Laufkolumne „Losgelaufen“ : Auge in Auge mit dem Wildschwein – und was nun?

Bei ihren Läufen durch die Berliner Natur macht unsere Kolumnistin Bekanntschaft mit den Bewohnern des Waldes. Daraus hat sie viel gelernt.

Jeannette Hagen
Schwein gehabt: Auch in den Waldgebieten von Tegel lassen sich Wildschweine antreffen.
Schwein gehabt: Auch in den Waldgebieten von Tegel lassen sich Wildschweine antreffen.Foto: Gregor Fischer/dpa

Jeannette Hagen arbeitet als freie Autorin in Berlin und ist ausgebildete Sport- und Gymnastiklehrerin und Läuferin. Hier schreibt sie im Wechsel mit Radsporttrainer Michael Wiedersich.

Es ist Herbst. Eine wunderbare Zeit, um zu laufen. Im Park oder im Wald duftet es nach Pilzen, nach feuchter Erde und irgendwie auch schon ein bisschen nach Winter. Besonders, wenn man so wie ich ganz früh am Morgen läuft. Wenn sich der Frühnebel noch zäh zwischen den Bäumen hält und die Welt ein bisschen aussieht, als ob man durch eine beschlagene Brille schaut.

Im Wald ist man nicht alleine

Ich bin nicht die Einzige, die diese Jahreszeit besonders schätzt. Wenn ich meine Runden im Hundeauslaufgebiet im Grunewald drehe, sind die Spuren der Wildschweine nicht zu übersehen. Egal, welchen Weg ich nehme, überall ist die Erde entweder ganz frisch aufgewühlt oder zeigt, dass die Tiere vor einiger Zeit dort nach Nahrung gesucht haben. Es ist jedenfalls unmöglich auszublenden, dass sie in diesem Wald heimisch sind.

Meine erste Begegnung mit Wildschweinen hatte ich im Frühjahr 1989. Ich weiß das noch so genau, weil ich damals ganz neu in der Stadt war, mich noch nicht so gut auskannte und mir quasi gehend, laufend und radfahrend meine neue Heimat erobert habe. Den Grunewald habe ich als Läuferin schnell lieben gelernt. Dass dort auch Wildschweine leben, hatte ich allerdings nicht auf dem Schirm. Bis sie eines Morgens vor mir standen – eine Rotte mit Frischlingen.

Ich blieb wie vom Donner gerührt stehen, fühlte mein Herz bis in die Haarspitzen schlagen und hatte das Gefühl, dass es eine Ewigkeit war, in der wir alle – jeweils den anderen beobachtend – verharrten. Ich war so gebannt, dass ich das Auto gar nicht hörte, das sich aus meiner Richtung in Schrittgeschwindigkeit näherte und plötzlich neben mir stand.

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Es waren amerikanische Soldaten, die damals noch in Zehlendorf stationiert waren. Die Männer lachten mich an oder aus – wer weiß. Jedenfalls luden sie mich ein, neben ihrem Auto herzulaufen und so gefahrenlos an der Rotte vorbeizukommen, die ihrerseits das Weite suchte.

Respekt ist angebracht

Ein paar Jahre später gab es noch eine Begegnung. Diesmal mit einem Keiler, der im Buschwerk versteckt direkt neben meiner Laufstrecke stand. Ich habe ihn erst bemerkt, als ich exakt auf seiner Höhe war. Stehenbleiben war keine Option, also bin ich mit einem Adrenalinpegel, den ich danach nur selten wieder erreicht habe, weitergelaufen. Meine Erleichterung darüber, dass er keinerlei Interesse an mir zeigte, habe ich seither in Achtsamkeit umgemünzt.

Wenn ich heute im Wald laufe, dann stets mit der Gewissheit, dass es abseits der Wege Geschöpfe gibt, für die das, was ich als meine Laufstrecke bezeichne, Heimat ist. Ich weiß, dass ich es bin, die sie stört oder aufschreckt. Und eben mit diesem Respekt bewege ich mich in ihren Gefilden.

Bisher sind mir keine Wildschweine mehr begegnet, aber ich weiß jetzt, wie ich mich zu verhalten habe, wenn ich sie sehe. Anhalten, eventuell laut reden und langsam rückwärts gehen. Auf jeden Fall nichts tun, was sie erschrecken könnte.

Dass die Wildschweine im Grunewald an Menschen gewöhnt sind, mag stimmen. Es sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Wildtiere sind, die ihr Revier und ihre Nachkommen ebenso vor Eindringlingen schützen, wie wir Menschen es tun.

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