Neue Rennserie : Formel Frau

Die neue Formel W soll im Mai starten und den Motorsport revolutionieren. Doch die Rennserie ist umstritten.

Den Durchblick. In der Formel 1 haben es Frauen wie Susie Wolff zuletzt nur bis zur Testfahrerin geschafft.
Den Durchblick. In der Formel 1 haben es Frauen wie Susie Wolff zuletzt nur bis zur Testfahrerin geschafft.Foto: Jens Büttner/dpa

Michelle Halder hat eine ziemlich klare Vorstellung von dem, was sie mal werden will: „Rennfahrerin!“ Ihr Plan könnte gelingen. Halder ist 19 und fährt mit einen Cupra TCR schon so schnell um die Kurven, dass sie durchaus ein paar flotte Sprüche abgeben darf. Diesen zum Beispiel: „Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich Frauen oder Männer abhänge.“ Weil Halder, die bisher in einer Tourenwagen-Rennserie startet, in den vergangenen Jahren oft ihre männlichen Kollegen abhängte, will sie mehr. „Ich bin davon überzeugt, dass Frauen auch in der Formel 1 fahren könnten“, sagt Halder, die genau da mal hin will. Doch die Formel 1 ist bisher nicht dadurch aufgefallen, schnellen Pilotinnen wie Halder den roten Teppich auszurollen. Im Gegenteil.

Deshalb wollte Michelle Halder einen Umweg gehen. Sie wollte in der sogenannten Formel W starten – eine Art Formel 1 für Frauen, die im Jahr 2019 erstmals an den Start geht und nicht nur in der Rennsportszene kontrovers diskutiert wird. Die einen sehen einen Fortschritt darin, dass in dem von Männern dominierten Rennsport überhaupt etwas für Frauen getan wird. Die anderen empfinden es als Rückschritt, weil Frauen den Männern in der Formel 1 doch schon direkt Konkurrenz gemacht haben und sich eher dafür einsetzen sollten, dass sie künftig wieder Cockpits in der höchsten Rennklasse besetzen können. „Ich bin zutiefst enttäuscht, einen solchen historischen Rückschritt miterleben zu müssen. Was für ein trauriger Tag für den Motorsport“, sagte die britische Indycar-Pilotin Pippa Mann schon bei der Bekanntgabe der Formel-W-Pläne. Die 35-Jährige beklagt, dass die Formel W die Frauen vom Normalbetrieb abschotte. Formel-3-Fahrerin Sophia Flörsch äußerte sich ähnlich: „Ich will mit den Besten unseres Sports konkurrieren“, twitterte sie.

Erstes Rennen im Mai in Hockenheim

Flörsch verkündete deshalb frühzeitig, auf das Auswahlverfahren, das Ende Januar startete, zu verzichten. Andere starke Rennfahrerinnen zogen nach. Die einzige deutsche Teilnehmerin, Doreen Seidel, ist bereits ausgeschieden.

Michelle Halder hat sich letztlich gegen den Wettbewerb entschieden – aber nur, weil sie 2019 andere Pläne hat. Grundsätzlich befürwortet sie die Formel W. „Ich finde es toll, dass diese Rennserie gegründet wird“, sagt sie . „Es ist ein Vorteil, dass für die Fahrerinnen keinerlei Kosten entstehen.“

Ab 5. Mai werden die Frauen über sechs Strecken in Europa um den Titel fahren. Den Anfang machen sie in Hockenheim. Alle Starterinnen bekommen den gleichen Rennwagen gestellt, ein 270 PS starkes Formel-3-Auto des Modells Tatuus F3 T-318. Anders als in der Formel 1 herrscht formal also Chancengleichheit, jede Frau wird mit demselben Material wie die Konkurrenz arbeiten müssen. Es könnte sich unter diesen Vorzeichen wirklich die Schnellste durchsetzen. Das Versprechen dahinter: Die besten Pilotinnen sollen echte Chancen auf ein Formel-1-Cockpit erhalten. „Wenn wir keine Plattform schaffen, die den Zugang beschleunigt, wird sich nichts ändern“, sagt der ehemalige Formel-1-Fahrer David Coulthard im Hinblick auf die Frauenquote in der Formel 1.

