• Militärgruß türkischer Fußballer: Auch Sportler dürfen politische Überzeugungen haben

Militärgruß türkischer Fußballer : Auch Sportler dürfen politische Überzeugungen haben

Politikfreie Räume gibt es nicht. Daher müssen Gesten wie die der türkischen Spieler akzeptiert werden – selbst wenn sie ekelhaft sind. Ein Kommentar.

Türkische Fußballer salutieren. Meinungsäußerung oder Provokation?
Türkische Fußballer salutieren. Meinungsäußerung oder Provokation?Foto: Reuters

Die Türkei führt einen Angriffskrieg gegen die Kurden in Nordsyrien. Die Invasion ist völkerrechtswidrig und verstößt gegen die Humanität. Fußballer der türkischen Nationalmannschaft haben bei zwei EM-Qualifikationsspielen mit dem Militärgruß salutiert. Damit wollten sie die türkischen Streitkräfte unterstützen. Nun berät der Europäische Fußballverband Uefa über Sanktionen. Politische Bekundungen sind in Stadien bei Spielen der Uefa verboten. Doch warum wird Politik aus Stadien überhaupt verbannt? Warum wird die Illusion genährt, es ließe sich ein unpolitischer, aseptischer Raum des reinen Sports schaffen, in dem nur die Leistung zählt?

Die Vermischung von Sport und Politik – eine Chronik
In guter Erinnerung ist der demonstrative Kniefall des NFL-Footballers Colin Kaepernick bei der US-Hymne, mit dem er am 14. August 2016 Präsident Donald Trump provozierte und die US-Gesellschaft spaltete. Kaepernick wollte gegen Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA protestieren. „Ich werde nicht aufstehen und Stolz für eine Fahne demonstrieren, die für ein Land steht, das Schwarze und andere Farbige unterdrückt“, begründete er seine Geste.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Alain Jocard/AFP
16.10.2019 09:12In guter Erinnerung ist der demonstrative Kniefall des NFL-Footballers Colin Kaepernick bei der US-Hymne, mit dem er am 14. August...

Wenn Olympische Spiele in China und eine Fußball-WM in Katar stattfinden, wünschte man sich Funktionäre, die politische Kriterien wie Menschenrechte, Arbeitsbedingungen, Korruption oder Umweltschutz viel stärker berücksichtigen. Als 1956, nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands durch sowjetische Soldaten, einige europäische Länder ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen in Melbourne verweigerten, weil sie bei keinem Sportfest dabei sein wollten, an dem die UdSSR teilnimmt, war das ein hochpolitischer Akt. Stark war auch das Signal, das die USA und eine einige islamisch geprägte Staaten aussandten, als sie 1980 nach der Invasion der Sowjetunion in Afghanistan die Olympischen Spiele in Moskau boykottierten.

Paul Breitner posierte mit einer Mao-Bibel und verehrte Che Guevara. Muhammad Ali verweigerte den Kriegsdienst und trat in die militante Sekte Black Muslims ein. Die 200-Meter-Läufer Tommie Smith und John Carlos demonstrierten bei den Olympischen Spielen 1968 während der Siegerehrung mit erhobenen Fäusten in schwarzen Handschuhen gegen Rassismus. Der Quarterback der San Francisco 49er, Colin Kaepernick, kniete sich beim Abspielen der amerikanischen Nationalhymne hin, viele andere schwarze Footballer taten es ihm nach. Die US-Fußballerin Megan Rapinoe wetterte gegen den „Rassisten und Sexisten“ Donald Trump.

Sportler sind keine besseren Politiker. Aber es sind Menschen, die politische Überzeugungen haben - und auch ein Recht darauf, diese kundzutun. Sie müssen dabei Grenzen beachten und Gesetze befolgen. Nicht alles, was gesagt werden kann, darf gesagt werden. Doch politikfreie Zonen, errichtet und bewacht von ganz und gar nicht politikfreien Verbänden, entmündigen Sportler und Zuschauer.

Der Militärgruß der türkischen Spieler war ekelhaft. Solche Gesten zu verbieten, zeugt indes von falsch verstandener Rücksichtnahme. Die Freiheit einem erhofften gesellschaftlichen Frieden zu opfern, ist fast nie eine gute Idee.

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