Olaf Marschall beim 1. FC Kaiserslautern : In guter wie in schlechter Zeit

Vor 20 Jahren wurde Olaf Marschall mit Kaiserslautern als Aufsteiger Deutscher Meister – doch das Jubiläum wird durch die aktuelle Tristesse getrübt.

Wieder einer drin. Marschall schoss 49 Bundesliga-Tore für den FCK.
Wieder einer drin. Marschall schoss 49 Bundesliga-Tore für den FCK.Foto: picture-alliance / dpa

Die Locken sind noch dieselben, auch das hallende Lachen. Aber sonst? Ist Olaf Marschalls Realität heute eine andere. Eigentlich könnte er lustig plaudern, von Nasenpflastern und alten Erfolgen. Von seiner Deutschen Meisterschaft 1998 und dem DFB-Pokalsieg 1996. Marschall ist nicht danach. Die Nasenpflaster, die einmal für seinen Torriecher standen, sie sind längst Geschichte. Und sein Herzensklub Kaiserslautern ist gerade wieder einmal abgestiegen – zum ersten Mal in seiner Geschichte in die Drittklassigkeit.

Der 1. FC Kaiserslautern ist Gründungsmitglied der Bundesliga. Es ist der Klub der Weltmeister von 1954, der Helden des Wunders von Bern um Fritz und Ottmar Walter. Später spielten auch Andreas Brehme, Stefan Kuntz und Michael Ballack in der Pfalz. Und eben Olaf Marschall. Viermal wurde der FCK Deutscher Meister und zweimal Pokalsieger. Bis heute ist es einmalig, dass ein Aufsteiger die Schale holte. Genau zwanzig Jahre ist das jetzt her.

Olaf Marschall ist inzwischen 52 Jahre alt und ein angenehmer Gesprächspartner. Er ist nicht schüchtern, poltert aber auch nicht. Es braucht seine Zeit, bis Olaf Marschall ins Reden kommt. Über seine Tore und den Triumphzug der Mannschaft vor zwanzig Jahren. Trainiert von Otto Rehhagel, damals mehr väterlicher Freund als Schleifer. Mit Andi Reinke im Tor, den Abwehrrecken Harry Koch und Miro Kadlec, dem Mittelfeldstrategen Ciriaco Sforza, vorn Olaf Marschall. „Der letzte Spieltag ist noch sehr präsent“, sagt er. 1:1 in Hamburg, Marschall hat kurz vor Schluss das Ausgleichstor geschossen. Die Rückfahrt in die Pfalz, „wie wir durch die Straßen gezogen sind. Da waren nur noch Menschen.“

Die Erinnerungen kommen zurück. Gleich am ersten Spieltag gewann Kaiserslautern 1:0 bei den Bayern, wo Rehhagel zwei Jahre zuvor noch gefeuert worden war. Was für eine Genugtuung! Am vierten Spieltag übernahmen die Lauterer mit einem 3:0-Sieg über den FC Schalke die Tabellenführung und gaben sie bis zum Schluss nicht mehr her. Auch zum Rückrundenstart wurden die Bayern besiegt, 2:0 auf dem ausverkauften Betzenberg. Marschall lacht. Auch beim vorentscheidenden 4:0 gegen Wolfsburg traf er zweimal. Einen Spieltag vor Schluss war die Sensation perfekt. Dabei hatte Marschall die halbe Saison mit einem Bänderriss ausgesetzt, in der Vorbereitung wegen Nierensteinen pausiert. Dennoch schoss er im Meisterschaftsjahr 21 Tore.

Wie war all das möglich? „Die Qualität war da. Der Trainer passte. Und ein bisschen Glück gehörte natürlich auch dazu“, sagt Marschall. Ist Lautern unterschätzt worden? „Kann schon sein. Wir waren von den Namen her kein typischer Aufsteiger. So wie wir im Jahr davor ja auch nie hätten absteigen dürfen.“

Die Fans feierten ihren Verein selbst in der bittersten Stunde

Geschichte wiederholt sich – aber anders, als es den Lauterern lieb ist. Vor der Saison 2017/18 galt der 1. FCK eher als Aufstiegs- denn Abstiegskandidat. Drei Trainer kamen, zwei gingen. Norbert Meier wurde schon am siebten Spieltag entlassen. Dann musste Jeff Strasser wegen einer Herzattacke aufgeben. Seit Februar trainiert Michael Frontzeck das Team. Aber zwölf Punkte aus der Hinrunde waren schlichtweg zu wenig. Nach einem 2:3 in Bielefeld am 32. Spieltag war es vorbei. Die Fans feierten ihren Verein selbst in der bittersten Stunde. Aber das sind eben die Roten Teufel. Das ist eben der Betzenberg.

