• Kosovos Fußballer mit historischer Chance: „Dieses kleine Land bei der EM ist eigentlich unvorstellbar“

Kosovos Fußballer mit historischer Chance : „Dieses kleine Land bei der EM ist eigentlich unvorstellbar“

Albert Bunjaku erzielte 2016 das erste offizielle Tor für den Kosovo. Im Interview spricht er über die Bedeutung einer möglichen EM-Teilnahme.

Albert Bunjaku bejubelt 2016 in Frankfurt das erste Tor der kosovarischen Länderspielgeschichte.
Albert Bunjaku bejubelt 2016 in Frankfurt das erste Tor der kosovarischen Länderspielgeschichte.Foto: picture alliance / dpa

Albert Bunjaku, 35, wurde im ehemaligen Jugoslawien geboren und kam als Kind in die Schweiz. Er spielte für den 1. FC Nürnberg in der Bundesliga und in der Zweiten Liga unter anderem für den 1. FC Kaiserslautern. Aktuell ist er bei Drittligist Viktoria Köln. Der Stürmer nahm mit der Schweiz an der WM 2010 teil. Später lief er für den Kosovo auf – zunächst bei inoffiziellen und nach Anerkennung durch Uefa und Fifa im Jahr 2016 bei offiziellen Länderspielen. Im Interview spricht er über die historische Chance des kleinen Landes auf eine erste EM-Teilnahme.

Herr Bunjaku, Sie bestreiten an diesem Donnerstag um 15 Uhr mit Viktoria Köln ein Testspiel beim Fußball-Zweitligisten VfL Bochum. Abends sind Sie also rechtzeitig zu Hause, um sich das EM-Qualifikationsspiel des Kosovo in Tschechien anzusehen?
Auf jeden Fall. Eventuell kommen noch ein oder zwei Freunde. Oder ich gucke ganz in Ruhe mit meiner Familie.

Bleiben Sie auch während des Spiels ruhig?
Wahrscheinlich nicht. Natürlich werde ich richtig mitfiebern. Wenn wir in Führung gehen oder das Spiel sogar gewinnen, wäre das eine Riesensensation.

Sie sind größtenteils in der Schweiz aufgewachsen. Wie sind Ihre Verbindungen in den Kosovo?
Ich habe noch einige Verwandte in Gjilan, der Stadt, aus der ich ursprünglich komme. Das letzte Mal war ich vor etwa anderthalb Jahren zu Besuch.

Der Kosovo kann sich aus eigener Kraft für die EM qualifizieren. Nach dem Spiel in Tschechien könnte es am Sonntag zu Hause gegen England um alles gehen. Die direkte Qualifikation wäre eine noch viel größere Sensation. Die Kartennachfrage soll gigantisch sein, aber das Stadion in Pristina fasst nur etwa 13.000 Zuschauer.
Wenn 200.000 reingehen würden, wäre es vermutlich auch voll. Mich haben 25 oder 30 Leute angesprochen, ob ich Karten organisieren kann. Ich wäre sehr gern hingeflogen, aber das passt zeitlich nicht. Jeder Kosovare wird sich diese Spiele anschauen.

Das Restprogramm kann kaum schwerer sein. Glauben Sie trotzdem an die direkte Qualifikation?
Was die Mannschaft bisher geschafft hat, ist bereits unglaublich. Ich hoffe einfach, dass es klappt. Dieses kleine Land bei der EM, eigentlich ist das unvorstellbar. In Tschechien wird es schon sehr schwierig. Aber da können wir unser offensives Spiel hoffentlich trotzdem umsetzen. Gegen England geht es eher darum, die Null möglichst lange zu halten. Doch wir können frech spielen, mit viel Selbstvertrauen. Es ist jeweils nur ein Spiel, ein Tor kann reichen.

Die Qualifikation zur WM 2018 schloss der Kosovo mit einem Punkt aus zehn Spielen ab. Nun sind es in der EM-Qualifikation elf Punkte nach sechs Spielen. Die Mannschaft war inklusive Freundschaftsspielen zwischenzeitlich 15 Partien ungeschlagen. Was ist da passiert?
Einen sehr großen Anteil hat der Trainer …

… der Schweizer Bernard Challandes, der das Amt im März 2018 übernommen hat.
Ich kenne ihn aus der Schweizer U-21-Nationalmannschaft. Er hat Professionalität reingebracht, ist sehr erfahren und auch sehr akribisch. Und die Spieler sind inzwischen fast alle in größeren Ligen. Das merkt man dann schon. Alle wissen, dass es etwas Besonderes ist, Teil dieser Mannschaft zu sein und möglicherweise etwas für die Geschichtsbücher zu schaffen.

Sollte es jetzt nicht klappen, gibt es im Frühjahr eine zweite Chance über die Play-offs in der Nations League. Weißrussland, Nordmazedonien und Georgien wären die möglichen Gegner.
Aber schöner wäre es, wenn es jetzt klappt.

Was würde die Qualifikation über den Fußball hinaus für das Land bedeuten?
Das wäre etwas sehr Großes. Man sieht schon, dass durch den Fußball viel über den Kosovo berichtet wird. Mit der EM-Teilnahme würde es noch viel mehr werden.

Zahlreiche Staaten, auch einige in der EU, erkennen den Kosovo nicht als unabhängig an. Welche Auswirkungen hätte eine erfolgreiche Qualifikation politisch?
Das kann ich nicht beurteilen. Wichtig ist, dass wir zeigen, dass auch ein so kleines Land die Qualifikation schaffen kann.

Viele Nationalspieler sind nicht im Kosovo groß geworden. Momentan ist nur einer aus dem Kader in der eigenen Liga aktiv. Kann sich daran in Zukunft etwas ändern?
Es wird drauf hingearbeitet, die Jugendarbeit zu verbessern und Strukturen zu schaffen. Die Euphorie, die derzeit herrscht, kann dabei helfen. Doch eins ist klar: Die besten Spieler werden auch weiter im Ausland spielen.

Der Kosovo erstmals bei der EM, das wäre etwas Historisches. Wären sie gern noch einmal ein paar Jahre jünger?
Ich bedauere schon, dass ich nicht mehr dabei bin. Die Quali hätte ich gerne mitgemacht. Ich hatte allerdings irgendwann in meinen Vereinen nicht mehr so viel gespielt und es gab ein paar Kleinigkeiten zwischen mir und dem damaligen Trainer. Ich wurde nicht mehr nominiert. Aber das ist Vergangenheit, es ist in Ordnung.

Und Sie waren an einem historischen Spiel beteiligt: dem ersten offiziellen Länderspiel des Kosovo. Im Jahr 2016 in Frankfurt am Main beim 2:0 gegen die Färöer.
Es war das erste Spiel, ich habe das erste Tor gemacht. Das bleibt für immer.

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