• Nach dem Spiel gegen Brasilien: Nationalmannschaft: Schwach im Frühjahr, stark im Sommer?

Nach dem Spiel gegen Brasilien : Nationalmannschaft: Schwach im Frühjahr, stark im Sommer?

Beim Spiel gegen Brasilien enttäuscht die Fußball-Nationalmannschaft. Doch die Historie zeigt: Für die Weltmeisterschaft muss das nicht viel heißen.

Hat jemand die WM-Form gesehen? Toni Kroos suchte sie am Dienstag vergebens.
Hat jemand die WM-Form gesehen? Toni Kroos suchte sie am Dienstag vergebens.Foto: AFP

Toni Kroos ist ganz sicher nicht der Typ, der sich von seinen Emotionen mitreißen und treiben lässt. Nicht als Fußballer, dessen Spiel ein hohes Maß an Rationalität eigen ist. Und auch nicht neben dem Platz. Der Mittelfeldspieler der deutschen Nationalmannschaft fand nach dem Testspiel gegen Brasilien ziemlich klare Worte zum Auftritt seines Teams. Das fing schon unmittelbar nach dem Schlusspfiff an, als Kroos am Spielfeldrand vom ZDF vernommen wurde. Und das ging später auch in der Mixed Zone weiter, wo immer er sich äußerte. Von einem spontanen Gefühlsausbruch des stets kontrollierten Kroos konnte nach der 0:1-Niederlage gegen Brasilien also keine Rede sein.

Namen hat Kroos natürlich keine genannt. Es ging ihm nicht um Einzelschicksale, es ging um das Gesamtbild, das die Nationalmannschaft im ausverkauften Berliner Olympiastadion gegen den Rekordweltmeister abgeliefert hatte. „Wir sind nicht so gut, wie uns immer eingeredet wird oder wie vielleicht auch einige von uns denken“, lautete der Kernsatz seiner Grundsatzkritik. „Es ist definitiv nicht so, dass wir dieser absolute Favorit sind, der nach Russland fährt. Das war vorher Quatsch, das ist jetzt Quatsch. Aber jetzt sehen es vielleicht ein paar mehr so.“

Während Bundestrainer Joachim Löw bei seinen Spielern das „Verantwortungsgefühl, richtig dagegen zu halten“, vermisst hatte, kritisierte Kroos unter anderem die lasche Körpersprache. Ihm fehlte generell die Robustheit, was sich in vielen leichten Ballverlusten äußerte, aber – immerhin – „das relativ konstant“. Die deutsche Mannschaft hatte, um ihm Bild zu bleiben, ein eigentlich wichtiges Spiel mit Blick auf die Weltmeisterschaft in Russland ziemlich vernuschelt.

"Das Negative überwiegt", sagte Kroos

Es gab kaum einen Spieler, der sich von dieser generellen Kritik ausnehmen durfte. Niklas Süle vielleicht, der allerdings nur im letzten Viertel mitgewirkt hatte. Der kantige Innenverteidiger vom FC Bayern München hatte nach seiner Einwechslung zumindest diesen einen Moment, als er sich in ein Sprintduell gegen den flinken Douglas Costa verwickelt sah. Süle lief ab der Mittellinie hinter dem Brasilianer her, er ließ sich nicht abhängen, schien Costa zweimal gestellt zu haben, der dann aber jeweils noch einmal beschleunigte. Im Strafraum griff Süle zum letzten legalen Mittel: Er setzte zur Grätsche an, flog über den Rasen wie ein Jetski über die Wasseroberfläche und wuchtete den Ball über die Torauslinie.

Körpersprache, Robustheit, Zweikampfhärte, Aggressivität, Wille – all das, was dem deutschen Team fast durchgängig gefehlt hatte, war zumindest in dieser einen Szene zu sehen. „Mannschaftlich überwiegt klar das Negative“, sagte Toni Kroos. „Ich habe von allen mehr erwartet.“

Zweieinhalb Monate sind es noch bis zur Weltmeisterschaft in Russland; das Spiel gegen Brasilien war der letzte Test, bevor Löw seinen vorläufigen WM-Kader nominiert. In der öffentlichen Wahrnehmungen genießen die Länderspiele im Frühjahr vor einem großen Turnier daher hohe Wertschätzung. Die Historie aber zeigt, dass ihre Aussagekraft arg begrenzt ist. „Es ist eigentlich völlig wurscht, wo wir jetzt stehen“, sagte Kroos. In der jüngeren Vergangenheit hat die Nationalmannschaft bei den Testspielen im März oder April eigentlich nie überzeugt – bei den folgenden WM-Turnieren dagegen schon.

