Kolumne: So läuft es : "Hallo Knie" – "Hallo Mike"

Unser Kolumnist steht in einem offenen Dialog mit seinem Knie. Seitdem sind die Schmerzen weg. Wer Herz und Kopf verbindet, wird ehrlicher und länger laufen.

Mike Kleiß
Nicht das Knie von Kleiss. Sondern von Robert Harting.
Nicht das Knie von Kleiss. Sondern von Robert Harting.Foto: dpa

Sie können am Ende dieser Kolumne sagen: „Mann, der ist aber weich geworden, dieser Kleiß.“ Und dann rufe ich Ihnen zu: Nein. Er war es schon immer. Allerdings – und vielleicht regnet es einfach zu lange und zu oft, so dass man die kalte und düstere Zeit zum Nachdenken nutzt – stelle ich mir seit einiger Zeit eine zentrale Frage: Ist der bessere Läufer vielleicht der Läufer, der zunächst auf sein Herz hört? Dann im Kopf die Dinge verarbeitet, um all die entstandene Energie zu nehmen und sie in die Beine zu pumpen? Ist es nicht so, dass der Kopf der Katalysator unserer Laufenergie ist? Nein, sogar sein muss. Ich bin mir sicher, es ist genau so! Alles das, was für den Läufer wirklich wichtig ist wie: Das Gewinnen, das Scheitern, das Ankommen, der Wille, der Fortschritt, der Stillstand, der Schweinehund, die Schmerzen, das Runners High, sind die Dinge über die wir im Grunde ständig nachdenken. Weil sie jeden von uns betreffen, irgendwann. Denken wir aber wirklich darüber nach? Oder denken wir die Dinge nur an?

In Wahrheit beschäftigen wir uns zu oberflächlich damit und konzentrieren uns eher auf den in Stein gemeißelten Marathonplan. Auf das Krafttraining, auf den Einkaufszettel für die perfekte Ernährung, auf die Auswahl des noch besseren Laufschuhs, auf die nächste Bestzeit. Es scheint nicht angesagt zu sein, sich mit sich selbst zu lange zu intensiv zu beschäftigen. Und wer es doch tut, gilt noch immer als sehr, vielleicht zu weich. Oder als verkappter Esoteriker. Oder als der Yogameister unter den Läufern.

Immer wieder wiederholte ich den Satz. Und die Schmerzen gingen.

Ich oute mich, ich bin all das gerne. Ein Beispiel: Seit einigen Monaten plage ich mich mit Schmerzen im Knie. Nach meiner OP geht es auf und ab. Kein Knie-Tag ist wie der andere. Und ich habe eine ganze Armada von Experten um mich herum geschart. Die Zahl der Experten wurde größer, die Meinungen multiplizierten sich, die Schmerzen blieben. Bis zu dem Tag, an dem ich mit meinem Knie in einen offenen Dialog trat. „Okay, Du bist beleidigt. Verstehe ich. Und Recht hattest Du, Knie. Aber nun weiterhin die beleidigte Leberwurst zu spielen, ist auch albern. Damit ist nun Schluss. Ich habe Dich verletzt. Das tut mir leid. Jetzt aber verletzt Du mich. Zu lange schon. So läuft es. Nicht.“, sagte ich laut vor einigen Tagen auf der Fahrradrolle, die zu meinem Ersatztraining geworden ist. Nachdem ich es ausgesprochen hatte, trat ich sachte aber bestimmt vermehrt und vor allen Dingen bewusst ins Knie hinein. Immer wieder wiederholte ich den Satz. Und trat weiter. Die Schmerzen gingen. Von diesem Tag an. Und die Momente in denen ich mit dem Knie rede, werden weniger. Es wird immer weniger notwendig.

Heute bin ich die ersten Meter wieder gelaufen. Auch wenn es nur 100 Meter waren, anstatt 20 Kilometer. Diese 100 Meter fühlten sich ehrlicher an als die 30 000 Kilometer der letzten Jahre. Und ich bin ganz sicher: Wer sich mit seinen Fragen bewusst, ganz bewusst auseinandersetzt, wer zunächst Herz und Kopf verbindet, und die geballte Energie in den Körper fließen lässt, wird ehrlicher und länger laufen. Namaste. So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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