Golfen im Naturschutzgebiet, segeln zwischen 55 Tonnen toter Fische

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Olympia 2016 in Rio auf der Müllhalde : Die Pervertierung der Olympischen Idee

All das wäre positiv, wenn mit Barra da Tijuca nicht ein bereits privilegiertes Viertel enorm von den Spielen profitieren würde. Die Barra, wie sie kurz genannt wird, hat lediglich 300.000 Bewohner. Der Großraum Rio mit seinen zwölf Millionen eher armen Menschen wird hingegen so gut wie ignoriert. „Die Spiele sollten ,Barra da Tijuca 2016‘ heißen“, sagt Stadtforscher Cosentino.

Anrüchig ist insbesondere, wie zwei eng mit Rios Politik verquickte Immobilienkonzerne vom Standortentscheid bevorteilt wurden. Da ist der Carvalho-Hosken-Konzern. Er vermarktet bereits jetzt die Apartments im Olympischen Dorf für die Zeit nach den Spielen, befindlich in 31 Hochhäusern á 17 Stockwerken. Postolympia wird Carvalho Hosken auch im Olympischen Park Wohnviertel und Hotels errichten dürfen. Das Unternehmen besitzt zudem viel Land rund um das Olympiagelände, das enorm im Wert gestiegen ist. Die Aufwertung wurde auch durch die zwangsweise und illegale Umsiedlung Hunderter Favela-Bewohner erreicht, die die heile Olympiawelt nicht stören sollen. So befriedigt das Rathaus im Namen Olympias die Interessen von Konzernen, welche die Wahl des Bürgermeisters mitfinanziert haben. In anderen Ländern nennt man das: Korruption.

Ein Golfplatz mitten in einem Naturschutzgebiet

„Der Golfplatz offenbart das ganze Ausmaß“, sagt Jean Carlos Novaes. Der Anwalt hat sich der Aufdeckung der Unregelmäßigkeiten rund um das Olympische Grün verschrieben. Golf wird erstmals seit 112 Jahren wieder olympische Disziplin sein. Doch ob das ein Grund zur Freude ist, bezweifelt er. Denn abgeschlagen wird auf einem 18-Loch-Platz, der mitten in ein Naturschutzgebiet gebaut wurde. „Ohne Umweltgutachten und ohne öffentliche Anhörung“, sagt Novaes. Das sei typisch: „Wichtige Entscheidungen werden hinter verschlossenen Türen getroffen. Gesetze werden einfach ignoriert.“

Errichtet wurde der Golfplatz von einer Firma des Unternehmers Pasquale Mauro, gegen den Verfahren wegen Korruption und Betrug laufen. Im Gegenzug erlaubt ihm die Stadt, 23 Hochhäuser mit Luxusapartments unmittelbar neben dem Platz zu bauen. Vermarktungsslogan: „Die Sonne geht für alle auf. Aber nicht mit dieser Aussicht.“ Als Mauros Firma illegal eine geschützte Waldfläche auf dem Gelände rodete, sollte sie zunächst ein Bußgeld von umgerechnet 600 000 Euro zahlen. Bürgermeister Paes persönlich setzte die Strafe aus, was ihm gar nicht zugestanden hätte. „Er wird über die Sache stürzen“, prophezeit Anwalt Novaes.

Die Querelen begannen schon mit der Frage, ob man 2016 überhaupt einen neuen Golfplatz brauche. Rio hatte bereits zwei Plätze, darunter mit dem Itanhangá Golfclub einen der 100 besten der Welt. Doch die Internationale Golf Föderation entschied sich gegen Itanhangá – ohne ihn wirklich geprüft zu haben. Wie zufällig besitzt der Präsident der Brasilianischen Golf-Föderation eine Luxusimmobilie neben dem neuen Golfclub.

Rudern und Segeln zwischen 55 Tonnen toter Fische

Während in Rio also viel Anstrengung darauf verwendet wird, eine kleine Klientel zu befriedigen, geschieht dort, wo es um öffentliche Interessen geht, nur wenig. Bestes Beispiel: die Säuberungen der Lagune Rodrigo Freitas sowie der Guanabara-Bucht. In der Lagune wird olympisch gerudert, in der Bucht gesegelt. Doch beide Gewässer sind 15 Monate vor den Spielen heillos verseucht. Erst Mitte April trieben 55 Tonnen toter Fische in der Lagune – so wie jedes Jahr und ohne dass die Stadt eine plausible Erklärung liefen könnte.

Die Bucht wiederum ist eine Kloake, weil die Abwässer von Millionen Haushalten sowie großer Industrieanlagen ohne Klärung hineinfließen. Hier herrscht das ganze Jahre über Schwimmverbot, im Wasser treiben Exkremente, Reifen, Möbel, Tonnen von Plastik und sogar Mordopfer. Bei ersten Probefahrten zeigten sich internationale Segelcrews schockiert.

Ohne Profitinteressen gibt es weder Geld noch Willen zur Verbesserung

Seit 20 Jahren kämpft der Biologe Mario Moscatelli für die Rettung der Bucht. „Die Spiele wären ein Chance gewesen“, meint er. Nun empfiehlt er den Seglern die Hepatitis-A-Impfung. „Sie sollen beten, dass sie keinen Müll rammen.“ Rio de Janeiros Gouverneur hat bereits zugegeben, dass die Bucht nicht wie versprochen gesäubert werden könne. Man habe keine Mittel. Nun versuchen kleine Schiffe zumindest den gröbsten Müll aus dem 380 Quadratkilometer großen Gewässer zu fischen. Darüber kann Mario Moscatelli nur traurig lachen. „Es fehlt nicht an Mitteln. Geld und Technik sind da. Die Politik hatte sechs Jahre lang Zeit, etwas zu tun. Sie will es nicht.“

In der Tat scheint es, als ob überall dort, wo keine Profitinteressen existieren, plötzlich weder Geld noch Willen vorhanden sind. Dass die Segelwettbewerbe 2016 wortwörtlich in der Scheiße stattfinden werden, spricht Bände über die Pervertierung der Olympischen Idee in Rio de Janeiro.

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