Moritz Geisreiter im Interview : „Deutschen Athleten wird viel abverlangt“

Moritz Geisreiter, Athletensprecher der deutschen Eisschnelläufer, spricht über den Dopingverdachtsfall und überzogene Forderungen Claudia Pechsteins.

In Verruf. Moritz Geisreiter, 31, ist seit 2018 Athletensprecher der deutschen Eissschnellläufer.
In Verruf. Moritz Geisreiter, 31, ist seit 2018 Athletensprecher der deutschen Eissschnellläufer.Foto: Soeren Stache/dpa

Herr Geisreiter, eine große deutsche Zeitung hat den Namen des möglichen Kunden bei dem Erfurter Dopingarzt Mark Schmidt schon genannt. Es soll sich demnach um einen früheren Olympiateilnehmer und einen aktuellen Jugendtrainer im Eisschnelllauf handeln. Wie haben Sie das als ehemaliger Eisschnellläufer und aktueller Athletensprecher aufgenommen?

Zunächst einmal handelt es sich immer noch um einen Verdacht. Dessen frühzeitige Veröffentlichung ist ein Unding. Es gibt noch keine Fakten, die mehr daraus machen. Hier sollte das Gebot die Zurückhaltung sein. Jedenfalls belastet das alles den Eisschnelllaufverband und die Sportler sehr.

Auf der anderen Seite: Wenn es einen Namen gibt, dann entlastet es andere Sportler.

Es sollte zwar noch gar keine Meldungen geben, so lange noch nichts über ein konkretes Ermittlungsverfahren bekannt ist. Aber wenn der Name nun schon genannt ist, hoffe ich natürlich, dass bald Klarheit herrscht. Zuletzt gab es Misstrauen und Verdächtigungen, die sich quer durch unsere Sportart fraßen. Die Athleten kommen wegen des öffentlichen Drucks in die Lage, sich äußern zu müssen und ihre Unschuld zu beteuern.

Claudia Pechstein hat den möglichen Sünder aufgefordert, sich klar zu bekennen, damit es eben keinen Generalverdacht gibt. Wie empfanden Sie das?

Ein klares Statement des Betreffenden könnte zwar innerhalb des Verbandes kurzfristig beruhigend wirken, doch am Ende zählen die Ergebnisse der Ermittler. Außerdem kann ich nur spekulieren, ob es vielleicht andere persönliche Gründe gibt, weshalb die Person sich im Moment nicht öffentlich bekennen kann. Das wissen wir nicht und deswegen sollte eine Positionierung nicht eingefordert werden.

Die ermittelnde Staatsanwaltschaft hat keine Namen genannt, aber doch so viel verraten, dass Namen der vermeintlichen Dopingsünder spekuliert werden. Ein Fehler?

Ich habe durchaus Respekt vor der Arbeit der Ermittler. Dass spekuliert wird, ist unvermeidlich. Und dass die Ermittler nicht immer sofort Namen nennen und damit die Sportverbände auch entlasten, hat für mich nachvollziehbare ermittlungstaktische Gründe. So ist es gut möglich, dass sich Sünder noch selbst stellen und wertvolle Hinweise geben, weil sie Angst haben, dass die Ermittler auch ihnen auf der Spur sind. Wenn die Namen raus sind, wird sich sicher keiner noch zusätzlich selbst anzeigen.

Welche Reaktionen haben Sie aus Athletenkreisen erfahren?
In meiner Funktion als Athletensprecher haben mich viele junge Sportler angesprochen. Es herrscht mitunter Unsicherheit und Unwissenheit. Sie denken, dass der „Bild“-Bericht gewissermaßen ein gefälltes Urteil war. Ich sehe meine Arbeit hier auch in der Aufklärung.

Auch wenn es sich nur um einen Verdachtsfall handelt: Der Druck auf den Verband, Konsequenzen einzuleiten, ist groß. Schließlich – sollte der Verdacht bestätigt werden – handelt es sich um einen Jugendtrainer.
Ja, der Druck ist hoch und der Verband muss jetzt Haltung zeigen. Die Zwickmühle besteht darin, dass der Verband vor allem klarstellen muss, dass ihm der Kampf gegen Doping sehr wichtig ist. Man will nach außen in diesem Punkt überhaupt keine Frage aufkommen lassen und nicht als Zauderer dastehen. Auf der anderen Seite gibt es bislang noch keinerlei Grundlagen für arbeitsrechtliche Konsequenzen.

Sehen Sie Ihre Sportart in diesen Tagen und Wochen diskreditiert?

Ich sage mal so: Die Eisschnellläufer nehmen wie Sportler in vielen anderen Sportarten große Einschränkungen wegen des Anti-Doping-Kampfes in Kauf. Wenn ich da nur an meine Karriere denke. Es kam vor, dass die Kontrolleure um sechs Uhr morgens vor der Tür standen und abends um halb neun schon wieder. Und dann die ständige Bereitschaft. Man muss als Spitzensportler in der Regel innerhalb von einer Stunde aufzufinden sein, damit man kontrolliert werden kann. Hinzu kommt natürlich, dass man extrem vorsichtig mit Nahrung und Medikamenten sein muss. Vergleicht man das mit vielen anderen Ländern, können die Athleten in Deutschland nur schief lächeln. Es wird hier sehr viel getan und den Athleten viel abverlangt.

Und trotzdem gibt es immer wieder Dopingfälle.
Das ist ja das Traurige daran. Die Sportler müssen so viel dafür tun und es schützt trotzdem nicht vor Dopingmissbrauch. Die Athleten sind also doppelt belastet: Es gibt die Kontrollen und den Generalverdacht. Das ist sehr unbefriedigend. Die Forderung muss sein, dass es einen besseren Hinweisgeberschutz und eine bessere Dopingprävention gibt.

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