Kulturgut Fußball : Public Viewing: Schaltet mal ab!

In fast jeder Bar wird inzwischen Fußball gezeigt. Das nervt – und ist auch keine gute Marketingstrategie. Drei Vorschläge, was Kneipiers stattdessen machen können.

Markus Lücker
Zuschauer beim Public Viewing in Berlin.
Zuschauer beim Public Viewing in Berlin.Foto: AFP/John MacDougall

Weltmeisterschaften sollen auch der Ort für Utopien sein. Die Klassiker: Sport als ideologieblinder Nationenkleister; Sport als Antriebsmittel, um zuckerabhängige Achtjährige von der Playstation wegzukriegen; Sport als Ursprung von Heldensagen. Die bessere Utopie: Ein Ort, an dem man momentan nicht von auf Anschlag hochgedrehten Fernsehern angeblafft wird.

Unter dem Druck der kulturellen Vormachtstellung des Ballsports haben Deutschlands Kneipiers mal wieder technisch aufgerüstet. An welcher Bar man auch vorbeigeht, auf jeder von Jahrzehnten des Kettenrauchens vergilbten Raufasertapete findet sich das gleiche Beamerbild – meistens blass, schief und mit Zwischenstand von 0:0 in der 80. Minute. Muss das sein?

Klägliches Publikum sind meist eh nicht mehr als vier Gestalten, wobei die genaue Konstellation wechseln kann. Die Standardaufstellung: Zwei Typen Ende 50, mindestens einer davon mit Camp-David-Polohemd. Bei beiden könnte der Beobachter schwören, sie zuvor bereits in den drei benachbarten Kneipen gesehen zu haben.

Auf dem verklebten Fliesenfußboden liegt sich ein Zwergspitz das Fell schmutzig. Das sind jene flauschigen Hunde, die stets gucken, als ob sie gerade einen Geburtstagskuchen auspusten dürfen. Wahrscheinlich wurde der Camp-David- Typ rausgeschickt, damit "Die Gräfin", so der Name des Tieres, in irgendein Gebüsch kacken kann. Aber aus dem zehnminütigen Spaziergang wurde dann doch wieder ein zweistündiger Aufenthalt in "Manfreds Gute-Laune- Treff".

Neue Geschäftswege gehen

Das führt uns zum Protagonisten dieser Tragödie. Mal heißt er Manfred, 67, geschieden, fährt einmal monatlich in die alte Heimat nach Koblenz, um mit dem stellvertretenden Polizeipräsidenten in den Swinger-Club zu gehen. Mal heißt der Kneipenbesitzer Malte, 31, abgebrochenes Marketingstudium, hat in einem Flugzeugmagazin einen Artikel über selbstgemachtes Tonic-Water gelesen, spontan einen Kredit aufgenommen und ist mittlerweile zu verschuldet, um noch aussteigen zu können.

Doch egal, wie die Kneipenbesitzer heißen, alle haben sie diesen Zwang in sich. Es muss flimmern in der Kaschemme. Denn es ist doch WM und wer bei der WM Gäste haben will, braucht den Fußball in seiner Bar – haben sie irgendwo gehört.

Aber warum nicht mal anders? Statt inflationärer Sport-Bedudelung einfach das Konzept umdrehen. Keine Fernseher, keine übersteuerten Bluetooth-Boxen von Amazon, keine Fähnchen und keine Blümchenketten in Schwarz-Rot-Gold . Das Ganze kann auch gleich den passenden Namen bekommen: "Athletic Detox", eine Entschlackungskur vom Sportkonsum für trendaffine Großstädter.

Option 1: Sensorische Deprivation. Alles raus, keine Geräusche, Schweigen wie im Kloster. Am besten noch eine Augenbinde dazu. Wer richtig investieren will, stellt sich ein paar Isolationstanks vor den Tresen. Die von der Außenwelt abgeschirmten Salzwasserbecken werden schon lange in der alternativen Medizin genutzt, um Stress und Burnout zu therapieren.

Der Gast lässt sich in der Kapsel von der Größe eines Fiat Punto treiben. Weil die Sinne in diesem Zustand unterbeansprucht werden, soll das Erlebnis zu Tiefenentspanntheit und teilweise zu Halluzinationen führen – das muss nicht funktionieren, das muss nur 200 Euro pro Stunde kosten.

Mehr soziale Verantwortung bitte!

Option 2: Dekonstruktion. Statt das eigene Etablissement mit verschwitzten Männerkörpern und patriotischem Flaggengeschwenke zu einer Kultstätte des Chauvinismus zu machen, kann die WM eine Gelegenheit sein, um an den Grundfesten der gesellschaftlichen Ordnung zu rütteln: Kein Fußball, kein Staat, kein Patriarchat! Wie wäre es mit ein bisschen mehr sozialer Verantwortung, liebe Barbetreiber?

Aus dem Fernseher heraus singen nicht "unsere Jungs" die Nationalhymne, sondern ein Chor rumänischer Frauenrechtsaktivist_innen über ihre Abtreibungserfahrungen unter der Ceausescu-Diktatur. Von der Decke hängen rote Luftballons, die mit Pappmaché-Vulven präpapiert wurden. Das verlangt natürlich eine clevere Marketingstrategie über Twitter und Instragram: #Feminism, #SmashThePatriarchy.

Option 3: Boykottparty für alle Medienskeptiker. Klientel sind jene, die schon bei der Eröffnungsfeier wegen der beiläufigen ARD-Kommentare zum Thema Doping in Russland am liebsten in den Fernseher treten wollten – verfluchte Systemmedien-Huren von den Öffentlich-Rechtlichen mit ihrer Hasspropaganda. Machen Sie Ihre Kneipe zu einem Ort des kultivierten Diskurses. Bei Ihnen treffen sich die radikalen Vordenker unserer Zeit. Und zu trinken gibt es natürlich nur Moscow Mules, frisch aus dem Alu-Hut.

Mit diesen Strategien schafft es auch „Manfreds Gute-Laune-Treff“ mit überragenden Umsatzzahlen durch die WM – dank eines eigenen Profils. Das mag den Überzeugungen der Wirte widersprechen. Vielleicht halten sie alternative Medizin für Humbug, sind Fans des Patriarchats und sind abgesehen von den Rundfunkgebühren ganz zufrieden mit ARD und ZDF. Aber die WM ist keine Zeit für Überzeugungen, sondern für Profite.

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Wer glaubt bitte ernsthaft, dass jede zweite Bar momentan Public Viewing veranstaltet, weil die Betreiber so große Fußball-Fans sind? Dasselbe gilt für die Hersteller von Duschgel, Sandwichmakern, Ketchup und Flutschfinger-Kindereis, die ihre Produkte für einen Sommer in Deutschlandfarben dekorieren. Wenn schon Kapitalismus, dann mit Kalkül. Denn wer keine Überzeugung hat, kann sich auch einfach eine aussuchen.

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