Der Klub verabschiedet sich mit 18 000 Mitgliedern aus dem Profifußball. Eine Marke wird bleiben, wahrscheinlich für immer. Deutscher Meister als Aufsteiger – ist das heute noch möglich? Der Fußball hat sich ja verändert. Erfolg erwirtschaften, meint Olaf Marschall, können nur die, die das nötige Kleingeld haben. Die Bayern natürlich. „Aber wenn 50 plus 1 fällt und einer einen Klub kauft und mit Köpfchen investiert...“ Marschall schweift ab. „Aber so wie die Strukturen jetzt sind, glaube ich das nicht.“

Stattdessen verschwinden große Namen von einst in den Niederungen. Rot-Weiss Essen, Alemannia Aachen, Bayer Uerdingen, auch Lok Leipzig, Hansa Rostock, Carl Zeiss Jena – um nur einige zu nennen. Die meisten haben Fehler im Erfolg gemacht. So ging es auch den Lauterern. Nach dem Titel 1998 wähnten sie sich plötzlich wieder auf Augenhöhe mit den Großen. Spielten in der Champions League und im Uefa Cup gegen Benfica Lissabon, Glasgow Rangers und die Bayern. Bauten das Stadion aus und investierten – viel zu viel. Großmannssucht und Misswirtschaft hätten den Verein beinahe in die Insolvenz getrieben. Ein Teufelskreis, der nun bis in die Dritte Liga führte. Und auch die wird zur Herausforderung.

Das WM-Stadion von 2006 mit fast 50 000 Plätzen war einst der Stolz der Pfalz, jetzt ist es eine Last. Spielt der FCK nun vor leeren Rängen? Marschall glaubt es nicht. „Das Schöne an Traditionsklubs ist, dass dir nie die Basis wegbricht. Fans und Sponsoren stehen immer zu dir. Weil es um Identifikation geht“, sagt er. „Lass uns mal ordentlich starten in die Saison, dann kriegen wir auch in Liga drei das Stadion voll.“

Olaf Marschall sieht die Dinge positiv und schaut gern auf das Schöne. In ein paar Wochen, am 8. September, plant der Klub ein Jubiläumsspiel. Die Meistermannschaft soll kommen und eine Auswahl an Altverdienten. Eine Handvoll der Helden von 1998 lebt noch in der Pfalz, doch die meisten hat es in alle Lande verstreut. „Alle auf einem Haufen, das wäre schon lustig. Wenn die alten Männer von früher erzählen.“ Marschall ist über all die Jahre geblieben. Seit 2016 ist er beim FCK als Scout angestellt, bei der Gestaltung des Neuanfangs wird es wieder auf sein Auge ankommen, wie früher im Strafraum. Es werden anstrengende Wochen, Marschall hat sich mit ein paar Tagen im Ferienhaus in Spanien nochmal Kraft verschafft. Er muss nun mit Trainer Frontzek und Sportvorstand Martin Bader den Neuanfang gestalten. Vom alten Kader bleiben die wenigsten. 

Sie hoffen, dass es nur ein Jahr drittklassig bleibt. Fünf Neue sind schon verpflichtet. Viel wird auch auf den Nachwuchs ankommen. Die A-Junioren schafften es dieses Jahr ins Endspiel um den Deutschen Pokal. Dort verloren sie zwar gegen Freiburg. Aber der Jahrgang scheint vielversprechend. Und wer weiß, vielleicht wiederholt sich die Geschichte. Wieder Meister werden nach dem Aufstieg hieße diesmal den Durchmarsch in die Bundesliga. Marschall hätte ganz sicher nichts dagegen.

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