• NBA-Triumph über Golden State Warriors: Wie die Toronto Raptors Kanada glücklich machen

NBA-Triumph über Golden State Warriors : Wie die Toronto Raptors Kanada glücklich machen

Die Toronto Raptors holen den NBA-Titel und lösen in Kanada eine bislang unbekannte Basketball-Euphorie aus.

So sehen Sieger aus. Die Toronto Raptors feiern den NBA-Titel.
So sehen Sieger aus. Die Toronto Raptors feiern den NBA-Titel.Foto: AFP

Aufbauspieler Kyle Lowry war so überwältigt, dass er "nicht mal mehr denken" konnte, wie er in die Mikrofone stammelte. „Toronto! Kanada! Baby, wir haben es nach Hause gebracht!“ rief er den Fans in Kanada zu. „Dafür spiele ich Basketball. Dafür arbeite ich“, sagte sein Teamkollege Kawhi Leonard. Der gilt als zurückhaltender Charakter. Aber natürlich war nun keine Zeit für Zurückhaltung.

Die Toronto Raptors haben Sportgeschichte geschrieben. Mit ihrem Finalsieg gegen den Titelverteidiger, die Golden State Warriors, errang erstmals ein kanadisches Team den Meistertitel in der nordamerikanischen Profiliga NBA. In Spiel sechs setzten sich das Team um die Stars Leonard und Lowry mit 114:110 gegen die Mannschaft aus Oakland durch. Es ist der erste NBA-Titel für die Raptors in ihrer 24-jährigen NBA-Geschichte.

Basketball ist seit Wochen die dominierende Sportart in Kanada und hat Eishockey in den Hintergrund gedrängt. Tausende verfolgten in der Fan-Zone vor der Arena in Toronto auf Großbildschirmen das Spiel, das in Oakland ausgetragen wurde. Als die Schlusssirene ertönte, gab es kein Halten. Unter dem Glanz eines Feuerwerks strömten die Fans in die Stadt, blockierten im Zentrum Hauptverkehrsadern und kletterten auf Verkehrsampeln. Ähnliche Bilder sah man von Küste zu Küste, in Halifax, Montreal, Ottawa, Winnipeg und Vancouver. „We the North“ lautete der Schlachtruf der Fans.

Lowry hatte mit 26 Punkten maßgeblich zum Erfolg beigetragen und Leonard war ohnehin der entscheidende Mann in der Serie. Er wurde als wertvollster Spieler der Finalserie (MVP) ausgezeichnet. „Ich wollte hier Geschichte schreiben und das habe ich gemacht“, sagte er. Leonard hatte bereits 2014 mit den San Antonio Spurs diese Auszeichnung erhalten und ist nach LeBron James und Kareem Abdul-Jabbar erst der dritte Spieler, der mit zwei verschiedenen Teams zum MVP gekrönt wurde.

Am Montag hatten es die Raptors verpasst, sich mit einem Heimsieg in Toronto den Titel zu sichern. Aber sie hatten bereits die beiden Auswärtsspiele drei und vier gewonnen. Nun kam der letzte Test auf dem Parkett des Gegners. An Dramatik war das sechste Spiel der Serie „Best of Seven“ kaum zu überbieten. Keine Seite konnte sich einen deutlichen Vorsprung herausarbeiten. 60:57 stand es zur Halbzeit. Die Golden State Warriors, das beste NBA-Team der vergangenen Jahre und in den vergangenen beiden Jahren NBA-Champion, wechselten sich immer wieder mit den Raptors in der Führung ab. Zehn Sekunden vor Schluss stand es 111:110 für die Raptors. Im Basketball ist das fast eine Ewigkeit. Als bei 9,6 Sekunden Danny Green durch ein ungenaues Abspiel den Ball verlor, hatten die Warriors plötzlich die Chance zu Sieg, konnten diese Chance aber nicht ergreifen. Bei 0,9 Sekunden erhielt Leonard nochmals zwei Freiwürfe zugesprochen und brachte die Raptors mit 114:110 unerreichbar für die Warriors in Front. Ihr letztes Spiel der Golden State Warriors in Oakland vor dem Umzug der Franchise nach San Francisco endete mit der enttäuschenden Niederlage.

