Kolumne: So läuft es : Schluss mit der Selbstoptimierung

Neues Jahr, neue Diät? Muss nicht sein - Laufen geht auch mit ein paar Kilo mehr auf den Rippen.

Beim Laufen zählt mehr als nur der Blick auf die Waage.
Beim Laufen zählt mehr als nur der Blick auf die Waage.Foto: Nina Zimmermann/picture alliance/dpa-tmn

Sie kennen das: Jedes Magazin, jedes Werbeplakat nach Weihnachten zeigt uns ein einziges Bild. Gut, in kleinen Abwandlungen. Schlanke, schöne Menschen. Sportlich, durchtrainiert, nahezu perfekt. Darunter schöne Slogans, die uns suggerieren wollen: Nur wer schlank und schön ist, ist gut. Ist erfolgreich. Ist gesund. Getriggert wird das schlechte Gewissen bei allen, die den bunten Bildern einfach nicht entsprechen. Gerade Menschen, deren Selbstbewusstsein – aus welchen Gründen auch immer – nicht das beste ist, werden hier im günstigsten Fall schlechte Laune bekommen.

Ich finde das nicht fair. Ich finde es sogar unerträglich, ein Bild der idealen Gesellschaft zu zeichnen, das auf Oberflächlichkeit basiert. Wenn Sie zu den Menschen gehören, die ein solches Bild verletzt, rufe ich Ihnen gerne zu: Sie sind genau okay, so wie Sie sind. Sie sind unschlagbar gut, so wie Sie sind. Und wenn Sie für sich etwas ändern wollen, dann tun sie es für sich. Und für niemanden sonst. Schon gar nicht aus der Sehnsucht heraus, eines Tages wie das Model auf dem Plakat oder im Magazin aussehen zu wollen oder gar zu müssen. Es geht gar nicht darum, durch die scheinbar perfekte Figur Selbstbewusstsein zu bekommen. Es geht darum, sich seiner selbst bewusst zu sein. Und das ist ein großer Unterschied. Sei dir deiner selbst bewusst, bedeutet: Ich bin mir im Klaren über mich selbst. Ich kenne meine Defizite, aber noch genauer kenne ich meine Stärken. Und genau diese gilt es weiter zu stärken.

Ein Beispiel: Es gibt bei jedem Marathon Menschen, die äußerlich so gar nicht nach Marathon aussehen, die weder drahtig noch durchtrainiert erscheinen. Die äußerlich gefühlt 20 Kilogramm Übergewicht haben. Und doch laufen sie besser und schneller ins Ziel als viele dürre Läufer. Und warum? Weil sie sich ihrer selbst bewusst sind. Sie wissen genau: Hätte ich 20 Kilogramm weniger, würde ich vielleicht eine ganze Stunde schneller ins Ziel laufen, meine Gelenke würden es mir auch danken, aber: Ich genieße eben gerne. Ich lutsche zum Mittag- und Abendessen nicht nur Eiswürfel. Ich laufe trotzdem gerne und regelmäßig. Und wissen Sie was? Ich feiere diese Läuferinnen und Läufer oft mehr als den verbissenen dürren Zeitenjäger.

Sei dir deiner bewusst, das bedeutet auch: Ich strahle nicht nach außen, weil ich einem Schönheitsideal entspreche, ich strahle von innen nach außen. Weil ich mir über mein Inneres bewusst bin, weil ich mich mag. In Südafrika habe ich beim „Two Oceans Ultramarathon“ nach 56 Kilometern Menschen ins Ziel laufen sehen, die so was von gar nicht dem Ideal entsprachen. Und doch hätte ich sie als Werber auf jedes Plakat genommen. Die Freude über das Ankommen, der Stolz in den Augen, die Freudentränen im Zielbereich, in den Armen der Lieben liegend, diese Ausstrahlung schlägt jedes gekünstelte Model-Lächeln. Und warum? Weil sich diese Menschen ihrer selbst bewusst sind. Weil sie sich sehen, wie sie sind. Sich mögen, wie sie sind. So läuft es.

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Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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