Bislang war es dort meist so: Insbesondere junge Frauen durften zwar ganz nah ran an die funkelnden Autos, aber nie wirklich rein. In der Startaufstellung standen sie lediglich neben den Rennwagen, die eine Hand wurde in die Hüfte gestemmt, die andere hielt eine Stange mit der Startnummer eines Rennfahrers in die Luft. Ganz wichtig dabei war: immer schön lächeln. Grid-Girls wurden diese Frauen genannt, die neben den Hamiltons und Vettels dieser Welt posierten.

500.000 Euro für den Gesamtsieg

Sie gehörten über viele Jahre genauso zur Formel 1 wie der alte Vermarktungsguru Bernie Ecclestone, der die glitzernden Grid-Girls besonders gern mochte. 2016 verkaufte der mittlerweile 88-Jährige das Formel-1-Geschäft an Liberty Media. Rund vier Milliarden Euro zahlte das US-Unternehmen für die Rechte, es nahm für sich in Anspruch, die schnelle Serie auch möglichst schnell umzukrempeln. Viel geändert hat sich seither nicht. Die nicht mehr gar so zeitgemäßen Grid-Girls schafften die neuen Eigentümer in der letzten Saison aber ab und ersetzten sie durch „Grid-Kids“, was Ecclestone mit folgenden Worten kommentierte: „Ich verstehe nicht, wie eine gutaussehende Frau, die mit einer Nummer vor einem Formel-1-Auto steht, für irgendjemanden beleidigend sein kann.“ Der deutsche Formel-1-Pilot Nico Hülkenberg sagte: „Ein paar heiße Mädels vor den Autos, das ist doch für die ganze Szene nur förderlich.“

David Coulthard würde Frauen lieber in einem Formel-1-Cockpit sehen – allerdings erst, nachdem sie in der Formel W überzeugt haben. Er ist von der neuen Serie überzeugt und zählt zu jenen Menschen, die entscheiden dürfen, welche Frauen in der Formel W fahren dürfen. Coulthard ist Teil der Jury, die jetzt eine Vorauswahl getroffen hat und am Ende 18 Pilotinnen plus zwei Reservefahrerinnen nominiert. Ende März fällt in einem viertägigen Test im spanischen Almeria die finale Entscheidung. Serienchefin Catherine Bond Muir sagt: „Selbst heute herrscht ein großes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern und die W Series unternimmt den ersten Schritt, um das zu ändern.“

Insgesamt 1,5 Millionen US-Dollar, rund 1,3 Millionen Euro, werden in der Formel W ausgeschüttet, die Gesamtsiegerin streicht eine halbe Million ein. Geld, das zum Beispiel Michelle Halder gut gebrauchen könnte: „500.000 Euro für den Gesamtsieg sind schon ein großer Anreiz.“ Trotzdem will sie lieber ihre eigene Show abziehen und weiter Männer abhängen. Halder begründet ihre Absage an die Formel W so: „Es hat sich eine andere Option ergeben.“ Mehr darf sie nicht verraten.

Aufmerksamkeit ist größer

Das mit dem Männer abhängen ist Halder bisher übrigens ganz ordentlich gelungen. Sie hat das, was Experten „einen Renninstinkt“ nennen, verfügt über fahrerisches Feingefühl und gutes Timing.

Ihre noch junge Karriere ist recht klassisch verlaufen. Die Frau aus Meßkirch, einem Ort mit knapp 9000 Einwohnern im Süden Baden-Württembergs, wurde von ihrem Bruder Mike Halder schon in jungen Jahren mit auf die Kartbahn geschleppt. Irgendwann, so erzählt sie es, habe sie genug gesehen gehabt – und stieg selbst in einen Kart. „Ich bin es gewöhnt, von klein auf gegen Jungs zu fahren, weil meine Konkurrenz eben meist männlich war“, sagt Halder.

Es folgte der Aufstieg in die Formel 4 und im vergangenen Jahr eine starke Saison in der Tourenwagen-Serie „ADAC TCR Germany“, die sie als Neunte im 28er Feld beendete. Unter den Neuen, den sogenannten Rookies, belegte sie Platz drei – als beste Frau. Nach ihrer ersten Tourenwagen-Saison hat Halder festgestellt: „Man muss als Frau schon ein bisschen härter kämpfen, um im Motorsport erfolgreich zu sein.“ Es gelte allerdings auch dies: „Manchmal ist es leichter für Frauen, Sponsoren zu finden, weil sie im Motorsport etwas besonderes sind. Die Aufmerksamkeit durch die Medien ist höher.“

Wenigstens das hat die Formel W schon vor ihrem Start geschafft: Die Aufmerksamkeit für Frauen im Rennsport ist größer geworden.

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