• Mit Schweden beim Weltcup in Östersund: Wie ein Münchner der jüngste Biathlon-Nationaltrainer wurde

Mit Schweden beim Weltcup in Östersund : Wie ein Münchner der jüngste Biathlon-Nationaltrainer wurde

Bis zu seiner Verletzung wollte Johannes Lukas selbst einmal Biathlet werden. Dann rief Trainerlegende Wolfgang Pichler an.

Vom Praktikanten zum Nationaltrainer. In Östersund soll es die schwedische Mannschaft unter Johannes Lukas auch in der zweiten Weltcupwoche zu Medaillen bringen.
Vom Praktikanten zum Nationaltrainer. In Östersund soll es die schwedische Mannschaft unter Johannes Lukas auch in der zweiten...Foto: Jan Huebner/imago

Irgendwann im Hochsommer merkt Johannes Lukas, dass es nicht mehr geht. Der Knorpel des rechten Knies ist derart beschädigt, dass der junge Biathlet aufwendig operiert werden muss. Damit er, so sagten es die Ärzte damals im Jahr 2012, später überhaupt vernünftig laufen könne. Es ist schon die zweite Operation am selben Gelenk. „Damit war besiegelt, dass ich aufhöre“, sagt Lukas heute. Mit 19 Jahren ist er Sportinvalide und sein Traum beendet.

Seitdem nun die neue Biathlon-Saison mit dem Weltcup in Östersund begonnen hat – am Mittwoch steht dort das Einzelrennen der Männer an (16.20 Uhr/ZDF) –, ist Lukas mit 26 Jahren der jüngste Biathlon-Nationaltrainer der Geschichte.

Die Geschichte, wie er das wurde, beginnt im September 2015 mit einem Anruf. Lukas hatte nach seiner Verletzung begonnen, in München Sportwissenschaft zu studieren. Im Rahmen des Studiums soll er ein Praktikum absolvieren, er ruft Wolfgang Pichler an, den Trainer der schwedischen Biathleten. Pichler lädt ihn zum Trainingslager nach Ruhpolding ein.

Zwei Monate nach der Hospitanz, es ist Mitte Dezember, klingelte Lukas’ Telefon, Pichler war in der Leitung. Ob er morgen in Pokljuka in Slowenien sein könne, habe er gefragt. Er brauche noch jemanden. „Dann ging es gleich los“, erzählt Lukas: Dort angekommen, bekommt er ein Funkgerät in die Hand gedrückt, soll sich an einen Berg stellen und den Athleten die Zeiten und Platzierungen durchgeben.

Bei den drei Weltcups im Januar ist Lukas immer dabei. Er hilft, wo er kann, fährt Athleten mit dem Auto herum. „Ich war mir für nichts zu fein“, sagt er. „Wie man halt so als Praktikant anfängt.“ Von Woche zu Woche darf er mehr machen, hilft den Wachsern beim Testen der Ski.

"So, jetzt bleibst du da!"

Die Weltcups in Kanada und in den USA im Februar verfolgt er aus Deutschland, zum Höhepunkt der Saison, der Weltmeisterschaft in Oslo, wird er wieder eingeladen. Und weil Pichler nicht zum letzten Weltcup der Saison nach Russland fliegen will – Pichler war während der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi der Trainer der Russen und machte sich dort, wohl auch wegen seiner strikten Einstellung zu Doping, nicht nur Freunde –, fragt er Lukas, ob er ihn dort vertreten möchte. „Da habe ich gesagt: Scheiße, nach Russland, fünf Stunden Flug, das packe ich nicht“, erzählt Lukas, der schließlich trotz seiner Flugangst zusagt. Was als Praktikum begann, mündete annähernd in einer kompletten Weltcup-Saison.

Noch vor der Reise nach Sibirien sagt Pichler dann zu ihm: „So, jetzt bleibst du da!“ Lukas sagt: „Passt!“ Von da an ist er Pichlers Co-Trainer und Angestellter des Svenska Skidskytteförbundet, des schwedischen Biathlonverbands.

