Nach der ersten Heimniederlage : Hertha BSC: Auftrag zum Vergessen

Die Spieler von Hertha BSC wollen die Köpfe wieder frei bekommen. Ein Vorhaben für die kommenden Aufgaben: nicht mehr so brav sein.

Das war schmerzhaft. Hier bekommt Herthas Ondrej Duda den Ball von Marcelo Saracchi ins Gesicht.
Das war schmerzhaft. Hier bekommt Herthas Ondrej Duda den Ball von Marcelo Saracchi ins Gesicht.Foto: MacDougall/AFP

Noch in der Stadionkabine, die Niederlage gegen RB Leipzig an diesem nasskalten Novemberabend war noch frisch, hatte Pal Dardai ein paar Worte an seine geschlagenen Spieler gerichtet. Herthas Trainer, als Spieler selbst eineinhalb Jahrzehnte als Profi unterwegs, wies an, die Niederlage schnellstmöglich aus dem kollektiven Gedächtnis zu verbannen. „Wir wollen uns zum Trainingsauftakt am Dienstag mit frischem Elan und klarem Kopf auf das Spiel in Düsseldorf vorbereiten“, sagte der Ungar am Sonntagvormittag.

Hertha wurde auseinandergespielt

An solchen Tagen muss man Pal Dardai in zwei Personen teilen: in den öffentlichen Dardai und in den internen Dardai sozusagen. Nach außen wird der 42-jährige Ungar sich stets vor seine Mannschaft stellen. Intern aber wird er die Dinge, die nicht so gut waren, analysieren und klar ansprechen. Das tat er schon immer so, seitdem er im Frühjahr 2015 den Cheftrainerposten bei den Berlinern übernommen hat. „In einem so wichtigen Spiel wie gegen Leipzig war das von der Tagesform her nicht in Ordnung“, sagte Dardai, und „die zweite Halbzeit kannst du komplett vergessen“. Namen nannte Dardai keine.

Gegen eine an diesem Tag in so ziemlichen allen Belangen überlegene Leipziger Mannschaft musste Hertha die erste Heimniederlage der Spielzeit hinnehmen. Eine, die wehtat. Weil sie verdient war, wie übrigens auch die beiden vorangegangenen Heimspielniederlagen (1:4, 2:6), die Hertha seit der Leipziger Bundesligazugehörigkeit hat hinnehmen müssen. Zwar hatten die Berliner dieses Mal in der ersten Halbzeit einige gute bis sehr gute Torchancen, die allerdings von Salomon Kalou und Vedad Ibisevic nicht genutzt werden konnten. Doch speziell in der zweiten Hälfte, als Hertha nach dem 0:1-Pausenrückstand „noch einmal draufgehen“ (Pal Dardai) wollte, wurden die Berliner von ihrem Gegner regelrecht auseinandergespielt.

Gerade in dieser Spielzeit hatten die Berliner ihre besten Leistungen gerade gegen Spitzenteams wie Mönchengladbach (4:2) und Bayern München (2:0) auf den Rasen bringen können. Selbst der Sieg in Schalke und das 2:2 vor einer Woche beim Spitzenreiter Borussia Dortmund waren zurecht viel beachtet worden.

Dardai vermisste das Zusammenspiel

„Solche Mannschaft können wir nur gemeinsam schlagen, aber Samstag haben wir nicht zusammengespielt“, sagte Dardai. Auch da wird der Trainer in den Übungseinheiten ansetzen. Gegen Leipzig hatten seiner Mannschaft der Mumm und Biss gefehlt. Anders als geplant, verteidigte seine Mannschaft nicht nach vorn, sondern nach hinten, wie es der Trainer ausdrückte. „Wir standen zu tief“, sagte Dardai.

Davie Selke, der nach einer Stunde auf der Ersatzbank ins Spiel kam, hatte ein komisches Gefühl schon zu Spielbeginn beschlichen. Gegen Mannschaften wie Gladbach oder Bayern habe man gemerkt, „dass da eine Mannschaft auf dem Platz steht, die gallig ist. Das haben wir heute nicht hinbekommen“, hatte der frühere Leipziger Stürmer nach dem Schlusspfiff gesagt. Und so kamen die Berliner nie so richtig in die Zweikämpfe, oft waren sie einen Tick zu spät dran, sie konnten kaum nennenswerte Ballgewinne verzeichnen.

Vor allem im Zentrum um Arne Maier und Ondrej Duda bekam Hertha an diesem Tag einfach keinen Zugriff auf das Spielgeschehen. „Kein Vorwurf an Arne“, sagte Valentino Lazaro, „aber heute war er ein wenig zu brav.“ Sei doch mal ein Arsch, sei ihm von seinen Mitspielern zugerufen worden, „aber die Erfahrung wird er noch machen, es lag nicht an ihm, dass wir verloren haben“, sagte Lazaro. Die Leipziger Offensivspieler stressten die Berliner Defensive durch penetrantes Anlaufen, sodass die Gastgeber es schwer hatten, überhaupt einen halbwegs gefälligen Spielaufbau hinzukriegen. „Und wir konnten für die Leipziger nicht eklig sein“, sagte Lazaro. Nun müsse man intensiv daran arbeiten, um das alles wieder hinzubekommen.

Hertha muss rasch die Kurve kriegen

Die Berliner müssen nun aufpassen, dass sie rasch wieder die Kurve kriegen. Mit dem 0:3 gegen Leipzig ist die überaus stark in die Saison gestartete Mannschaft von Pal Dardai nun seit vier Ligaspielen (Mainz, Freiburg, Dortmund) ohne Sieg. In der Tabelle sackte Hertha durch auf Platz acht, doch die Berliner liegen dafür, dass sie alle Topmannschaften bespielt haben, immer noch gut im Rennen.

In den anstehenden Wochen bis Weihnachten kämen jetzt Gegner auf die Berliner zu, gegen die man gut punkten könne und müsse. „Wir versuchen oben dran zu bleiben“, sagte Dardai. „Wenn wir jetzt schön punkten, wird es am Ende gut ausgehen.“ Dann drehte Pal Dardai ab und begab sich auf seine Laufrunde.

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