Die Ursprünge des Basketballs liegen in Kanada

Ein weiterer Schlüsselspieler der Raptors war in dieser Begegnung Fred VanVleet, dem fünf Dreipunkte-Würfe in entscheidenden Spielszenen gelangen. Wie Lenard kam er auf insgesamt 22 Punkte. Auf Warriors-Seite war Klay Thompson mit 30 Punkten der erfolgreichste Spieler – bis zu seinem Ausscheiden Ende des dritten Viertels, als er sich am Knie verletzte. Für die Golden State Warriors war es der zweite schwere Schlag: In Spiel fünf hatte sich Kevin Durant einen Achillessehnenriss zugezogen. Er war nach einer Verletzungspause erst für dieses Spiel wieder in das Team zurückgekehrt. Prägender Spieler auf der Warriors-Seite war Stephen Curry (21 Punkte).

„Die Fans in Toronto werden durchdrehen“, hatte Raptors-Trainer Nick Nurse bereits nach dem vierten Spiel vorhergesagt. „Das ist Kanadas Team“, meinte  Nurse, der das Team erst zu Beginn dieser Saison übernommen hatte. Er sollte Recht behalten. 37 Millionen Kanadier standen, wie Kommentatoren immer wieder anmerkten, hinter dem Team. „Dies ist der größte Erfolg für Kanadas Sport seit mehreren Jahrzehnten“, sagte ein Sportfan in der kanadischen Hauptstadt Ottawa. „Alles blickt auf die Raptors.“ Das gab es noch nie: Kanadas Sportfans blicken nicht nur auf ihr geliebtes Eishockey, in dem vor wenigen Tagen ohne große Aufregung die Finalserie um den Stanley Cup endete. Erstmals steht die NHL für viele Fans im Schatten einer anderen großen Sportliga, der Basketball-Liga NBA.

Mögen in vielen Regionen des Landes die Fans eine Hassliebe mit Toronto pflegen, wenn es um Eishockey geht – im Basketball sah es jetzt ganz anders aus. In den vergangenen fünf Jahren hatten es die Raptors zwar immer in die Playoffs geschafft, sie waren aber nie so weit gekommen wie jetzt. Nun spielte erstmals ein kanadisches Team um den NBA-Titel und erstmals wurden Spiele der Finalserie Best of Seven außerhalb der USA ausgetragen. Noch nie mussten US-Sender in das nördliche Nachbarland reisen, um von der Finalrunde zu berichten.

Mit dem Titelgewinn der Toronto Raptors geht die Trophäe erstmals in das Land, aus dem der Erfinder des Basketballsports kommt. In dem kleinen kanadischen Städtchen Almonte, vier Autostunden nordöstlich von Toronto und etwa eine Stunde westlich von Ottawa, wurde 1861 James Naismith geboren. Er studierte Sport und arbeitete als Sportlehrer in verschiedenen Städten. Als Lehrer in Springfield in Massachusetts hatte er 1891 die zündende Idee: Er nagelte Obstkörbe an die Geländer der Zuschauertribühne und ließ seine Studenten Bälle in die Körbe werfen, um sie im Winter in der Halle zu beschäftigen. Und er entwickelte Regeln, die körperliche Attacken auf den Gegner untersagten und eine Alternative zu Football sein sollten.

Aus diesen Ursprüngen wurde ein zunächst den Kontinent erobernder Sport, der 1936 als olympische Sportart anerkannt wurde. Die Finalserie mit den Toronto Raptors, so bekannte NBA-Chef Adam Silver bereits vor dem letzten Spiel, sei also „eine Art Heimkehr“. Larry Tannenbaum, Eigentümer der Toronto Raptors, blickt bereits in die Zukunft. „Die Trophäe wird in Kanada bleiben“, hofft er für die kommenden Jahre. Und die vielen Millionen Fans, von den viele überhaupt erstmals von diesem Sport elektrisiert wurden, bauen darauf, dass Kanada künftig nicht nur ein Hockey-, sondern auch ein Basketball-Land sein wird.

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