Neue Regeln zum Profifußball-Auftakt : Saisonstart mit Hilfe von oben

Die neue Saison im Profifußball startet mit einigen Regeländerungen. DFB-Lehrwart Lutz Wagner ist gerade in puncto Handspiel nicht ganz zufrieden.

Rauf mit dir! Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Lutz Wagner ist heute DFB-Chef-Lehrwart.
Rauf mit dir! Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Lutz Wagner ist heute DFB-Chef-Lehrwart.Foto: Marcus Brandt/dpa

Die internationalen Regelhüter haben in diesem Jahr so intensiv getagt wie lange nicht mehr. Es gab jede Menge zu besprechen, zu diskutieren - und zu verändern. Herausgekommen sind so viele substanzielle Regeländerungen wie lange nicht mehr. Am Freitag werden sie beim Drittliga-Auftaktspiel zwischen 1860 München und Preußen Münster erstmals in einer deutschen Fußball-Profiliga angewendet.

Einer, der dann ganz genau hinschauen wird, ist Lutz Wagner. Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter ist heute als oberster Schiedsrichter-Lehrwart des Deutschen Fußball-Bundes dafür zuständig, die Regeländerungen von der Bundesliga bis zu den Landesverbänden zu kommunizieren. Für ihn ist die oberste Prämisse, den Fußball einfach zu halten. Dass er verständlicher und transparenter wird, ist die Aufgabe des International Football Association Board, kurz Ifab.

„Man versucht, zeitnah an den Bedürfnissen des Fußballs dran zu sein“, sagt der 56-Jährige. Durch die Regel, dass der Ball bei Ab- oder Freistößen den Strafraum nicht mehr verlassen muss, wolle das Ifab das Spiel beispielsweise dynamischer und attraktiver machen. Zudem hat sich das Regelhütungskomitee vor allem die umstrittene Handspiel-Regel vorgenommen. Dort, wo sich laut Wagner „etwas aufgestaut hat, wo man reagieren musste“.

Zum einen zählen Tore grundsätzlich nicht mehr, denen ein Handspiel eines Offensivspielers vorausging. Und zum anderen wurde der Ermessensspielraum bei der unnatürlichen Hand- und Armhaltung und damit unzulässigen Vergrößerung der Abwehrfläche eingeschränkt – damit sollen viele unterschiedliche Auslegungen, wie in der vergangenen Saison, verhindert werden. „Aber in einigen Fällen“, sagt Wagner, „hätte ich mir eine noch engere Fassung gewünscht, sodass der Schiedsrichter noch weniger Ermessen hat und es dadurch noch klarer wird“.

Handspiel bleibt weiterhin ein großes Thema

Zum Beispiel sei noch immer nicht völlig klar, wann ein Handspiel beim Abstützen des Armes beim Grätschen geahndet werde. Eine diesbezüglich klarere Festlegung der Regeln wäre für den Chef-Lehrwart des DFB sinnvoll gewesen. Denn jeder Schiedsrichter brauche „Handwerkszeuge, die er auch anwenden kann, die einfach und griffig sind“. Das sieht er bei der Handspiel-Regel noch nicht zwingend gegeben.

An die neuen Regeln muss sich jeder Schiedsrichter halten, von der Champions League bis zur fünften Kreisklasse. Sowohl der Elite-Schiedsrichter muss sie umsetzen können als auch der Unparteiische, der nur einmal im Monat pfeift. Wagner kann nachvollziehen, dass nicht alle Schiedsrichter sich in gleichem Maße mit den Regeln beschäftigen, „aber letztlich ist es das Rüstzeug des Schiedsrichters. Eine gewisse Eigeninitiative muss der Schiedsrichter natürlich zeigen“, sagt Wagner. „Wer es nicht macht, der muss auch damit rechnen, dass seine Entscheidung nicht akzeptiert wird.“

Lehrstunde. Lutz Wagner (r.) im Gespräch mit Bayern-Trainer Niko Kovac.
Lehrstunde. Lutz Wagner (r.) im Gespräch mit Bayern-Trainer Niko Kovac.Foto: Hasan Bratic/dpa

Regeländerungen machen Fußballspiele somit nicht per se einfacher und transparenter, wenn es keine Schiedsrichter gibt, die diese einfacher und transparenter machen können. „Alles, das einem in der Praxis wiederfährt, das hat eine gewisse Nachhaltigkeit“, spricht Wagner zwar aus Erfahrung. Doch in unteren Ligen könnte es seine Zeit dauern, bis die Regeln angekommen sind und sich durchsetzen.

Lutz Wagner hilft dabei gewissermaßen nach, indem er seit Wochen durch die Landesverbände tourt, um mit Beispielvideos für die Regeländerungen zu werben. „Es wird sehr wertgeschätzt, dass sie aktuelles Material haben“, sagt Wagner. Wichtig ist vor allem, dass es prägnant ist, damit sich auch wirklich jeder Schiedsrichter die Szenen schnell einprägen kann. Das funktioniere visuell am besten. „Wenn ich ein Video zeige, schult das viel besser als ellenlange Texte.“

Die Umsetzung einer Regel, die er bisher noch nicht zeigen konnte, gefällt Wagner besonders gut. Gerade, weil sie die Außenwirkung des Schiedsrichters deutlich erleichtert: Auch Teamoffizielle – demnach auch Trainer, der Mannschaftsarzt und der Wasserträger – können nun Gelbe und Rote Karten erhalten. „Man hat es bei den Spielern eingeführt, warum dann nicht auch bei den Trainern?“, sagt Wagner. „Das trägt doch zur Klarheit bei, da nehme ich ja auch die Zuschauer mit.“

Britische Verbände mit großem Einfluss

Und diese Zuschauer werden sich nicht auf weitere Änderungen einstellen müssen, „wenn die Fifa nicht selbst auf die Idee kommt“, sagt Wagner. Gerade weil die nationalen Fußballverbände wie der Deutsche Fußball-Bund keinen großen Einfluss haben, ist das aber unwahrscheinlich. Zwar könnte auch er als deutscher Vertreter des DFB Vorschläge machen, falls ihm eine Regel überhaupt nicht gefällt. Doch zum Schluss entscheidet das Ifab. Und in diesem vertreten vier Funktionäre – und damit die Hälfte des Gremiums – die britischen Verbände. „Damit ist gesichert, dass das Mutterland des Fußballs entscheidenden Einfluss hat“, sagt Wagner. Und was aus diesem Einfluss von der Insel entsteht, ist dann für ein Jahr Gesetz.

Diese Einheit sei wichtig, findet Wagner. Denn sollten die einzelnen Nationalverbände die Fußballregeln plötzlich verschieden auslegen, entstünde „Wildwuchs“ – und dann, sagt Wagner, „sind Schiedsrichter für Spieler und Vereine nicht mehr berechenbar“.

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