Männer verlieren 0:8 gegen Belgien : Historische Pleite fürs deutsche Hockey

"Das ist nicht unser Anspruch" - Die Hockey-Nationalmannschaft unterliegt Belgien in der Pro League 0:8. Es ist die höchste Niederlage seit 106 Jahren.

Hinten dran. Für Kapitän Mats Grambusch (rechts) und die deutschen Hockey-Männer war gegen Belgien nichts zu holen.
Hinten dran. Für Kapitän Mats Grambusch (rechts) und die deutschen Hockey-Männer war gegen Belgien nichts zu holen.Foto: dpa

Heino Knuf musste am Donnerstagmorgen früh aus dem Haus, deshalb hat der Sportdirektor des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) am Abend zuvor darauf verzichtet, sich in Krefeld das Pro-League-Spiel der Männer-Nationalmannschaft gegen Belgien anzuschauen. Es war eine weise Entscheidung. Knuf ist einiges erspart geblieben. Die Begegnung endete für den zweimaligen Weltmeister und viermaligen Olympiasieger Deutschland mit einem historischen Debakel. 0:8 (0:3) unterlag das DHB-Team. Seit Beginn der statistischen Erfassung hat eine deutsche Nationalmannschaft nur einmal mit acht Toren Unterschied verloren. Das war am 8. November 1913, beim 1:9 gegen England. „Ich war schon sehr überrascht“, sagt Sportdirektor Knuf. „Das entspricht nicht unserem Leistungsniveau und ist auch nicht unser Anspruch.“

Anspruch und Niveau sind eher das, was im ersten und zu Beginn des zweiten Viertels zu sehen war, als die Deutschen dem Weltmeister noch ein gleichwertiger Gegner waren. „Wir haben die eigenen Chancen nicht genutzt und zwei schnelle Tore kassiert“, sagt Nationalverteidiger Martin Häner vom Berliner HC. „Danach ist das Niveau langsam abgefallen. Das 4:0 nach der Pause hat dann für einen Totalzusammenbruch gesorgt.“ Bis nachts um halb zwei saß die Mannschaft ohne ihren Trainer zusammen, um über das Spiel zu sprechen. „Das soll jeder erstmal einzeln für sich verarbeiten“, sagte Bundestrainer Stefan Kermas. Am Freitag soll es dann eine ausdehnte Videoanalyse mit dem Trainer geben. „Der Leistungsabfall ist nur sehr schwer zu erklären“, sagt Häner.

Durch die Niederlage sind die Deutschen in der Pro League auf Platz fünf zurückgefallen. Nur die ersten vier erreichen das Finalturnier – und haben damit die Teilnahme an einem der Qualifikationsturniere für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr sicher. Olympia, auf der Prioritätenliste des DHB ganz oben, ist trotzdem nicht ernsthaft in Gefahr. Dank ihrer guten Weltranglistenposition hat die Nationalmannschaft im November wohl Heimrecht für zwei Ausscheidungsspiele gegen einen schlechter postierten Gegner. Außerdem haben sie die Chance, sich als Sieger der EM im August in Antwerpen, direkt für Tokio zu qualifizieren. Nach den jüngsten Auftritten scheint ein solcher Erfolg aber eher unwahrscheinlich. „Wir müssen anerkennen, dass es aktuell in der Weltspitze deutlich stabilere Teams gibt, die kontinuierlicher auf einem gleich hohen Niveau spielen können als wir“, sagt Häner.

Bundestrainer Kermas fand es nach der historischen Niederlage „schwierig, die richtigen Worte zu finden“. Hätten die deutschen Fußballer ein Pflichtspiel 0:8 gegen Belgien verloren, wäre der verantwortliche Trainer vermutlich schon vor den Sportausschuss des Bundestages zitiert worden. Beim DHB aber erlaubt man sich, die Dinge etwas nüchterner und gelassener zu sehen. Natürlich sei ein solche Ergebnis im Grunde nicht vertretbar, sagt Knuf, aber die Mannschaft befinde sich gerade im Umbruch, da seien schwierige Phasen nicht ungewöhnlich.

„Solche Ergebnisse werden wir im Hockey immer wieder mal haben“, sagt der Sportdirektor des DHB. Seit einer Regeländerung darf man den Torhüter im Laufe eines Spiels nur noch einmal für einen zusätzlichen Feldspieler vom Platz nehmen – das tat Kermas schon zu Beginn des vierten Viertels nach dem 0:5. „Alles, was wir heute probiert haben, ging total in die Hose“, sagte er nach dem Spiel. Das Überzahlspiel, in den vergangenen Begegnungen noch eine Stärke des Teams, funktionierte diesmal überhaupt nicht. „Im Normalfall verlieren wir das Spiel 0:4“, sagt Knuf, „was aber auch zu hoch wäre.“

Deutschland droht den Anschluss zu verlieren

Immerhin ist Belgien in den vergangenen Jahren zu einer echten Großmacht im internationalen Hockey aufstiegen. Das Team hat 2016 bei Olympia Silber geholt und sich im vergangenen Jahr erstmals den WM-Titel gesichert – nachdem es zuvor bei Weltmeisterschaften nie unter den besten vier gelandet war. Belgien hat sich viel von anderen Nationen abgeschaut und die besten Elemente kopiert. Hinzu kommt, dass die Nationalspieler mehrmals wöchentlich miteinander trainieren. „Wir müssen aufpassen, dass wir mit unserem dezentralen System Anschluss halten“, sagt Knuf.

Bisher ist es dem deutschen Hockey noch immer gelungen, die strukturellen und finanzielle Nachteile im Vergleich zu anderen Nationen zu kompensieren. Schon am Sonntag haben die Männer die nächste Möglichkeit zu zeigen, dass sie in der Weltspitze mithalten können. Zum Abschluss der Pro-League-Hauptrunde treffen sie dann auf Tabellenführer Australien. Heino Knuf hofft, dass das Debakel gegen Belgien eine heilsame Wirkung entfaltet. „Das wird die Mannschaft motivieren. Die Spieler sind sehr ehrgeizig, um nicht zu sagen: eitel“, sagt er. „So etwas wird ihnen ganz sicher nicht noch einmal passieren.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

2 Kommentare

Neuester Kommentar