Nach Chaos bei der WM 1966 : Wie die Gelben und Roten Karten eingeführt wurden

1966 leitete ein deutscher Schiedsrichter die WM-Partie, die Farbe ins Fußballspiel brachte. Das ist unstrittig, alles andere nicht.

Uli Hesse
Heute gehören sie zum Fußball wie Tore oder Trikots. Bis zur WM 1966 gab es jedoch keine Gelben oder Roten Karten.
Heute gehören sie zum Fußball wie Tore oder Trikots. Bis zur WM 1966 gab es jedoch keine Gelben oder Roten Karten.Foto: Vadim Ghirda/AP/dpa

Regeländerungen im Fußball haben immer auch das Potential, zum Ärgernis zu werden. So etwa beim abgeschafften Silver Goal, das die Nachspielzeit auf angenehme 15 Minute begrenzte. Es gibt aber auch gute Neuerungen, zum Beispiel jene, die besagt, dass die Gelben Karten vor dem Halbfinals eines Turniers gestrichen werden, so dass niemand wegen einer zweiten Gelben Karte das Finale verpasst. Für Michael Ballack, der wegen der alten Regelung das Finale 2002 verpasste, kam diese Änderung zu spät. Aber es braucht eben immer auch einen Anlass, um Veränderungen anzustoßen. Wie bei der Einführung der Gelben und Roten Karte, die auf ein folgenreiches WM-Spiel mit deutscher Beteiligung zurückgeht.

Die Rede ist vom Viertelfinale 1966 zwischen Gastgeber England und Argentinien, das vom dem Schneidermeister Rudolf Kreitlein aus Stuttgart-Degerloch geleitet wurde. Glaubt man deutschen Quellen, dann tat er das geradezu heldenhaft. Dort liest man, dass der kleine und beinahe kahlköpfige Unparteiische sich von den wüsten Argentiniern nicht beeindrucken ließ und deswegen den Beinamen „das tapfere Schneiderlein“ bekam. Ja, man erfährt sogar, dass Kreitlein an jenem Tag nicht nur ein turbulentes Spiel über die Bühne brachte, sondern auf Umwegen auch noch für eine bedeutende Erfindung sorgte, und zwar weil er in der 35. Minute den argentinischen Kapitän Antonio Rattin des Feldes verwies.

Eine lange Diskussion mit Folgen

Rattin weigerte sich, den Platz zu verlassen, woraufhin es zu einer Unterbrechung von knapp acht Minuten kam. Am Ende diskutierte der Spieler sogar mit dem Vizepräsidenten der Fifa – und zwar auf dem Rasen. Erst dann trollte er sich vom Feld. Wie die „Welt“ vor neun Jahren schrieb: „Der Zwischenfall mit Rattin hatte weitreichende Folgen für den Fußball. Am Tag danach beratschlagten sich Kreitlein und der englische Schiedsrichterbetreuer Ken Aston. ’Genug der Missverständnisse. Wir wollten einen Weg finden, unsere Entscheidungen so zum Ausdruck zu bringen, dass sie jeder Spieler und Zuschauer auf Anhieb versteht’, erinnert sich Kreitlein, der noch heute das WM-Turnier haarklein nacherzählen kann.“

Archiviert. Das ist die Original-Notizkarte von Rudolf Kreitlein.
Archiviert. Das ist die Original-Notizkarte von Rudolf Kreitlein.Foto: Peter Endig/dpa

Dieser „Weg“ waren die Gelben und Roten Karten. Seither gilt Kreitlein so vielen Leuten als ihr Miterfinder, dass sogar sein Wikipedia-Eintrag mit dieser Info beginnt. Als er im August 2012 starb, nannte ihn die „Bild“ wie selbstverständlich den „Erfinder der Gelben und Roten Karten“, während die „Stuttgarter Nachrichten“ die Geschichte so erzählten: „Kapitän Rattin weigerte sich hartnäckig das Feld zu verlassen. Da es noch keine Roten Karten gab, konnte und wollte er Kreitleins Gesten partout nicht verstehen. Auf der Rückfahrt ins Hotel kam Kreitlein und dem englischen Schiedsrichterbetreuer Ken Aston in der Kensington High Street in London die historische Idee.

