Krawall in Hamburg : HSV-Abstieg: "Die Pyro hätte man nicht verhindern können"

Die Hamburger Polizei stellt sich für den Einsatz beim vorerst letzten Bundesligaspiel des HSV ein gutes Zeugnis aus. Schnittmengen zum G20-Gipfel sieht der Innensenator nicht.

Üble Bilder. Wenigstens zog die Pyro-Inszenierung der HSV-Ultras keine üblen Folgen nach sich. Verletzt wurde niemand.
Üble Bilder. Wenigstens zog die Pyro-Inszenierung der HSV-Ultras keine üblen Folgen nach sich. Verletzt wurde niemand.Foto: Morris Mac Matzen/Reuters

Andy Grote, Hamburgs Innensenator, wusste, was nach dem Abstieg des Hamburger SV zu tun war. Der SPD-Mann setzte also eine sehr staatstragende Miene auf, in etwa so, wie man das bei öffentlichen Kranzniederlegungen beobachten kann, und verkündete einigen Reportern auf dem Parkplatz des Volksparkstadions ein paar Botschaften, die eben noch verschickt werden mussten. Über ein vom „Hamburger Abendblatt“ ausgesandtes Video erhielt man dann die Info, dass in Hamburg immer noch faszinierender Spitzensport zu erleben sei, „gerade in der Breite“. Und ja, dass der Abstieg des HSV natürlich „schmerzhaft“ sei. Was man halt als Staatsträger so sagt. Nur bei einer Frage verrutschte Grothes ernste Miene kurzzeitig hin zu einem Schmunzeln. Als jemand wissen wollte, ob es Schnittmengen zwischen dem HSV-Abstieg und den Ausschreitungen beim G20-Gipfel gebe.

„Das hielte ich für reine Spekulation“, sagte Grote lächelnd und schob nach: „Das glaube ich jetzt erstmal nicht.“ Wer die Bilder sah, die aus dem Volksparkstadion in die Welt gesandt wurden, dürfte diese Assoziation freilich schnell hergestellt haben. Dicker schwarzer Rauch waberte über der Nordtribüne, Böller knallten ordentlich. Die Ultras in Block 25 hatten zwei Minuten vor dem Ende des Duells zwischen ihrem HSV und Borussia Mönchengladbach (2:1) zur gespenstischen Abstiegsshow geladen, von „100 Fan-Idioten“ schrieb die „Bild am Sonntag“.

Hamburgs Polizeipressestelle konnte diese Zahl nicht bestätigen. Lediglich dies: Acht Personen habe man nach dem Spiel überprüft, die Personalien festgestellt und dann ihres Weges ziehen lassen. Festnahmen infolge der eingesetzten schwarzen Rauchtöpfe und des „massiven Einsatzes von Böllern“ – die genaue Menge konnte bislang nicht ermittelt werden – habe es nicht gegeben.

16 HSV-Anhänger nahm die Polizei in Gewahrsam, allerdings nicht wegen der Vorgänge im Stadion. Sie waren Teil einer rund 200 bis 250 starken Gruppe, die vor der Fankneipe des Stadtrivalen FC St. Pauli, dem „Jolly Roger“, rund 300 Anhänger St. Paulis aufgesucht und Nebeltöpfe gezündet habe. Einen Zusammenstoß, so die Polizei, habe sie erfolgreich verhindert, insgesamt seien beide Einsätze – im Stadion wie vor der Kneipe – zufriedenstellend verlaufen. Verletzte gab es keine.

Hamburg war kein Einzelfall

Am Tag nach dem Duell zwischen Hamburgern und Gladbachern drängte sich dennoch eine Frage auf: Wie kann es sein, dass es Teile der Fans, die sogenannten Ultras, trotz diverser Einlass- und Sicherheitskontrollen immer wieder hinbekommen, verbotenes Material in die Fankurve zu schmuggeln?
Innensenator Grote sagte dazu: „Das sind kleine Komponenten am Körper, die kriegen Sie nicht rausgefiltert.“ Für Grotes Einschätzung spricht: Nicht nur in Hamburg wurde an diesem Wochenende Pyrotechnik an den von den Klubs organisierten Kontrollen vorbeigeschmuggelt, auch in anderen, allerdings weit weniger öffentlichkeitswirksamen Ligen vernebelten Ultras die Stadien.

Beim Gastspiel in Chemnitz (1:1) präsentierten Fans des Drittligisten Hansa Rostock erst ein riesiges „ACAB“-Banner („All cops are bastards“) – dann entfachten sie dicke Schwaden wie in Hamburg, nur eben keine schwarzen, sondern blau-weiße, getreu den Vereinsfarben. Ähnliches war auch von den Babelsberger Fans im Regionalliga-Heimspiel gegen den Berliner AK (1:1) zu beobachten.

Was in beiden Fällen fehlte, war eine entsprechende Dramatik, ein Untergangsszenario. In Hamburg dagegen passte der schwarze Rauch perfekt zum Abstieg. Die Polizei reagierte angemessen. Sie besetzte das Spielfeld und ließ die Zündler gewähren, bis sich der Rauch verzogen hatte. Alles andere – etwa ein Blocksturm – hätte nicht im Verhältnis gestanden und Ausschreitungen provoziert. Das sah auch Grote so: „Wenn man da reingeht, wird es sehr schnell unübersichtlich.“ Nun gelte es, das umfangreiche Bildmaterial auszuwerten und gezielt gegen Personen vorzugehen. Das Fazit von Andy Grote: „Die Pyro hätte man nicht verhindern können.“

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