"Nossa Chape" : Tragödie nach der Tragödie

Rafael Henzel überlebte 2016 den Flugzeugabsturz von Chapecoense – und erlag jetzt einem Herzinfarkt. Am Donnerstag startet der Kinofilm "Nossa Chape".

Die Fans von Chapecoense verloren ihre Fußballmannschaft auf tragische Art und Weise.
Die Fans von Chapecoense verloren ihre Fußballmannschaft auf tragische Art und Weise.Foto: Weltkino Filmverleih/dpa

Am vergangenen Donnerstag war Rafael Henzel noch in Berlin. Als Ehrengast bei der Eröffnungsgala des internationalen Fußballfilmfestivals „11mm“ im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz. Er hat gelacht und gescherzt und Anekdoten erzählt, auch über diese eine Sache, die sein Leben prägte und so überhaupt nicht zum Lachen und Scherzen war. Der Radioreporter Henzel zählte zu den sechs Überlebenden, als im November 2016 ein Flugzeug in den Anden zerschellte. An Bord befanden sich Präsidium, Trainer und 19 Spieler der Associação Chapecoense de Futebol, sie waren auf dem Weg zum Finale der Copa Sudamericana in der kolumbianischen Stadt Medellín.

Jeff und Michael Zimbalist haben einen Film über diese Tragödie gedreht. „Nossa Chape“ kommt an diesem Donnerstag in die Berliner Kinos, ein anrührendes Dokudrama, das am Montag mit dem Publikumspreis des 11-mm-Festivals ausgezeichnet wurde. Ein paar Stunden später war Rafael Henzel tot. Opfer eines Herzinfarktes, erlitten nach einem Fußballspiel im Freundeskreis, mit gerade 45 Jahren.

Der Journalist Rafael Henzel überlebte den Flugzeugabsturz, starb aber nun in Folge eines Herzinfarktes.
Der Journalist Rafael Henzel überlebte den Flugzeugabsturz, starb aber nun in Folge eines Herzinfarktes.Foto: Tercio Teixeira/AFP

Es ist eine späte Tragödie nach der Tragödie. Die Brüder Zimbalist haben den Reporter Henzel kennen und schätzen gelernt, als sie im Dezember 2016 nach Chapeco flogen, nur ein paar Tage nach dem Unglück. Er war auch dabei, als die Mannschaft ein halbes Jahr nach dem Absturz erneut ein Flugzeug bestieg, das sie nach Kolumbien bringen sollte. Zu einem Spiel, das andere hätten spielen sollen. Der Torwart Danilo, der noch ein paar Stunden überlebt und mit seiner Familie telefoniert hatte, bevor der Tod ihn nahm. Für den Mittelfeldspieler Ananias, dessen Freundin sich immer wieder in Kolumbien erkundigte, ob denn an der Unfallstelle vielleicht sein Trikot gefunden worden sei, „aber ich weiß einfach nicht mehr, welche Rückennummer er hatte“.

„Nossa Chape“ ist ein Film über die Vergänglichkeit und den schwierigen Umgang damit. Es gibt nicht nur eine Wahrheit, „nur verschiedene Perspektiven“, sagt Jeff Zimbalist. „Wir versuchen, allen gerecht zu werden.“ Nicht nur den einen, die die Bilder der toten Freunde, Kinder, Ehemänner nicht mehr aus dem Kopf bekommen.

Die Kamera verschont das Publikum nicht

Die Kamera dokumentiert den Schmerz der Hinterbliebenen und der drei überlebenden Spieler so wertfrei wie den Pioniergeist derer, die einen klinisch toten Klub zu neuem Leben erwecken wollen. Sie verschont das Publikum nicht von dem Zusammenstoß, auf den beide Seiten zusteuern. Da ist die juristische Klage, die Frauen und Freundinnen der toten Spieler gegen den Klub anstrengen. Die aufgeladene Stimmung unter alten und neuen Spielern, sie artet in der Kabine beinahe zu einer Schlägerei aus. Es sind schwer erträgliche Sekunden, wenn das Management über den Mehrwert des Trauer-Images sinniert und der Trainer darüber nachdenkt, welche mediale Aufmerksamkeit der Klub erzielen würde, wenn einer der drei Überlebenden wieder das grüne Trikot von Chapecoense trüge.

Auch Alan Ruschel, Helio Neto und Jackson Follmann gehören zu der Reisegesellschaft, die im Mai 2017 nach Medellín fliegt. Der Film zählt die Minuten und Sekunden herunter, aber als das Flugzeug kurz vor der Landung die Absturzstelle überfliegt, konstatiert Michael Zimbalist eine überraschend verhaltene Rezeption. „Wir dachten, es würde die Spieler emotional mehr mitnehmen. Aber sie alle saßen seit dem Absturz ja schon öfter wieder im Flugzeug“, wenn auch nicht auf dem Weg nach Medellín. Auch das Spiel gegen Atlético Nacional gerät nicht zu dem erwarteten emotionalen Höhepunkt. Die Zimbalists erinnern sich an „ein ganz normales Fußballspiel“ ohne jede Aufladung über den sportlichen Wettstreit hinaus, auch wenn Medellíns 4:1-Sieg sich nicht so gut in die Dramaturgie fügt.

Tränen, Umarmungen, Verbrüderung

Am Tag danach kommt es doch noch zu einem ganz besonderen Augenblick. Als die brasilianische Reisegruppe in einen Bus steigt und zu dem Krankenhaus fährt, das sich im November 2016 um die Erstversorgung verdient machte. Eine Frau herzt eine Krankenschwester und bedankt sich, „du bist ein Teil meiner Familie geworden.“ Weiter geht es im Bus hinauf ins Gebirge, durch steiles und unwegsames Gelände, ein letztes Teilstück muss zu Fuß zurückgelegt werden. Ein Polizist stützt Jackson Follmann, dem nach dem Absturz ein Unterschenkel amputiert wurde. Dann stehen die Brasilianer endlich an der Stelle, wo das Flugzeug zerschellte. Empfangen von den Kolumbianern, die sich nach dem Absturz durch den Regen und die Dunkelheit gekämpft hatten, um zu retten, was noch zu retten war. Holzkreuze und Fotos der Toten schimmern durch den Nebel.

Die Brüder Zimbalist sind bis heute bewegt von dem, was sie in der Abgeschiedenheit der Berge dokumentieren. Tränen, Umarmungen, Verbrüderung. Helio Neto zieht sein Telefon aus der Tasche und ruft Barbara an, die Freundin des Mittelfeldspielers Ananias, die über ihren Schmerz vergessen hat, welche Rückennummer der Freund mal trug. Neto sagt: „Barbara, ich bin am Absturzort. Es gibt hier ein Foto von dir und Ananias.“ Und: „Oben fliegen so viele Flugzeuge.“

Trauern unterm Kreuz. Überlebende, Hinterbliebene und Rettungshelfer rücken an der Unglücksstelle zusammen.
Trauern unterm Kreuz. Überlebende, Hinterbliebene und Rettungshelfer rücken an der Unglücksstelle zusammen.Foto: Luis Eduardo Noriega/Imago

Rafael Henzel saß am Donnerstag mit seiner Familie im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz. „Papa, ich will auch Reporter werden“, hat sein kleiner Sohn nach der Filmvorführung gesagt. „Bloß nicht!“, sprach der Vater, denn wer wolle schon so furchtbare Dinge erleben, wie sie gerade auf der Leinwand zu sehen waren?

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