Einmal, erzählt Lukas, habe er vor einem Wettkampf die Skier getestet. Die Sportler ziehen bei solchen Tests Trikots mit dem Schriftzug „Athlet“ und einer persönlichen Startnummer an. Auf der Loipe kam dann jemand auf ihn zu, sagte, wenn er seine Athletennummer vergessen habe, müsse er sich eine ausleihen, so gehe das nicht. So etwas kommt schon mal vor, sagt Lukas. Wer ihn, blond, kantige Gesichtszüge, zum ersten Mal sieht, denkt, er sei noch immer ein Athlet.

Olympia "war groß für mich", sagt Lukas

Lukas wächst in München auf, sobald er laufen kann, stellt ihn sein Vater auf Langlaufskier. Im heimischen Garten baut er sich als Jugendlicher einmal eine eigene Loipe. Weil ihm das nicht ausreicht, verlängert er sie auf die Garage und sogar über den Zaun zu den Nachbarn.

Biathlon wird in Deutschland immer populärer, mit 14 probiert Lukas den Sport bei einem Schnupperwochenende das erste Mal aus, im Jahr darauf pendelt er zweimal die Woche nach Garmisch-Partenkirchen zum Stützpunkt, verbringt fast alle Wochenenden und die Schulferien dort. Nach dem Abitur schließt er sich einer Sportfördergruppe der Bundeswehr an. Im ersten Winter verletzt er sich am Knie, da ist er 18. Er versucht, wieder fit zu werden, die Verletzung kommt wieder. Die Karriere als Biathlet endet, bevor sie begonnen hat.

Doch mit den Jahren wird Lukas zum wichtigen Bestandteil des schwedischen Teams, er ist angekommen im Biathlon, nicht dort, wo er als Jugendlicher hinwollte, aber es kommt dem zumindest recht nah. Bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang sitzt er neben Andreas Wellinger, bevor der seine Goldmedaille holt, unterhält sich mit der schwedischen Langlauflegende Charlotte Kaller. „Das war groß für mich“, sagt er.

Erfolgreiche Schweden. Hanna Öberg (links) und Sebastian Samuelsson freuen sich über ihren ersten Platz in der Mixed-Staffel.
Erfolgreiche Schweden. Hanna Öberg (links) und Sebastian Samuelsson freuen sich über ihren ersten Platz in der Mixed-Staffel.Foto: Johan Axelsson/dpa

Mit Pichler und ihm holt das schwedische Team bei Olympia je zweimal Gold und Silber, bei der Weltmeisterschaft in Östersund im März 2019 gewinnen sie einen kompletten Medaillensatz. Die WM in Schweden sollte der feierliche Abschied des Trainers Wolfgang Pichler werden. Pichler, 64, hatte die Schweden zu einer ernstzunehmenden Biathlon-Nation geformt, sein Ziel war erreicht, er wechselte ins Olympische Komitee der Skandinavier.

Lukas ist jetzt verantwortlich

Der schwedische Verband fragt Lukas, ob er sich den Posten als Cheftrainer vorstellen könne. Er kann. Die Sprache beherrscht er schon recht gut, beim Frühstück hat er sich Vokabeln, die er nicht kannte, auf einem kleinen Block notiert und später auswendig gelernt.

Mehr Druck verspüre er nicht, sagt er. Aber jetzt sei eben er verantwortlich, wenn etwa das Training nicht gut laufe. Und er kann sich nicht mehr in der zweiten Reihe verstecken. Im vergangenen Winter saß Lukas bei zwei Pressekonferenzen auf dem Podium, vor Östersund waren es vier in einer Woche. „50 Prozent der Fragen sind zu meinem Alter, 30 Prozent dazu, wie das mit der Sprache klappt und 20 Prozent sind zum Sport“, sagt er. Er sei dabei aber relativ entspannt.

Wenn ihm jetzt Fernsehsender wie ARD oder ZDF das Mikro unter die Nase halten wollen, dann sollen sie es machen. An den ersten Tagen des Weltcups in Schweden gewann seine Mannschaft gleich das erste Rennen der neuen Saison, eine Bronzemedaille kam noch dazu. Lukas nennt das „Traumstart“. Er ist jetzt eine Figur im Biathlon-Zirkus, dort, wo er schon als Jugendlicher hinwollte. Nur eben nicht auf Skiern.

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