Leon Goretzka ist ein Startelfkandidat : Joachim Löw: Mehr Confed-Cup wagen?

Entscheidet sich der Bundestrainer gegen Schweden für mehr Leichtigkeit, könnte Leon Goretzka in die Startelf rücken. Beim Confed-Cup war er eine echte Stütze.

Auf dem Sprung. Am Samstag könnte Leon Goretzka sein WM-Debüt feiern.
Auf dem Sprung. Am Samstag könnte Leon Goretzka sein WM-Debüt feiern.Foto: imago/Matthias Koch

Man tut Leon Goretzka vermutlich kein schlimmes Unrecht an, wenn man einen Zusammenhang herstellt zwischen seinem Charakter und seiner Art, Fußball zu spielen. Sein Spiel ist strukturiert, er verfügt über die kognitiven Fähigkeiten, auch komplizierte Situationen auf dem Feld zu entschlüsseln, und ist dem Ball dadurch oft einen Pass voraus.

Als der 23 Jahre alte Mittelfeldspieler vor ein paar Monaten zu der Entscheidung gelangt ist, von Schalke 04 zu Bayern München zu wechseln, hat er im Kopf auch schon ein paar Spielzüge vorausgedacht. Goretzka wusste, dass seine Entscheidung bei Schalkes Fans auf nicht allzu viel Verständnis stoßen würde, dass es Unmut und Pfiffe geben würde. „Dadurch habe ich schon im Voraus gute Erkenntnisse gehabt, wie ich damit umgehe. Das war der Schlüssel, warum ich das so gut überstehen konnte“, sagt er. „Im Nachhinein ist es natürlich auch eine spannende Erfahrung gewesen. Geschadet hat es meinem Charakter sicher nicht.“

Ein Spieler, der in Extremsituationen die Übersicht behält, sich nicht vom Moment übertölpeln lässt und vor allem nicht von konternden Mexikanern, ein solcher Spieler hätte der Nationalmannschaft beim WM-Auftakt gegen Mexiko sicher gut zu Gesicht gestanden. Auch deshalb wird der Name Goretzka jetzt immer wieder genannt, wenn es um mögliche Veränderungen für das Spiel am Samstag gegen Schweden geht.

Gegen Schweden geht es für die Deutschen um alles

„Wenn wir anders Fußball spielen wollen, brauchen wir vielleicht auch anderes Personal“, sagt Sami Khedira, der gewissermaßen das Gegenstück zu Goretzka ist. Er stand gegen Mexiko in der Startelf, verlor, völlig untypisch eigentlich, komplett den Überblick, ließ sich wieder und wieder aus der Reserve locken und schließlich von den flinken Mexikanern übertölpeln. Marco Reus für Thomas Müller respektive Mesut Özil und Leon Goretzka für Sami Khedira – das sind die Wechsel für das Spiel gegen Schweden, die im deutschen Fußballvolk derzeit die höchsten Zustimmungsraten erzielen. „Ich habe kein so großes Ego, dass ich sage: Ich muss jedes Spiel machen“, sagt Khedira. „Ich bin lange genug dabei.“ Das klingt erst einmal sehr kulant. Allerdings sagt der 31-Jährige auch: „Ich weiß, welche Art Spieler die Mannschaft jetzt braucht.“

Gegen Schweden geht es für die Deutschen um alles: Sie müssen gewinnen, um ihre Chance auf den Einzug ins Achtelfinale zu wahren. Was Khedira sagen will: Da braucht es Spieler, die dem Druck gewachsen sind, weil sie solche Situationen schon durchlebt haben. Spieler wie Sami Khedira eben. Das Problem ist: Gegen Mexiko standen fast ausnahmslos genau diese Spieler auf dem Platz. Der Startelf gehörten acht Weltmeister von 2014 an, aber nur vier Confed-Cup-Sieger von 2017.

Leon Goretzka war eine der Stützen im Team 2017. Vor einem Jahr stand er in vier der fünf Turnierspiele in der Startelf, als das Team der Namenlosen, beschwingt vom Blick aufs Schwarze Meer, das Publikum mit seiner erfrischenden Art begeisterte und sogar den Bundestrainer Joachim Löw in seinen Bann zog. In dieser Woche ist die Mannschaft nach Sotschi zurückgekehrt – auch in der Hoffnung, dass die Stimmung des vergangenen Sommers wieder auflebt und die Leichtigkeit ins Team zurückkehrt. Die Frage ist, ob es reicht, wenn man statt auf Birken in Watutinki wieder in Sotschi aufs Meer blickt. Oder ob die Mannschaft nicht auch personell mehr Unbekümmertheit braucht, Begeisterung statt Routine.

Schon vor der WM 2014 gehörte Goretzka zum erweiterten Kader

„Es geht nicht darum: einer raus, einer rein“, sagt Khedira. Der Bundestrainer sieht das erfahrungsgemäß ähnlich: Seine Veränderungen werden deutlich dezenter ausfallen als allgemein erhofft. Über Goretzka als zweiten Sechser neben Toni Kroos dürfte Löw aber zumindest nachdenken. Der Schalker kommt, aus unterschiedlichen Gründen, eher in Frage als Ilkay Gündogan und Sebastian Rudy. Bei Gündogan bestehen weiterhin Zweifel, ob er den Wirbel um sein Treffen mit dem türkischen Präsidenten ausblenden kann. Und der zierliche Rudy könnte gegen die kantigen Schweden vor allem körperlich im Nachteil sein.

„Ich finde Leon Goretzka einen tollen Spieler, mit einem guten Charakter dazu“, sagt Toni Kroos. Auch der Bundestrainer schätzt den Schalker: für sein Talent, seine Reife, seine Persönlichkeit, sein Tempo im Kopf wie in den Beinen. Schon für die WM 2014 berief Löw den damals erst 19 Jahre alten Goretzka in seinen erweiterten Kader. Angesichts seiner Fähigkeiten ist es keine gewagte Feststellung, dass er mittelfristig zu einer echten Größe im Nationalteam werden wird. Vielleicht sogar schon kurzfristig.

„Ich weiß auch, dass ich nicht zwingend einen absoluten Stammplatz habe“, hat Goretzka im Trainingslager gesagt. „Trotzdem wäre es die falsche Herangehensweise zu sagen: Ich guck‘ erst mal.“ Er wolle da sein, wenn er gebraucht werde, im Training das Niveau hochhalten und die vermeintlichen Stammspieler Stück für Stück zu Hochleistungen pushen. „In so einem Turnier ist eine unheimliche Dynamik in der Mannschaft“, sagt Leon Goretzka. Im Moment sogar mehr, als den Deutschen lieb ist.

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