Langlauf-Staffel der Männer : Der Super Bowl der Norweger

Norwegen ist Favorit in der Langlauf-Staffel der Männer – so wie 1994 bei Olympia in Lillehammer. Doch Björn Daehlie ließ sich damals auf der Zielgeraden düpieren.

Volksfeststimmung. In Lillehammer verfolgten 1994 mehr als 150 000 Zuschauer die Entscheidung in der Langlauf-Staffel zwischen Silvio Fauner (vorn) und Björn Daehlie.
Volksfeststimmung. In Lillehammer verfolgten 1994 mehr als 150 000 Zuschauer die Entscheidung in der Langlauf-Staffel zwischen...Foto: Gabriel Bouys/AFP

Lillehammer 1994. Zwei Wochen strahlender Sonnenschein, dazu echter Schnee und begeisterte Zuschauer – vor 24 Jahren fanden in dem kleinen norwegischen Ort die perfekten Olympischen Winterspiele statt. Zumindest hat die Welt Olympia in Lillehammer so in Erinnerung. Ganz perfekt war die Veranstaltung allerdings nicht – zumindest aus Sicht der Norweger. Denn für die Gastgeber hatten die Spiele einen nicht ganz unerheblichen Makel: Im wichtigsten Rennen von Lillehammer reichte es für Norwegen nur zum zweiten Platz.

Am 22. Februar 1994 hatten sich geschätzt 150 000 Menschen im Stadion und an der Strecke für die 4 x 10-Kilometer-Staffel der Männer im Langlauf eingefunden. Ein US-Journalist nannte das Rennen später einmal den „Super Bowl Norwegens“. Die Fans standen teilweise in Zehnerreihen an der Loipe, schwenkten Nationalflaggen und feuerten ihr klar favorisiertes Quartett in freudiger Erwartung an. Das ganze Land schaute an diesem Tag auf Lillehammer und natürlich auf den Superstar Björn Daehlie. Der hatte zuvor in drei Einzelrennen schon zweimal Gold und einmal Silber gewonnen und sollte es als Schlussläufer richten.

Im Windschatten Daehlies befand sich allerdings der Italiener Silvio Fauner. Und der wollte sich einfach nicht abschütteln lassen. Fauner ließ seinen Gegner die Führungsarbeit verrichten, klebte praktisch an den Skienden von Daehlie, und als der zwei Kilometer vor dem Ziel das Tempo rausnahm und beinahe stehen blieb, machte es Fauner ihm nach. Es kam zum Sprint um den Olympiasieg. Daehlie scherte auf der Zielgeraden aus, doch Fauner hielt dagegen und hatte am Ende tatsächlich 0,4 Sekunden Vorsprung. Im Stadion herrschte ein Moment der Lähmung, bis klar wurde, dass Italien erstmals überhaupt die Männerstaffel gewonnen hatte.

Norwegen ist in der Staffel zuletzt neunmal in Folge Weltmeister geworden

Es war ein Stich ins Herz der Norweger, es dauerte vier Jahre, bis sie sich davon einigermaßen erholten. Denn in Nagano 1998 kam es in der Staffel zur Neuauflage des Duells gegen Italien. Wieder wurde um den Sieg gesprintet, diesmal allerdings hatten die Norweger Daehlie auf Position drei aufgestellt und Thomas Alsgaard übernahm den Schlusspart. Italien verließ sich erneut auf Silvio Fauner, doch diesmal hatte er das Nachsehen. Norwegen gelang die Revanche für die bittere Niederlage bei den Heimspielen.

Wenn am Sonntagmorgen in Pyeongchang die Entscheidung in der Männerstaffel bei den diesjährigen Spielen fällt (Beginn: 7.15 Uhr/live bei ZDF und Eurosport), wird das im aktuellen Olympiaort nur ein Randereignis vor ein paar hundert Zuschauern sein. In Norwegen hingegen werden viele Menschen früh aufstehen. Das Rennen über die 4 x 10 Kilometer ist für das Langlauf verrückte Land in etwa so bedeutsam wie ein Fußball- WM-Spiel für die Deutschen. Neunmal in Folge sind die Norweger Weltmeister in der Staffel geworden, der letzte Olympiasieg liegt allerdings schon 16 Jahre zurück. 2002 war Thomas Alsgaard noch einmal der Schlussläufer, es gab wieder einen Sprint gegen einen Italiener, diesmal Christian Zorzi. Und ein weiteres Mal entschied die Skispitze für den Norweger.

Dass die Italiener auch 2018 in Südkorea wieder über sich hinauswachsen, davon ist eher nicht auszugehen. Norwegen ist klarer Favorit, hat in Johannes Klaebo den neuen Langlauf-Superstar in seinen Reihen, der in Pyeongchang bereits den Klassik-Sprint gewann. Und auch wenn ihnen Dario Cologna im Freistilrennen über 15 Kilometer den Sieg weggeschnappt hat, so müssen sie den in der Staffel wohl kaum fürchten. Die Schweizer werden wohl eher mit den Deutschen um einen der vorderen Mittelfeldplätze kämpfen. Wirklich gefährden können die Norweger auf den jeweils zwei Klassik- und zwei Freistilabschnitten wohl allenfalls die Schweden. Auf einen Zielsprint wird es der Favorit diesmal aber nicht ankommen lassen wollen, denn die Erinnerungen an Lillehammer sind für die Norweger auch 24 Jahre danach und zwei Sportler-Generationen später immer noch präsent.

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