• Neue Vergaberegeln bis Cyberschutz: Was sich Berlins Mittelständler vom Senat wünschen

Neue Vergaberegeln bis Cyberschutz : Was sich Berlins Mittelständler vom Senat wünschen

Umfragen der Berliner Wirtschaftskammern deuten auf viel Frust unter den Unternehmern der Stadt hin. Jetzt haben Mitglieder konkrete Vorschläge.

Kevin P. Hoffmann
Die Ausbildungsreife vieler junger Menschen ließe zu wünschen übrig, beklagen mehr als die Hälfte der Berliner Mittelstandsunternehmen.
Die Ausbildungsreife vieler junger Menschen ließe zu wünschen übrig, beklagen mehr als die Hälfte der Berliner...Foto: dpa

Der Frust ist groß: 72 Prozent der im Auftrag der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) befragten Unternehmen haben in diesem Jahr angegeben, nicht mehr an öffentlichen Ausschreibungen teilzunehmen.

Als Grund gaben 55 Prozent davon den zu hohen Aufwand an. 78 Prozent der Befragten kritisieren, dass der Preis in der Regel das alleinige Zuschlagkriterium ist.

Derart schlechte Zeugnisse für die öffentlichen Auftraggeber sind eher die Regel als die Ausnahme.

Nun haben diese und andere Umfrageergebnisse die größte Wirtschaftskammer der Hauptstadt veranlasst, tiefer in das Gespräch mit Unternehmensvertretern einzusteigen.

Denn diese leiden stärker als „Normalbürger“ darunter, wenn Veraltung nicht gut funktioniert. Während eine durchschnittliche Privatperson (laut IHK) gerade einmal zwei bis drei Mal im Jahr Kontakt zu einer Verwaltungsstelle hat, sind es für Unternehmen im selben Zeitraum 125 Kontakte.

Mehr als zwei Drittel (70 Prozent) der befragten Unternehmer gaben im Frühjahr aus Anlass der Halbzeitbilanz amtierenden Rot-rot-grünen Senats an, ihr Leidensdruck beim Verwaltungsthema sei immens groß.

Und mehr als 50 Prozent der befragten Unternehmen halten die Ihnen vom Land entgegengebrachte Wertschätzung für unzureichend.

Dazu kommen Faktoren, die der Senat nur mittelbar beziehungsweise mittel- oder langfristig ändern kann: So bemängeln 45 Prozent der befragten Unternehmen das Fehlen elementarer Rechenfähigkeiten bei jungen Leuten, sogar 58 fehlendes mündliches und schriftliches Ausdrucksvermögen. 51 Prozent der befragten Unternehmen konstatieren heute eine verschlechterte Ausbildungsreife im Vergleich zu 2014 - als vor fünf Jahren also.

Ehrenamtlich aktive Unternehmer in der IHK haben am Montagabend auf einer Veranstaltung konkreter dargestellt, wo sie die Missstände erkennen.

Mitglieder des „Kompetenzteams Mittelstand“ der IHK Berlin stellten zehn für sie besonders relevante Projekte und Politikfelder dar.

Der Mittelstand werde vom Senat nicht gestärkt, lautet eine Botschaft aus der Arbeitsgruppe

„Unser Mittelstandscheck zeigt, dass die Politik von Rot-Rot-Grün derzeit nicht die Stärkung des Mittelstandes zum Ziel hat, obwohl kleine und mittlere Unternehmen das Rückgrat der Berliner Wirtschaft sind“, sagte Sebastian Stietzel, Vorsitzender dieser Arbeitsgruppe und Mitglied des Präsidiums der IHK.

„Sie brauchen eine Wirtschaftspolitik, die ihre Entwicklung fördert, Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung aufgreift und Bürokratie auf ein Mindestmaß reduziert.“

Christian Pletz von der Tief- und Rohrleitungsbaufirma Werner Pletz GmbH warb für den „Zukunftspakt Verwaltung“, den Kammern und unterschiedlichste Verbände seit Monaten einfordern.

„Alle Investitionsversprechungen unserer Auftraggeber bringen nichts, so lange die Verwaltung der Flaschenhals der Bauwirtschaft ist. Bitte aufwachen, Fuß von der Bremse und Vollgas!“, schrieb Pletz in einem vorab formulierten Statement.

Christian Rücker von Ardor SE, einem Sicherheitsdienstleister aus dem Südosten der Stadt, beklagte sich über die Vergabepraxis: Aktuelle Ausschreibungen würden weder die Leistungsfähigkeit noch ein angemessenes Preis-Leistungsverhältnis abbilden. „Der günstigste Bieter kann weder nachhaltig noch qualitativ gut sein.“

Berlins Unternehmer erwarten mehr Schutz gegen Hackerangriffe

Auch erwarten Berlins Unternehmer vom Senat mehr Schutz gegen Bedrohungen aus dem Ausland – durch Hackerangriffe zum Beispiel. Sonja Jost von DexLeChem, einem innovativen Dienstleister der Pharma- und Kosmetikindustrie, sprach von „systematischen Cyberangriffen, die von Nationen wie China finanziert, geleitet und durchgeführt werden“.

Diese seien mittlerweile so massiv, dass sie ein nationales Sicherheitsrisiko darstellen. „Wir können hier schon lange nicht mehr von rein kriminellen Handlungen sprechen.

Wissensintensive KMU und Startups werden ausgeblutet und haben keine Chance, sich dagegen zu wehren – und keiner schützt uns!“ Hier sehen die Unternehmer also nicht allein die Bundesbehörden in der Pflicht.

Andere wichtige Themen, die die Unternehmen nach Angaben der IHK umtreiben sind Kooperationen und Wissensaustausch mit den ansässigen Hochschulen, der Kampf gegen den Fachkräftemangel aber auch Anliegen, die in der breiten Bevölkerung geteilt werden: Der Ausbau des ÖPNV. Denn auch der beste Arbeitgeber hat Probleme, wenn seine Mitarbeiter die Betriebsstätte nicht halbwegs bequem erreichen können.

Und sogar ein halbes Lob gab es: Thomas Dreusicke von der INDIA Tastenfabrik Berlin würdigte die Überlegungen zum „Unternehmenskonto“, eine elektronische Plattform unter dem die unterschiedlichen Fachverfahren gebündelt werden.  „Das Unternehmenskonto hat das Zeug dazu, den Amtsschimmel aus den Stuben zu vertreiben. Dafür muss ihm die Verwaltung aber noch kräftig die Sporen geben.“

 

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