Kreuzbandriss bei Felix Neureuther : Partenkirchen oder Pyeongchang

Felix Neureuther klammert sich nach dem Kreuzbandriss weiter an den Traum von einer olympischen Medaille.

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Felix Neureuther raste mit viel Herz. Schnell, mutig. Dann fädelte er ein. Aus. Wieder einmal wurde es nichts mit einer Medaille. Das war vor gut drei Jahren auf der olympischen Piste von Rosa Chutor. Bereits 2010 in Vancouver schied Neureuther im ersten Lauf des Slaloms aus, 2014 passierte ihm der Fehler im zweiten Durchgang. Olympia und Felix Neureuther, das kam nicht zusammen und wird wohl nie zusammenkommen. Denn nun hat Neureuther das Rennen um die Medaillen schon vor dem Start verloren: In Pyeongchang wird er kaum starten können, ein Kreuzbandriss am zurückliegenden Wochenende hat all seine Hoffnungen auf die Winterspiele im Februar 2018 zerstört.

In einem selbstgedrehten Video hat Neureuther, im rustikalen Naturholzbett liegend, der Skiwelt per sozialem Netzwerk von seinem Trainingsunfall in den USA erzählt. Es lässt sich bei Ansicht des gut 30 Sekunden langen Wackelfilmchen im Gesicht Neureuthers ablesen, wie sehr er die Zähne zusammenbeißen muss, als er von seinem Saisonende spricht. Er werde nun nach Hause fahren und operiert werden „Drückt’s mir die Daumen, damit alles gut wird“, sagt er. „Wenn man es positiv sehen will: Ich kann jetzt sehr viel Zeit mit meiner kleinen Tochter verbringen.“ Es klingt frustriert. „Hinfallen ist keine Schande, nur liegen bleiben“, hat er das Stück auf seiner Facebook-Seite betitelt. Nicht einfach, wenn man mit 33 Jahren schon im Frühherbst der Karriere ist.

Der Slalom ist Neureuthers Disziplin. Zu Beginn der Weltcup-Saison hat er beim Rennen in Levi gesiegt. Der Erfolg von Finnland sollte die erste Stufe auf dem Weg zum olympischen Podest sein. Der Weg zu seiner Medaille, die er sich so sehr erhofft hat. Und nun das. Wieder kurz vor seinem olympischen Auftritt ist ihm ein Unglück passiert, fast wie 2014. Unmittelbar vor der Anreise zu den Spielen von Sotschi hatte er einen Autounfall, erlitt ein Schleudertrauma und Rippenprellungen. Er startete schließlich doch im Riesenslalom, den er mit einem Platz acht achtbar zu Ende fuhr. Die Medaille wollte er im Slalom holen. Riesenslalom-Olympiasieger Ted Ligety aus den USA sagte vor dem Rennen: „Ich bin mir sicher, dass Felix nach dem Slalom auf dem Siegerpodest steht.“ Doch dann lag der Mann aus Partenkirchen nach dem ersten Lauf nur auf Rang sieben, riskierte alles und blieb an einer eine Stange im zweiten Durchgang hängen. „Es machte bing, und dann war es vorbei“, sagte Neureuther. „Es war die unglücklichste Woche, die ich in meiner Karriere erlebt habe.“

"Er wurde mit Skiern an den Füßen geboren", sagt der Papa

Neureuthers hoffnungsloser Kampf um die Medaille, die die halbe Sportwelt von ihm erwartet um den smarten, hübschen Burschen dann auf das ganz große Podest zu hieven, ist fast tragisch. Die Medaille war in der Familiensaga fest eingeplant – weil er so talentiert ist und weil die omnipräsenten Eltern Rosi Mittermaier und Christian Neureuther heißen. Die verpassen am Laufsteg keine wichtige Show von Tochter Ameli Neureuther, Modedesignerin. Und sie sitzen auch bei allen wichtigen Starts des Sohnes auf der Tribüne.

„Er wurde mit Skiern an den Füßen geboren“, hat der Papa über seinen Sohn kürzlich erzählt. Als Zweijährigen hat Christian Neureuther den Filius das erste Mal auf die Skier gestellt, mit drei Jahren hat der Sohn das erste Rennen bei den Klubmeisterschaften den SC Partenkirchen gewonnen. Der Erfolg wurde ein ständiger Begleiter in seiner Karriere. Elf Weltcupsiege im Slalom, einer im Riesenslalom. Weltmeister mit der Mannschaft, Silber und zweimal Bronze im Slalom (zuletzt dieses Jahr in St. Moritz). Doch auch der Druck wurde ein stetig wachsender Begleiter des Sportlers Felix Neureuther. Oft ist er an ihm gescheitert, nicht nur bei Olympia. Bei der Weltmeisterschaft 2011 in seiner Heimatstadt schied der Bayer im Slalom aus, fuhr im Riesenslalom nur auf Rang 34.

Was sind Weltcup-Triumphe schon im Vergleich zu einer olympischen Medaille? Außerhalb der Skiszene zu wenig, um ein ganz Großer zu werden. Aber wenn ihn jetzt alle den „Unvollendeten“ nennen, ist das auch schon was für die Ewigkeit. Ivan Lendl ist ein Dutzend Mal in Wimbledon gescheitert, doch ist auch heute als Tennisikone immer noch bekannter als ein Wimbledonsieger wie Pat Cash, der Lendl vor 30 Jahren im Wimbledon-Finale bezwang.

Bis zum olympischen Slalomrennen sind es noch zwölf Wochen, am Montag nach der Landung auf dem Flughafen in München hat Felix Neureuther gesagt: So lange noch ein „kleines Fünkchen Hoffnung besteht, dass vielleicht auch Olympia möglich sein sollte“, so lange werde er darauf hinarbeiten – womöglich ohne Operation. Aber das ganze sei erst mal eine „Träumerei“.

Denn mit der Teilnahme an den Winterspielen nach Südkorea ist das wohl noch unrealistischer für ihn. 2022 in Peking wird Felix Neureuther 37 Jahre alt sein. Wobei: Sein verkorkstes Rennen von Rosa Chutor 2014 gewann der routinierte Mario Matt. Der Österreicher wurde damit ältester Olympiasieger im alpinen Ski überhaupt. Matt war immerhin schon 35 Jahre alt.

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