Nach dem Fall Mesut Özil : Wie Rassismus im Amateurfußball entsteht

"Rassismus im Amateurfußball begegnet mir immer wieder", schreibt unser Autor. Was er und seine Spieler erleben.

Carim Soliman
In den unteren Ligen geht es mitunter rau zu.
In den unteren Ligen geht es mitunter rau zu.Foto: dpa

Der drohende Abstieg in die Kreisliga C bereitete mir zum Ende der vergangenen Saison großes Unbehagen. Schließlich gehen die Gegner da nur noch auf die Knochen. Ich dachte, dass meine Teamkollegen die gleichen Sorgen plagen. Aber einer polterte: „Ich habe keinen Bock abzusteigen, dann spielen wir nur gegen Kanaken!“ Ein anderer blaffte ein paar Wochen später beim Blick auf den neuen Spielplan: „Oha, schon am dritten Spieltag kommen die Alis – wir müssen noch Zelte aufbauen, damit die sich hier auch wohlfühlen!“ Ich saß mit ihm auf der gleichen Parkbank vor unserem Vereinsheim in Ost-Berlin. Mein dritter Vorname ist Ali.

Mein Vater ist Ägypter. Aber ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, in einem relativ bürgerlichen Umfeld. Nach der anfänglichen Frage, wo ich denn herkomme, vergessen viele Deutsche schnell, dass ich auch Araber bin. Ich spreche dialektfrei, ich trinke ab und zu ein Bier und esse auch Bratwurst vom Schwein. Weil ich deshalb oft als Deutscher ohne Migrationshintergrund durchgehe, offenbart sich mir dadurch eine Seite des Rassismus im deutschen Fußball, die anderen Menschen mit Migrationshintergrund – auch Mesut Özil, der die Debatte darüber ja mit voller Wucht angestoßen hat – oft verborgen bleibt: seine Wurzel.

Dieser Rassismus im Amateurfußball begegnet mir immer wieder. Etwa, als ich in meine zweite Saison bei dem Ost-Berliner Verein startete. Im ersten Jahr hatte ich noch in einer anderen Mannschaft desselben Klubs gespielt, zusammen mit Phuc und Adama (Namen geändert). Nach dem Abstieg in die niedrigste Spielklasse löste sich die Mannschaft auf. Und so sagte einer meiner neuen Teamkollegen über meine alte Mannschaft: „Der kleine Asiate bei euch war gut – und der Neger“. Ein anderer ergänzte: „Schnell war er, aber sind sie ja alle.“

Phuc, „der kleine Asiate“, ist gebürtiger Vietnamese. Wenn ihm unser Trainer taktische Anweisungen gab, war das für einige Teamkollegen ein gefundenes Fressen. Man müsse Phuc auch so anweisen, dass er es verstehe, sagten sie. Sie kniffen die Augen zusammen, setzten einen übertriebenen asiatischen Akzent auf und wiederholten die Anweisungen in gebrochenem Deutsch: „Lechte Seite, du lechte Seite!“ Während einer Diskussion darüber, was Fußballer vor einem Spiel am besten essen sollten, witzelte ein Mannschaftskollege, Phuc sollte „besser eine Portion Hund und Katze weglassen“.

Eine Trennung zwischen „wir“ und „die“

Adama, „der Neger“, stammt aus Gambia. Er spricht Englisch, Mandinka, Französisch und etwas Deutsch. In seiner Freizeit schreibt er Gedichte, produziert Musik und organisiert Partys mit westafrikanischer Musik, un­ent­gelt­lich. Trotzdem war der Grund für seine Fehler in Spielen schnell gefunden: Er sei faul und nicht der Schlauste. Aber immerhin sei er schnell, „so sind sie eben“. Einer im Team begrüßte ihn immer mit den Worten: „Yo Adama, my black friend!“

Der Kern von Rassismus ist Diskriminierung im wörtlichen Sinne, eine Trennung zwischen „wir“ und „die“. Je nach geschichtlichem und sozialem Kontext variiert die Zuordnung, wer zu „uns“ gehört und wer nicht. Im Amateurfußball ist die Abgrenzung anhand kultureller Unterschiede umso leichter. Viele Fußballvereine in Deutschland sind erstaunlich homogen. Es gibt die deutschen Vereine, die türkischen Vereine, die serbischen Vereine. Spieler mit und ohne Migrationshintergrund bleiben in der Regel jeweils unter sich.

Historisch lässt sich das unter anderem auf die in den frühen sechziger Jahren nicht vorhandene, weil nicht beabsichtigte Integration von Gastarbeitern in Deutschland zurückführen. Viele Verbände erlaubten damals, wenn überhaupt, nur eine geringe Zahl ausländischer Spieler in Amateurvereinen. Selbst Spiele zwischen deutschen Mannschaften und Klubs von Gastarbeitern waren beschränkt. In Niedersachsen durften Teams beispielsweise nur einen Ausländer aufstellen und keine Pflichtspiele gegen Gastarbeitervereine bestreiten.

Im jährlichen „Sportentwicklungsbericht“ untersucht das Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Bonn das Ausmaß und die Auswirkungen dieser sogenannten Segregation. Ersteres lässt sich leichter in Zahlen ausdrücken. Schon laut des Berichts von 2007/2008 – spätere Berichte ergänzen die Thematik lediglich – besteht eine deutliche Tendenz zur Ungleichverteilung von Migranten in Sportvereinen: „Die Einbindung von Migrantinnen und Migranten in Sportvereine ist nicht gleichmäßig.“ Im Fußball sei die Segregation sogar noch stärker ausgeprägt. Adama, Phuc und ich waren die einzigen Spieler mit Migrationshintergrund in unserem 25 Spieler umfassenden Kader. In meiner neuen Mannschaft spiele ich mit mehr als 30 Teamkollegen, davon ein Afghane, ein Ukrainer und ein Argentinier.

Ein Teufelskreis

Die Auswirkungen dieser Segregation sind hingegen komplexer. Einerseits senkt ein gewohntes Umfeld mit ähnlichem Kulturverständnis die Hemmschwelle, sich sportlich in einem Verein zu betätigen. Andererseits lassen sich Sprachbarrieren und Kulturschocks nicht beseitigen. Und so finden interkulturelle Begegnungen oft nur statt, wenn die Rollen „Gegner“ und „Mitspieler“ klar verteilt sind. Isoliert von äußeren Einflüssen brodelt eine xenophobe Kultur, die alles Andersartige unterschwellig als fremd, wenn nicht gar bedrohlich wahrnimmt. Das schreckt wiederum neue Spieler mit Migrationshintergrund ab, ein Teufelskreis entsteht.

Immer wieder kommt es bei Spielen in Berlin zu rassistischen Beleidigungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Der Berliner Fußball-Verband (BFV) versucht, dem mit Informationsveranstaltungen, Kampagnen und Projekten entgegenzuwirken. Er gibt Schiedsrichtern klare Anweisungen, wie sie auf solche Zwischenfälle reagieren sollen. Im Bereich „Rassismus-Prävention“ auf der BFV-Internetseite findet sich das Statut „Gemeinsam gegen Rassismus“. Darin distanziert sich der Verband von Rassismus in jeglicher Form. Das sind gut gemeinte, vielleicht sogar effektive Präventionsmaßnahmen. Aber es sind Maßnahmen gegen Symptome, nicht gegen die Ursache von Rassismus im Amateurfußball.

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Carim Soliman ist freiberuflicher Journalist und Amateurfußballer. Er lebt, arbeitet und spielt in Berlin.

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