Olympia 2018 in Pyeongchang : Im Deutschen Haus brennt noch Licht

Für den deutschen Erfolg bei den Winterspielen gibt es viele Erklärungen. Eine davon ist auch das Hauptquartier der Mannschaft.

Christof Siemes
Haus des Erfolges. Das Deutsche Haus im Birch Hill Golf Club.
Haus des Erfolges. Das Deutsche Haus im Birch Hill Golf Club.Foto: dpa

Den vielleicht größten Anteil am erstaunlichen Erfolg der deutschen Olympia-Mannschaft in Pyeongchang hatte eine Sportart, die gar nicht auf dem Programm stand: Golf. Denn hätte es im Retortenskiresort Alpensia, der Basisstation aller Schnee-Aktivitäten, nicht den Birch Hill Golf Club gegeben – wer weiß, ob die am Sonntag zu Ende gegangen Winterspiele trotzdem so erfolgreich verlaufen wären aus deutscher Sicht. Zwar dämmerten manche der Grüns des 18-Loch-Platzes noch unter Plastikplanen dem Frühjahr entgegen. Doch im mondänen Clubhaus brannte dafür immer Licht, hier hatte „Team D“ sein Hauptquartier – eine „Heimat fern der Heimat“, die den Sportlern helfen sollte, den Stress zu minimieren.

An den deutschen Sicherheitsleuten am Eingang einmal vorbei, konnten die Sportler in dem Restaurant mit dem Astlochcharme beinahe vergessen, dass sie in Korea sind und unter besonderem olympischen Druck stehen. Viele der Sportler hatten sich das so gewünscht, weil das Vorgängermodell bei den Problemspielen von Sotschi zu klein und chaotisch war. Diesmal hieß das Motto „Athlet im Fokus“, und dazu gehörte nicht nur ein eigener Kraftraum im Keller, um der proppenvollen Muckibude im olympischen Dorf zu entgehen, sondern auch die Rundumversorgung mit Leberkäse und deutschen Brötchen und Businessclass-Flügen, die man – zumindest den Topathleten – spendiert hatte. So konnten etwa die Skispringer direkt aus ihren Liegesitzen ins Training einsteigen, und Andreas Wellinger wurde gleich am ersten Wettkampftag Olympiasieger von der Normalschanze.

Doch die deutsche Erfolgsformel ist komplizierter als die Gleichung „teures Flugticket = Goldmedaille“. Leistungssport ist ein 5000-Teile-Puzzle, bei dem am Tag x noch das kleinste Detail am richtigen Platz sein muss. Bis Veränderungen zu besseren Ergebnissen führen, vergehen oft bis zu zwei olympische Zyklen, also acht Jahre. Deshalb denkt jemand wie Dirk Schimmelpfennig, Chef der deutschen Delegation, schon an die Sommerspiele in Paris 2024 und wie dort das Deutsche Haus als „High Performance Centre“ aussehen soll.

Im Moment freut er sich erst einmal daran, dass der nach Sotschi betriebene Generationswechsel bei den Skeletonfahrern zur Silbermedaille von Jacqueline Lölling geführt hat. Oder dass das viele Geld für neue Bobs Zinsen abwirft. Und manchmal ist es auch nur etwas heiße Luft, die den Unterschied macht zwischen Pleite und Podest: Der Wachs-Container der Biathleten glich einer Eishöhle. Als nach dem durchwachsenen Ergebnis im Massenstartrennen der Frauen eine Sonderschicht nötig wurde für die Präparierung der Männerski am nächsten Tag, wirkte ein eilends herbeigeschaffter Heizlüfter über Nacht Wunder – Silber und die Plätze vier und fünf fürs deutsche Team.

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Gefragt nach dem Geheimnis des Gelingens, hat jeder Athlet, Trainer, Disziplinverantwortliche eine etwas andere Erklärung. Andreas Wellinger sagt lapidar, er habe einfach im Moment „sein Zeug gut beisammen“. Die Eiskunstläuferin Aljona Savchenko konnte in Pyeongchang ihr volles Potenzial enfalten. Sie hat lange Jahre ihre Trainer als strafende Gottheiten erlebt, ehe sie in der Arbeit mit, nicht unter Alexander König der Mensch sein durfte, der sie ist. „Die Sportler geben die Richtung vor, wir als Trainerteam stehen unterstützend zur Seite“, sagt König. „Aljona und Bruno Massot wollten Paarlauf mit Eistanz verschmelzen – dabei haben wir geholfen.“

