Leichtathletik : Clemens Prokop: Abschied eines glaubwürdigen Streiters

Leichtathletikpräsident Prokop tritt nach 17 Jahren und einigen Grabenkämpfen ab. Nachfolger Kessing ist ein Neuling in der Szene.

Jetzt ist er reif für den Urlaub. Clemens Prokop hatte einige Kämpfe auszutragen im DLV. Sein Vorgänger Helmut Digel war einer seiner größten Gegenspieler. Foto: Rainer Jensen/dpa
Jetzt ist er reif für den Urlaub. Clemens Prokop hatte einige Kämpfe auszutragen im DLV. Sein Vorgänger Helmut Digel war einer...Foto: picture alliance / Rainer Jensen

Eine Anfrage bei Clemens Prokop verläuft meist nach einem ähnlichen Muster. Prokop lässt dann ausrichten, dass er sich gleich in einer Sitzung befinde, er aber anschließend zu sprechen sei. Prokop, der Jurist und Sportfunktionär, hat Sitzungen und Meetings hinter sich gebracht, die für viele Leben reichen würden. An diesem Wochenende endet und beginnt gleichsam eine Ära im Leben des 60-Jährigen. Prokop wird beim Verbandstag nach 17 Jahren im Amt als Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) verabschiedet. „So ein Amt prägt einen. Ich hatte in diesem Jahr bis jetzt rund 140 Termine. Das laugt einen zeitlich aus“, erzählt er. „Für mich bedeutet das Ende der Präsidentschaft auch, Freiheit zurückzugewinnen.“

Das klingt alles nicht so, als verließe da einer wehmütig einen mächtigen Posten im deutschen Sport. Dabei, so ist aus internen Kreisen zu erfahren, hätte er gerne noch bis 2018 oder 2019 weitergemacht und dann den Stab an einen Nachfolger seiner Wahl weitergegeben. Es ist anders gekommen. Der sportpolitische Neuling Jürgen Kessing wurde in Darmstadt als einziger Kandidat zum Präsidenten mit 88,3 Prozent gewählt. Kessing ist Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen und außerhalb von Bietigheim-Bissingen kennt den Mann kaum jemand. Vermutlich hat ihn gerade das für dieses Amt qualifiziert und natürlich der Umstand, dass Kessing nicht im Sport verortet ist. Der Mann aus der Provinz musste sich nicht mit leidlichen Themen wie Korruption und Doping herumärgern, und er hatte bislang keine Grabenkämpfe in der groben Sportfunktionärswelt auszutragen. Clemens Prokop hat viele dieser Kämpfe in den vergangenen 17 Jahren geführt, und nach dieser langen Zeit lässt sich sagen: Er hat sich achtbar geschlagen.

Die Herausforderungen, als er im März 2001 zum DLV-Präsidenten gewählt wurde, hätten viel größer nicht sein können. Prokop fand einen Verband vor, der sportlich dem versiegenden Erbe des DDR-Leistungssports nachtrauerte, der doch so viele Medaillen lieferte. Er fand auch einen Verband vor, der wirtschaftlich nicht gut dastand, kaum Rücklagen hatte und kommerziell nicht so aufgestellt war, dass sich dies bald ändern könnte. Und dann war da noch die Affäre um Dieter Baumann, den Goldmedaillengewinner über 5000 Meter bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona. Baumann war 1999 positiv auf Nandrolon getestet worden, kurz darauf wurde das Anabolikum in seiner Zahnpasta gefunden. Prokops Vorgänger Helmut Digel glaubte lange an die Unschuld des deutschen Ausnahmeathleten. Prokop tat dies nicht. Da sei etwas im Verhältnis der beiden kaputtgegangen, so sehr, dass die beiden danach ein Nicht-Verhältnis gepflegt hätten, sagt ein Weggefährte von Prokop. Fortan hatte Prokop nicht nur mit den Defiziten im Verband, sondern auch mit dem Missfallen seines immer noch einflussreichen Vorgängers zu kämpfen.

Prokop öffnete den Verband für kommerzielle Interessen

Vor diesem Hintergrund fällt sein Wirken positiv aus. Prokop, seit 2011 Direktor am Amtsgericht in Regensburg, öffnete den Verband für kommerzielle Interessen. Der DLV steht wirtschaftlich gut da wie lange nicht mehr. Mehr noch als der unternehmerische Erfolg des Verbandes aber wird Prokops Amtszeit mit seinem Engagement gegen Doping in Erinnerung bleiben. Prokop setzte sich stark für die Nationale Anti-Doping Agentur Deutschland (Nada) ein, er forderte vergebens, dass fünf Prozent aller Fördermittel für den Sport der Agentur zukommen sollten. Erfolgreich dagegen war sein Bemühen, ein Anti-Doping-Gesetz in Deutschland einzuführen, auch wenn dies bislang fast wirkungslos ist.

Prokop war ein glaubwürdiger Streiter für eine strukturell moderne Leichtathletik. Sein Problem war, dass er diesen verkrusteten Strukturen weit voraus war und – leider – immer noch ist. So wollte er den deutschen Leichtathletik-Verband professioneller machen, das Hauptamt in den Führungsebenen stärken. „Hat leider nicht geklappt. Ich habe dafür nicht die Mehrheit bekommen“, sagt er.

Prokop klingt manchmal ernüchtert, wenn er über seine Präsidentschaft spricht, über seine vielen Pläne, die oft nicht in Erfüllung gegangen sind. Ganz abgeschlossen hat er mit dem organisierten Sport aber noch nicht. Er sitzt im Organisationskomitee für die Leichtathletik-EM im nächsten Jahr in Berlin, und einer seiner Mitstreiter hat schon angekündigt, dass es in Kürze Interessantes in Sachen Prokop zu vermelden gebe. Ein paar Sitzungen wird er also auch in Zukunft noch hinter sich bringen.

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