Strafen inspiriert von Verkehrsampeln

Inspiriert von den vielen Verkehrsampeln, entwickelten sie Gelbe und Rote Karten als weltweit verständliche und eindeutige Symbole.“ Komisch nur, dass Rattin sein skandalöses Verhalten kein einziges Mal mit Unwissenheit oder Sprachproblemen entschuldigt hat. „Der Schiedsrichter pfiff alles für die Engländer“, lautet seit mehr als einem halben Jahrhundert seine Version. „Also bin ich zu ihm hingegangen, habe auf meine Kapitänsbinde gezeigt und um einen Dolmetscher gebeten, damit ich meinen Protest vorbringen kann. Und er sagte nur ’Off, off, off!’ und stellte mich runter.“ Wie er freimütig zugibt, weigerte Rattin sich nur deshalb, den Rasen zu verlassen, weil er den Platzverweis für ungerecht hielt.

Du, du, du! Schiedsrichter Ken Aston, hier noch ohne farbige Karten.
Du, du, du! Schiedsrichter Ken Aston, hier noch ohne farbige Karten.Foto: dpa

Komisch auch, dass der 2001 verstorbene Ken Aston später oft und ausführlich erzählte, wie ihn dieses Spiel zur Erfindung der Roten und Gelben Karten brachte – ohne jedoch den Platzverweis gegen Rattin zu erwähnen oder eine Zusammenarbeit mit Kreitlein, schon gar nicht auf einer gemeinsamen Autofahrt. Astons Version lautete stets so: Am Morgen nach dem Spiel stellte man ihm, dem Chef der WM-Schiedsrichter, einen Anruf durch. Am Apparat war kein Geringerer als der englische Nationalspieler Jack Charlton. Der hatte gerade in einer Zeitung gelesen, dass Kreitlein ihn am Vortag verwarnt hatte. Nun wollte der Spieler von der Fifa wissen, ob das stimmte, denn er hatte in dem Trubel keine Verwarnung mitbekommen.

Klare Regeln gegen das Chaos

Aston wusste, wie chaotisch es zugegangen war, und deswegen dachte er darüber nach, Spielern und Zuschauern eine optische Hilfe zu geben. Das war so etwas wie sein Spezialgebiet. Aston war der erste Referee, der schwarze Hemden und Hosen mit weißem Saum trug, außerdem hatte er 1947 die farbigen Fahnen für Linienrichter erfunden. Zunächst waren sie gelb, bei der WM 1966 dann rot. Vielleicht gab das Aston die Idee für die Karten. Die Geschichte, dass er auf einer Autofahrt von den Ampelfarben inspiriert wurde, ist hübsch, aber leider unbelegt. Kreitleins Rolle bei der Erfindung der Gelben und Roten Karten ist also maßlos übertrieben worden. Wie übrigens auch Kreitleins Leistung.

So glauben viele Leute, dass Rattin durchaus Grund hatte, sich beim Referee zu erkundigen, warum alle Entscheidungen gegen sein Team getroffen wurden. Und den Platzverweis hielt nicht nur der Spieler selbst für sehr überzogen. Nach der Partie sagte Joe Mercer, der Trainer von Manchester City: „Einen Spieler vom Platz zu stellen, nur weil er redet, erscheint mir zu hart. Kreitlein war dabei, die Kontrolle über die Partie zu verlieren, und wollte ein Exempel statuieren.“ Ach ja, die Argentinier hielten ein 0:0, bis Geoff Hurst zehn Minuten vor dem Ende ein Tor für England erzielte. Aus abseitsverdächtiger Position.

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