Gerald Hönig, der Bundestrainer der Biathletinnen, verweist auf eine seit Jahren erfolgreiche, typisch deutsche Doppelstruktur. Wie es im Handwerk die in der ganzen Welt beneidete duale Ausbildung in Betrieb und Berufsschule gibt, setzt man im Training der Topathleten auf Heimtrainer und Bundesstützpunkte. „Wir als Auswahltrainer würden ganz schön dumm dastehen, wenn die Hausaufgaben von den Heimtrainern nicht so toll gemacht würden“, sagt Hönig. Durch diese Aufteilung sind die Deutschen von allen Biathlon-Nationen am wenigsten auf Reisen. „Wir müssen nicht ständig in Trainingslager fahren. Und wenn wir dann von November bis März unterwegs sind, sind die Mädels heißer, dass es endlich losgeht, und zugleich entspannter. Weil sie ihre Freiräume zu Hause hatten, in der Wohlfühlatmosphäre der Familie und Freunde.“

In Sotschi war das Deutsche Haus viel zu klein und chaotisch

Dazu gehört natürlich auch das nicht unumstrittene Staatsamateurwesen der Bundesrepublik, das den Athleten ein geregeltes Einkommen garantiert: 114 der insgesamt 154 deutschen Winterolympioniken sind bei der Bundeswehr, der Polizei oder beim Zoll angestellt; Laura Dahlmeier zum Beispiel, mit zwei Gold- und einer Bronzemedaille die erfolgreichste deutsche Sportlerin dieser Spiele, ist Zolloberwachtmeisterin. Und selbst die deutsche Eiskönigin ist im richtigen Leben Hauptgefreite Aljona Savchenko.

Neben diesen „harten“ Faktoren spielt aber offenbar etwas eine Rolle, für dessen Erwähnung normalerweise fünf Euro ins Phrasenschwein gehören: der Teamgeist. Zwar gab es zu Beginn der Spiele durchaus Zickereien, als etwa der Biathlet Erik Lesser maulte, Team D stehe nicht für „Team Dahlmeier“. Aber das war vor allem gegen Medien und Publikum gerichtet, die angeblich immer nur den großen Star in den Blick nehmen.

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Gerald Hönig hat am inneren Zusammenhalt schon vor den Spielen gearbeitet. „Alle in der Mannschaft sollen auch das Gefühl entwickeln: Das Allerwichtigste ist, das eine von uns durchkommt.“ Im Verlauf der Weltcupsaison hatte ja insbesondere Laura Dahlmeier mit Krankheiten und mittelprächtigen Ergebnissen zu kämpfen. „Da muss man wissen, dass andere da sind, die die Mannschaftsziele erreichen können. Dann kann man sich selbst besser entspannen. Das muss Laura noch besser lernen.“

Schon vor den Sommerspielen von Rio hatten sich Deutschlands Spitzensportler selbst acht Leitsätze gegeben. Dazu gehört neben einer Beschwörung des Miteinanders auch „Wir wollen Erfolg, aber nicht um jeden Preis“. Dahinter verbirgt sich ein weiteres, psychologisch wichtiges Erfolgsmoment. Gleich zu Beginn der Spiele betonte DOSB-Präsident Alfons Hörmann, Fairplay sei, gerade auf dem Höhepunkt der Dopingkrise, wichtiger als reines Medaillenzählen. Das bleibt natürlich weiterhin der beliebteste Volkssport. Aber offensichtlich fühlen sich die Olympia-Teilnehmer befreit von der Verantwortung, mit einer Medaille womöglich das Überleben einer ganzen Sportart sichern zu müssen.

Außerdem hat das Nationen-Ranking einen Teil seines Schreckens verloren, weil es, anders als in Sotschi vor vier Jahren, diesmal kein derart verzerrtes Bild der wahren sportlichen Machtverhältnisse lieferte. Das Team der „Olympischen Athleten aus Russland“ ist mit seinen 169 Mitgliedern zwar immer noch größer als die deutsche Mannschaft. Aber seiner dopingverdächtigen Spitzenkräfte beraubt, landete es in der Medaillenwertung mit nur zwei Goldmedaillen auf Rang dreizehn. „Meine Russenprognose hat gestimmt“, sagt Alfons Hörmann mit einiger Genugtuung. „Die Höchststrafe für ihre Manipulationen von Sotschi ist der unverfälschte Blick auf die tatsächliche sportliche Leistungsfähigkeit.“

Fehlt eigentlich nur noch, dass beim nächsten Mal auch die Problemsportarten Langlauf, Ski alpin und die Freestyle-Disziplinen der jungen Wilden von den Segnungen des Golfsports profitieren. Die Arbeit daran hat längst begonnen.

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