Löws WM-Analyse : Trägheit schießt keine Tore

Der Bundestrainer bot erschreckend wenig, um Hoffnungen auf einen künftig besseren Auftritt der Fußball-Nationalmannschaft zu wecken. Ein Kommentar.

Jogi Löw lieferte seine lange erwartete Analyse der WM-Pleite.
Jogi Löw lieferte seine lange erwartete Analyse der WM-Pleite.Foto: Christof Stache, AFP

Das deutsche Fußballvolk hat es auch zum Ausklang des Sommers nicht leicht. Der Sommer fing schon an mit irritierenden Fotos deutscher Nationalspieler mit einem türkischen Autokraten. Dann kam das frühe Scheitern bei der WM, was Anhängern und Sympathisanten der Nationalmannschaft zusetzte und selbst Ignoranten aufregte. Schließlich die späte und unreife Aufarbeitung. Wer da am letzten Augustmittwoch einen Neustart erwartet hatte, wurde nun so richtig enttäuscht.

Der Auftritt von Bundestrainer Joachim Löw in München brachte leider wenig Neues oder gar Erhellendes. Um wie er arrogante Taktik und mangelndes Feuer als Ursache des Scheiterns zu analysieren, brauchte das interessierte Fußballvolk keine zwei Monate. Vor allem fehlte der Ausblick. Wo ist die Vision, wo eine Idee? Wo ist das Brennen für die Sache?

Quälende Wortlosigkeit

Wenn man so will, dann hat Löw nicht mal eine Lunte gelegt. Seine Ausführungen hatten so gar nichts Inspirierendes. Es war erschreckend wenig, womit der Bundestrainer punkten und Hoffnung wecken konnte. Und wirklich viel war ja gar nicht mehr erwartet worden.

Natürlich ist das WM-Aus des Titelverteidigers ein wenig überhitzt worden in diesem Sommer. Spätestens die Rassismusdebatte um Mesut Özil sowie die quälend lange Taten- und Wortlosigkeit des Bundestrainers hat das deutsche WM-Debakel zu einer mittelschweren Staatsaffäre anschwellen lassen.

Die Fußball-Nationalmannschaft gehört eben zum Kulturgut deutscher Nachkriegsgeschichte. Erfolge gab es viele, sie haben Millionen Menschen berührt, wie auch die großen Niederlagen. Die vielleicht größte, der jüngste Sturz vom Weltmeisterthron, hat das Fußballvolk regelrecht in Aufruhr versetzt. Gerade weil er unnötig, weil selbst verschuldet war.

Keine Erfahrung mit Niederlagen

Viele Jahre ist es mit dem deutschen Team unter Löw bergauf gegangen. Im Umgang mit Niederlagen fehlte ihm die Erfahrung. Jetzt zeigt sich, dass ihm auch der Biss zum Neuanfang fehlt. Dabei war die Niederlage schwer und persönlich genug. Natürlich hat nicht Löw die Torchancen ausgelassen oder Gegentore verschuldet. Doch als Chef unterliefen ihm fachliche Fehler, und vor allem lebte er der Mannschaft eine falsche Einstellung vor. Statt die Nationalelf zu führen, den Teamgeist neu zu beleben und die Spieler anzuspornen, strahlte Löw eine unangebrachte Lässigkeit aus. Die kippte in Trägheit um. An diesem Punkt liegt die Einstellung bis heute.

Neustart unmöglich?

Vielleicht tut man Löw auch unrecht, von ihm eine Radikalität bei Veränderungen zu erwarten, die noch nie seine Sache war. Ist unter ihm ein Neustart vielleicht auch gar nicht möglich? Man muss schon ein großer Löw-Fan sein, um diese Frage nicht zuzulassen. Natürlich kann auch unter Löw der Erfolg des Nationalteams zurückkommen. Das Spielerpotenzial gibt es her. Das hätte es aber auch bei der WM hergegeben. Genau das machte das Scheitern so skandalös.

Der Mittwoch von München hätte der Tag des Aufbruchs sein können. Doch Impulse oder gar Argumente dafür lieferte Löw keine. Sein „Jetzt erst recht“ mag ein paar Menschen in diesem Land beruhigen, überzeugen kann er damit das Fußballvolk an der Basis nicht. Und so wird Löw das Scheitern noch ein wenig begleiten. Er hätte auch einen anderen Ausgang wählen können. Ihm wäre ein prominenter Platz in der deutschen Fußball-Historie sicher gewesen. Er wollte es anders.

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