Kolumne: So Läuft es : Raus aus der Unsicherheit!

Frauen, die Angst haben, zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten zu laufen? Das sollten wir nicht hinnehmen, schreibt unser Kolumnist.

Die Tage werden kürzer, das Risiko für Läuferinnen deswegen größer?
Die Tage werden kürzer, das Risiko für Läuferinnen deswegen größer?Foto: dpa

Ein Blick in meinen Instagram-Account hat mir neulich gereicht. Tatjana aus Köln schreibt: „Was Ernstes, aus aktuellem Anlass: Passt gut auf Euch auf wenn ihr abends alleine laufen geht. Ich hatte heute eine sehr unangenehme Begegnung. Ich wurde von einem Typen auf dem Fahrrad verfolgt. Schmieriges Lächeln, Weg abschneiden, fast berühren, fast in die Hacken fahren, angegafft werden. 1000 Szenarien im Kopf, was hätte passieren können. Was ich sagen will: Nehmt ein Handy mit, sprecht Leute an, lauft keine einsamen Strecken, sagt Euren Freunden wo Ihr laufen geht, passt auf Euch auf.“

Ich habe oft ähnliche Berichte gelesen, aber diesmal hat es etwas mit mir gemacht. Es hat so viel mit mir gemacht, dass ich kaum Worte finde. Und unsicher bin. Weil ich ein Mann bin, das alleine reicht. Ich bin noch nie auf die kranke Idee gekommen, einer Frau ungefragt nahekommen zu wollen. Doch ich fühlte mich nach dem Post auf eine Art schuldig, ohnmächtig.

Ein Bekannter von mir arbeitet bei der Polizei. Als ich ihn frage, was die Polizei in solchen Fällen rät, wirkt es für mich wie Hohn: „Frauen sollten nicht in der Dunkelheit laufen, immer in Begleitung, immer auf Strecken, auf denen auch andere Menschen anzutreffen sind.“ Ohne Polizei-Bashing betreiben zu wollen, aber das ist mir zu einfach. Ich bin fest der Meinung: Es kann nicht sein, dass Frauen in einem Land wie Deutschland Vorsorge treffen müssen, wenn sie vor die Türe gehen. Wenn dem so ist, hat der Staat versagt.

Die Berichte vieler Frauen werden immer extremer

Ich habe das Thema in den sozialen Netzwerken zur Debatte gestellt. Ein wertvoller Hinweis kommt von Angela: „Als Mann kann man auch aktiv dazu beitragen, dass sich Frauen sicherer fühlen. Indem man ihnen zum Beispiel nicht ewig dicht folgt, sondern entweder zügig überholt, oder eine Extrarunde dreht, einfach Abstand hält. Natürlich hält man als Frau nicht jeden Mann für einen Vergewaltiger, aber es ist unheimlich, wenn lange jemand hinter einem läuft.“ Auch die Stimme von Katha löst etwas in mir aus: „Ich stehe morgens vor der Entscheidung: Wald mit Wildschweinen, oder durchs Dorf mit ebenfalls komischen Gestalten.“

Viele meiner Lauffreundinnen aus den Netzwerken sind in einer ähnlichen Angst und Ohnmacht. Ich bin es auch. Und ich bin mir sicher, dass wir „normalen“ Männer fast ebenso unsicher sind wie viele Frauen. So wie Andreas aus Berlin, der mir schreibt: „Auch ich als Mann gehe ab einer bestimmten Zeit nicht mehr im Park laufen. Um 23 Uhr sind mir da zu viele Suffis und Chaoten.“ Wir müssen das Thema öffentlich besprechen, wir müssen raus aus der Unsicherheit, raus aus der Hilflosigkeit. Die Berichte vieler Frauen werden immer extremer, und wir können es nicht hinnehmen dass Menschen vor allen Dingen eines haben: Angst, vor die eigene Türe zu gehen. Das geht gegen das höchste Gut, das uns heilig sein sollte, das geht gegen die Freiheit. So läuft es. Nicht.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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