Sport : „Niemand hat gesagt, es wird einfach“

Mineiro über den Wechsel zu Hertha, die brasilianische Selecao und Nationaltrainer Carlos Dunga

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Mineiro, wie erklären Sie eigentlich Carlos Dunga, dem Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft, dass Sie bei Hertha BSC kein Stammspieler sind?

Ich muss ihm nichts erklären. Er hat mich ja nominiert. Nicht, weil ich bei Hertha spiele, sondern um meine gute Arbeit in Brasilien zu belohnen.

Sie sind Brasilianer, Brasilianer wollen immer Fußball spielen. Leiden Sie, wenn Sie bei Hertha auf der Bank sitzen?

Das hat nichts damit zu tun, dass ich Brasilianer bin. Es ist normal, dass man traurig ist, wenn man nicht spielen darf. Aber ich muss es respektieren, und das tue ich. Vor allem darf man nie aufgeben.

Sind Sie ein Kämpfer?

Ich komme aus Porto Alegre und habe mit sechs Jahren bei Internacional angefangen. Ich wollte dort Profi werden. Aber mein Körper stand mir im Weg. Als ich 17 war, hat man mir gesagt, ich sei zu klein. Ich musste meinen Lieblingsverein verlassen, meine Heimatstadt, meine Familie. Das hat mich sehr traurig gemacht. Aber ich habe mich durchgesetzt, und in den letzten beiden Jahren habe ich einen richtigen Karrieresprung gemacht.

Wie erklären Sie sich das?

Ich möchte die Sache nicht spiritualisieren. Aber ich glaube, dass ich diese Gabe von Gott habe. Die meisten Brasilianer bekommen schon mit 18, 19 ein Angebot aus dem Ausland. Bei mir hat sich erst mit 29 etwas bewegt. Dann kam die Selecao, die WM, das Ausland. Jeden Tag danke ich Gott für alles, was mir passiert ist.

Gab es ein bestimmtes Ereignis, das Ihren Karrieresprung ausgelöst hat?

Ich glaube nicht, dass man ein Detail heraus nehmen und sagen kann: Damit hat es angefangen. Wenn es so weit ist, muss man vorbereitet sein. Vielleicht haben die Schwierigkeiten, die ich hatte, meine Entwicklung sogar positiv beeinflusst.

Mussten Sie sich stärker anstrengen, weil sie klein sind?

Man muss anders sein. Du musst sehr kräftig sein, damit du im Zweikampf bestehen kannst. Wenn man es mal objektiv betrachtet: Eigentlich ist es unmöglich, mit meinem Körper erfolgreich Fußball zu spielen. Aber Gott hat mir das Talent gegeben, es trotzdem zu schaffen.

Hat Ihr Name, Mineiro, etwas mit Ihrer Größe zu tun?

Nein, bei Internacional gab es einen Spieler namens Gaucho Mineiro. Mein Bruder spielte damals für die Amateure von Internacional, und weil er Mineiro ein bisschen ähnlich sah, wurde er auch Mineiro genannt. Ich war dann Mineirinho, der kleine Mineiro. Als mein Bruder mit dem Fußball aufhörte, wurde ich zu Mineiro.

Mögen Sie den Namen?

Ich empfinde eine gewisse Zuneigung, weil ich ihn trage, seitdem ich sechs bin.

Sie sind für die beiden Länderspiele gegen Chile und Ghana nominiert worden. Profitieren Sie davon, dass Dunga als Spieler auch eher ein Kämpfer war?

Ich glaube nicht, dass es daran liegt. Wenn man in Europa spielt, hat man einfach bessere Chancen, in die Selecao berufen zu werden.

Dunga hat selbst in Deutschland gespielt. Hat er Ihnen den Wechsel empfohlen?

Darüber haben wir nie gesprochen. Er hat mir nur gesagt, was ich tun muss, um für die Selecao nominiert zu werden.

Was hat sich verändert, seitdem Dunga Nationaltrainer ist?

Ich habe erst einmal unter ihm gespielt, deshalb wäre es ungerecht, seine Arbeit mit der seines Vorgängers zu vergleichen. Was ich sagen kann: Dungas Stil ist einzigartig. Nicht nur als Trainer, schon als Spieler war er anders. Er kann motivieren, er holt alles aus uns heraus.

Was bedeutet es Ihnen, für die brasilianische Nationalmannschaft zu spielen?

Es weckt bei mir ein Gefühl von Patriotismus. Im Ausland empfindet man das noch stärker, weil es dir die Heimat zurückbringt.

Sie sind jetzt 31. Ist die Weltmeisterschaft 2010 noch ein realistisches Ziel für Sie?

Solange ich laufen kann, möchte ich in der Selecao spielen. Und wenn ich 2010 noch spiele, will ich natürlich auch zur Weltmeisterschaft.

Sie gehörten schon bei der WM in Deutschland zum brasilianischen Aufgebot. Die Stimmung im Land war damals besonders. Haben Sie das Gefühl, dass Deutschland sich seitdem wieder verändert hat?

Wenn jemand ein Fest veranstaltet, verhält er sich immer anders als gewöhnlich. Deutschland hat sich verändert, aber ich habe nach wie vor einen guten Eindruck von den Deutschen. Mir scheint, als seien sie aufgeschlossener geworden. Ich lerne aber gerade erst ein bisschen die deutsche Kultur kennen.

Auch der deutsche Fußball ist anders als der brasilianische.

In Deutschland spielt man den Ball schneller ab. Du bekommst ihn und passt ihn gleich weiter, außerdem werden die Bälle häufiger hoch gespielt. In Brasilien dribbeln wir mehr. Wir halten den Ball länger.

War es für Sie wichtig, dass bei Hertha schon viele Brasilianer gespielt haben?

Bevor ein Verein einen Spieler verpflichtet, wird er Erkundigungen über ihn einholen. Genauso machen wir es auch. Man besorgt sich Informationen: über das Land und den Klub, wägt Pro und Contra ab.

Was sprach für Hertha?

Schon vor drei, vier Jahren gab es Kontakt. Hertha war einer der ersten europäischen Klubs, der Interesse an mir hatte. Das war natürlich ein Faktor. Ich wusste aber auch, dass Hertha sich sehr um die brasilianischen Profis kümmert, dass sie einen Dolmetscher stellen.

Haben Sie Ihre Entscheidung schon bereut?

Niemand hat mir gesagt, dass es einfach werden würde, und ich kenne solche Situationen auch aus Brasilien. Man muss vor allem gelassen bleiben.

Nach Ihrem ersten Spiel für Hertha sind Sie noch einmal nach Brasilien geflogen. Bei Ihrer Rückkehr wurden Sie am Flughafen von Journalisten und Fotografen erwartet. Sie wirkten sehr überrascht.

Na ja, ich kenne das auch aus Brasilien. Aber dort wissen die Journalisten schon, dass ich zurückhaltend bin. Sie lassen mir ein bisschen mehr Luft.

Werden Sie in Brasilien auf der Straße erkannt?

In Sao Paulo und Porto Alegre werde ich schon mal angesprochen, aber die meisten Leute wissen, dass ich sehr schüchtern bin.

Wie ist es in Berlin?

Manchmal merke ich, dass die Leute mich anschauen und sich fragen: Ist er es, oder ist er es nicht?

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Ingo Schmidt-Tychsen. Übersetzung: Alcir Pereira.

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