laufleidenschaft erfährt man kaum. Wie für viele Läufer ist das auch für Löw Privatsache, und natürlich auch das, was er währenddessen denkt und verarbeitet. Er gab eigentlich nur 2016 einen Moment, da ließ er in sein Herz blicken. Und sagte, was ihm das Laufen zeigt: „Dass es immer weiter geht, dass man immer noch einen Schritt nach vorne machen kann, selbst wenn man glaubt, dass es nicht mehr geht. Und wenn man das Ziel sieht, egal wie schwer es zu erreichen ist, dann dreht man nicht um! Diese Erkenntnis hat mir in meinem Leben immer geholfen – auch bei Rückschlägen oder Enttäuschungen.“ Ehrlich? Das ist die beste, ehrlichste und schönste Liebeserklärung für unseren Sport. Der Bundestrainer bringt es auf den Punkt. Wie so oft. So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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