Kolumne: So Läuft es : Ein Lauf wie im Märchen

Schneewittchen, Dornröschen, Frau Holle... Unser Kolumnist freut sich auf einen der liebevollsten und schönsten Läufe Deutschlands.

Päuschen vom Läufchen: Schneewittchen und die zehn Tiere.
Päuschen vom Läufchen: Schneewittchen und die zehn Tiere.Foto: dpa

Rotkäppchen-Etappe, Dornröschen-Etappe, Schneewittchen- Etappe, Frau-Holle-Etappe, Hänsel-und-Gretel-Etappe – macht von diesem Freitag an bis Sonntag 81,3 Kilometer durch den Vogelsberg und die Wetterau.

500 Kilometer entfernt von Berlin, mitten im Main Kinzig Kreis, findet wohl einer der liebevollsten und schönsten Läufe Deutschlands statt: Der Brüder-Grimm-Lauf. Über 1000 Läuferinnen und Läufer machen sich jedes Jahr auf den Weg. Was so süß und lieblich klingt, ist jedoch knallharter Leistungssport. Der Freitag beginnt mit einer 14 Kilometer langen Etappe. Flach, Asphalt, etwas Wald, man rollt sich ein. Samstag und Sonntag sind es jeweils zwei Etappen, dazwischen eine mehrstündige Pause. Diese ist besonders böse, denn der Körper fährt komplett runter. Um dann wieder ruckartig Höchstleistung bringen zu müssen.

Die ersten Meter einer jeden zweiten Tagesetappe fühlen sich wie Watte im Kopf an. Und doch schwebt man wie auf Wolken, beseelt von einem Fleckchen Natur, das einfach märchenhaft schön ist. Dieser Lauf ist nicht für Weltrekorde gemacht und er wird wohl nur dieses eine Mal in einer großen Zeitung erwähnt. Und das ist gut so. So bleibt diese kleine Läuferinsel ein Geheimtipp. Es ist kein Lauf für jedermann. Es ist ein Lauf für Leute, die richtig laufen können. Die viele Höhenmeter können – und diese aber genießen. Es ist ein Lauf für Leute, die über 30 Kilometer am Tag gut schaffen, bei Hitze, Sturm und Regen. Das Wetter in der Wetterau kann launisch sein.

Wir hatten einen schlimmen Winter. Er hatte Darm. Ich Knie.

Der Brüder-Grimm-Lauf ist für alle die, die an einer Versorgungsstelle ganz schlicht mit Obst, Bananen, Wasser und Kekse auskommen. Denen die aufmunternden Worte der vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer besser runter gehen als irgendein künstliches Powergel. Und er ist ein Lauf für alle die, denen das Miteinander mehr bedeutet als die eigene Bestzeit. Auf den Höhen und in den Tiefen des Vogelsberges wird miteinander gelacht, geweint, geflucht und gefightet. Wer den BGL einmal gelaufen ist, wird es immer wieder tun. Selten habe ich einen Lauf erlebt, der so viele Wiederholungsläufer akquiriert. Der BGL hat etwas Liebevolles. Es ist wohl die Liebe zur Natur, die die BGL-Läufer miteinander verbindet. Und nirgendwo entstehen mehr Freundschaften als während dieses Laufes. Ich bin mir sicher. So wie die zwischen Peter und mir.

Wir hatten einen schlimmen Winter, wir beide. Er hatte Darm. Ich Knie. Und bis vor wenigen Wochen war nicht klar, ob wir unser Ritual pflegen können. Der Brüder Grimm Lauf hat uns vor Jahren zu echten Freunden gemacht. Und die Hoffnung, auch dieses Jahr wieder am Start zu sein, hat uns stark gemacht. Freundschaft. Darum laufen wir. Und darum haben wir gekämpft. Und gewonnen. Morgen sind wir mit all den anderen wieder am Start. Möge es Frau Holle gut mit uns meinen. So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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