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Nach dem 1:1 gegen Serbien : Löws Team und der lange Weg zurück

Die neuformierte deutsche Fußball-Nationalmannschaft braucht eigentlich noch Zeit, um zu reifen. Das Problem daran: Genau die hat sie nicht.

Marco Reus war der beste deutsche Spieler auf dem Platz.
Marco Reus war der beste deutsche Spieler auf dem Platz.Foto: Bimmer/REUTERS

Kurz vor dem Abpfiff musste Lukas Klostermann in den Sprint. Gerade ging die Post noch einmal Richtung deutsches Tor ab. Klostermann, der 22-jährige Außenspieler von RB Leipzig, mobilisierte beim Testspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am Mittwochabend die letzten Kräfte und konnte kurz vor der Grundlinie die Hereingabe eines Serben blocken. Bei allem Elan verletzte er sich an den Adduktoren und fällt nun für das Spiel in Holland am Sonntag aus.

Klostermann ist der 101. Debütant seit Joachim Löw Bundestrainer ist. Vor allem aber trägt er eine für den deutschen Fußball geradezu mystische Rückennummer – die 13. Hierzulande steht sie der Nummer zehn, die des klassischen Spielmachers, in Nichts nach. Gerd Müller trug die 13 und Michael Ballack. In den vergangenen Jahren trug sie Thomas Müller, 100 Länderspiele, WM-Torschützenkönig von 2010 und Weltmeister von 2014. Jetzt also Lukas Klostermann.

Sieben Spieler sind 23 oder jünger

Klostermann stand beim 1:1 gegen Serbien symptomatisch für die deutsche Elf. Sieben deutsche Spieler, die in Wolfsburg beim Anpfiff auf dem Platz standen, sind 23 Jahre oder jünger. „Ich wollte einfach mal einigen Spielern die Möglichkeit geben, sich zu zeigen“, sagte Löw. Vor allem aber er hätte er sagen müssen, dass noch viel Arbeit vor dem Team liegt, das, so Löw, bei der EM 2020 um den Titel mitspielen möchte. Die Frage ist, wie viel Typen wie Klostermann braucht der Neuanfang? Und wie viel Klostermanns muss sich das Team leisten, um wieder in die Spitze des Weltfußballs vorzudringen?

Der sogenannte „Fanclub Nationalmannschaft“ hatte für die drei kürzlich aussortierten Weltmeister Hummels, Müller und Boateng eine aufwendige Kurven-Choreographie produzieren lassen. Danke Mats, Thomas und Jerome stand in der Kurve geschrieben. Nach dem Spiel wird nicht nur der Fanclub heil froh gewesen sein, dass Löw vor zwei Wochen Marco Reus nicht gleich mit rasiert hat. Immerhin ist der Dortmunder dreieinhalb Monate älter als Thomas Müller.

Es war schon erschreckend, wie abhängig die neuformierte deutsche Elf von der Reife eines Spielers wie Reus ist, der zu Beginn der zweiten Hälfte kam. Im ersten Abschnitt fehlte es der deutschen Mannschaft an Tempo, an Risikobereitschaft und vor allem an Ideen. Dass die Serben tief in der eigenen Hälfte stehen würden, hat vielleicht den Bundestrainer überrascht. Das werden aber in der kommenden EM-Qualifikation auch andere deutsche Gegner wie Estland, Weißrussland und Nordirland tun. Vermutlich werden diese Teams nicht so clever wie die Serben agieren, die in der ersten Halbzeit unaufgeregt spielten und Löws Team mit wenigen Gegenstößen vor Schwierigkeiten stellten. Es war erschreckend, wie sich die Mannschaft von Trainer Mladen Krstajic mit einfachen Mitteln die deutsche Defensive um Niklas Süle und Jonathan Tah durchbrechen konnte.

Mit Reus kam auch Sané besser ins Spiel

Vor einer angekündigten neuen Spielweise mit Elan und Enthusiasmus, wie von Löw angekündigt, war nicht viel zu sehen gewesen. Das änderte sich erst mit der Hereinnahme des ältesten deutschen Feldspielers. Durch Reus gewann das Spiel der Deutschen an Tempo und Tiefe. „Wir waren dann in den gefährlichen Räumen viel präsenter. Marco Reus, Leon Goretzka, Leroy Sané und Timo Werner sind in die Räume gestoßen. Das hat unsere Gefährlichkeit immens erhöht. In der zweiten Halbzeit war eine sehr gute Dynamik im Spiel“, sagte Löw.

Mit Reus kam auch Sané besser in Tritt. Gerade diese beiden Spieler deuteten an, was Spieltempo in Verbindung mit Stringenz bewirken kann. Sané ist derzeit der einzige deutsche Tempodribbler, der ins Eins-zu-eins geht, aber auch kein 1:2 oder 1:3 scheut, also einer, der es auch mit mehreren Gegenspieler aufnimmt – und sich auch durchsetzen kann. „Im Großen und Ganzen war das zu wenig. Wir sind immer noch Deutschland, da muss der Anspruch sein, das Spiel zu gewinnen“, sagte Reus hinterher. Nachdem er in Dortmund das Kapitänsamt übernommen hat, muss er jetzt auch im Nationalteam Verantwortung übernehmen. „Ich fühle mich bereit“, sagte Reus.

Ohnehin sahen die Spieler das Spiel viel kritischer als Löw. Am Ende sei er schon „ein bisschen enttäuscht“ gewesen, das Spiel gegen die Serben nicht gewonnen zu haben, sagte Ilkay Gündogan. Der Mittelfeldspieler von Manchester City hatte in der Halbzeit die Kapitänsbinde von Manuel Neuer übernommen. Im ersten Spiel der EM-Qualifikation am Sonntag in Amsterdam wäre ein Unentschieden dagegen „ziemlich okay“. Klar zählten die Ergebnisse, aber wichtig „ist für uns eben auch, dass wir gut spielen“, sagte der 28-Jährige. In Manuel Neuer stand in Wolfsburg nur noch ein ein Weltmeister auf dem Platz. Die beiden anderen im deutschen Kader verbliebenen, Toni Kroos und Matthias Ginter, schauten von der Ersatzbank zu. Sie werden wie auch Antonio Rüdiger und Serge Gnabry in Amsterdam gebraucht, wo Löws Team vor fünf Monaten mit 0:3 unterging.

Gegen Holland sei man zwar nicht der Favorit, „wir wollen aber trotzdem gewinnen“, sagte Torschütze Leon Goretzka. Jonathan Tah redete sich schon mal Mut zu: „Wir lassen uns nicht einschüchtern.“ Vor allem aber wird die neuformierte Mannschaft sich rasch finden müssen. „Unser Anspruch ist schon groß“, sagte Marco Reus bevor er in den Mannschaftsbus stieg. „Wir wissen einerseits, dass wir Zeit brauchen. Andererseits haben wir leider nicht viel davon.“

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