2002 und 2010 gab es jeweils eine 0:1- Niederlage gegen Argentinien, 2006 sogar das desaströse 1:4 in Florenz gegen Italien. Und beim 1:0-Sieg gegen Chile vor vier Jahren in Stuttgart spielte die Nationalmannschaft so bieder und einfallslos, dass Bundestrainer Löw das Spiel in seinem Gedächtnis als Niederlage abgespeichert hat. Anschließend erreichten die Deutschen immer mindestens das WM-Halbfinale. Auch wegen dieser Erfahrungen sagte Löw nach dem 0:1 gegen Brasilien: „Sorgen bereitet mir das nicht. Mir bereitet kaum etwas große Sorgen. Ich weiß, was wir können und welche Mentalität wir in der Mannschaft haben. Sie können sicher sein, dass wir uns steigern.“

Die Herausforderer konnten nicht überzeugen

Befremdlicher als das Ergebnis und die Leistung der Mannschaft in Berlin war der Auftritt all jener Kandidaten, die sich noch Hoffnungen machen, bei der WM nicht nur im Kader, sondern sogar regelmäßig auf dem Platz zu stehen. „Jeder Einzelne ist ein bisschen für sich selbst verantwortlich, alles zu geben“, sagte Kroos. „Das war eben nicht vorhanden.“ Gerade angesichts des internen Konkurrenzkampfes fand Mittelfeldspieler Julian Draxler dies „schwer zu erklären“. Löw bot immerhin einigen Spielern aus der zweiten Reihe die Gelegenheit, sich für mehr zu empfehlen. Von den potenziellen Herausforderern – von Kevin Trapp hinten im Tor bis zu Leroy Sané ganz vorne – wusste jedoch keiner annähernd zu überzeugen. „Es war auch wichtig, dass sich viele Spieler vor der Nominierung noch mal zeigen konnten“, sagte Draxler. „Der Bundestrainer wird sicher einige Erkenntnisse gesammelt haben.“

Die wichtigste dürfte gewesen sein, dass die Weltmeister von 2014 auch 2018 noch und wieder die Achse des deutschen Teams bilden müssen: Mats Hummels und Jerome Boateng in der zentralen Verteidigung, Toni Kroos im defensiven Mittelfeld sowie Thomas Müller und Mesut Özil in der Offensive. Nach dem fahrigen Auftritt des nachweislich überaus talentierten Ilkay Gündogan gegen die Brasilianer darf fürs Erste auch Sami Khedira weiterhin als unentbehrlich gelten. „Es wäre vermessen zu sagen, dass es zwei gleichstarke Mannschaften geben kann“, sagte Löw. Die vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten, die dem Bundestrainer nachgesagt werden, relativieren sich bei genauem Hinsehen doch erheblich.

„Es ist bitter, dass so viele Leute ins Stadion kommen und eine Niederlage gesehen haben“, sagte Mario Gomez. „Aber wenn es wirklich nur ums Gewinnen gegangen wäre, dann hätte der Trainer anders aufgestellt.“ Gomez durfte diesmal von Anfang an spielen, nach einer Stunde kam für ihn Sandro Wagner, ein weiterer Vertreter der Spezies Stoßstürmer. Gomez, 32, ist im Winter vom Abstiegskandidaten Wolfsburg zum Abstiegskandidaten Stuttgart gewechselt. Wagner, 30, sitzt bei den Bayern meistens auf der Ersatzbank. Zur Spitze des internationalen Fußballs zählen beide nicht. Trotzdem wird Löw wohl mindestens einen von ihnen mit nach Russland nehmen. Vielleicht sogar beide. Ob er jetzt schon schlauer sei, was seine WM-Chancen angehe, wurde Gomez gefragt. „Ich will gar nicht schlauer sein“, antwortete er. „Der Bundestrainer wird nicht heute Abend nominieren.“

Spät am Abend sollte Julian Draxler noch erklären, welche Konsequenzen dieser Auftritt der Nationalmannschaft haben werde. „Gar keine“, antwortete er. „War ja nur ein Freundschaftsspiel.“

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