Den Terroristen war nicht entgangen, dass Irmscher sie fotografierte

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Olympia-Attentat 1972 : Die Terroristen von gegenüber
Gunnar Leue

Das Abschneiden in München nahm die DDR-Führung besonders wichtig. Die entsandten „Diplomaten im Trainingsanzug“ sollten den westdeutschen Klassengegner im eigenen Land übertrumpfen. Für die von Georg Buschner trainierte DDR-Auswahl begann das Turnier gut. Sie kam heil durch die Vorrunde, in der Zwischenrunde wartete schon der Gastgeber. Weil die DDR zunächst aber gegen Ungarn verlor, musste bei der folgenden Partie gegen Mexiko ein Sieg her. Am Tag vor dem wichtigen Spiel stand noch ein Training auf einem Platz neben dem Olympischen Dorf an. Es war der 5. September.

Während Irmscher auf seinem Zimmer ausharrte, war es draußen hell geworden. Auf den umliegenden Gebäuden sah Irmscher Scharfschützen in Sportkleidung aufziehen. In dieser Situation zwischen Anspannung und Ungewissheit fiel ihm seine Kamera ein. „Ich kroch zum Balkon. Durch einen Spalt zwischen den Blumentöpfen habe ich die Leute fotografiert, die vor dem Flachbau verhandelten.“ Eigentlich war das sehr riskant, „aber neugierig, wie ich war, habe ich nicht daran gedacht“. Wie leichtsinnig das war, merkte Irmscher erst, als er von unten Handzeichen bekam, zu verschwinden. Den Terroristen war nicht entgangen, dass sie vom nur wenige Meter entfernten Balkon fotografiert wurden. „Bis acht oder neun Uhr blieben wir auf unserem Zimmer. Dann gingen wir durch einen Hinterausgang raus.“ Wohin? „Zum Frühstück.“ Eine vollständige Evakuierung des Dorfes war offenbar nicht vorgesehen. „An jeder Ecke standen Polizeiwagen und Grenzschutzleute, dazu die Scharfschützen auf den Dächern, es glich einer Festung.“

Das Olympia-Attentat von München in Bildern

Das Olympia-Attentat 1972 in München
Bei den Olympischen Spielen 1972 in München hing die olympische Fahne auf Halbmast: Der Anlass war der Terroranschlag auf die israelische Mannschaft. Dieser Anschlag jährt sich in diesem Jahr zum 40. Mal.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: dpa
04.09.2012 16:30Bei den Olympischen Spielen 1972 in München hing die olympische Fahne auf Halbmast: Der Anlass war der Terroranschlag auf die...

Am Abend – nach dem Training, das tatsächlich stattfand – durften die Spieler wieder auf ihre Zimmer zurück, obwohl sich die Lage noch zugespitzt hatte. Die Regierung in Israel signalisierte keinerlei Bereitschaft, auf die Forderungen der Terroristen einzugehen. Gegen 22 Uhr flogen die deshalb mit ihren Geiseln in einem Hubschrauber zum Flugplatz Fürstenfeldbruck, wo eine Boeing-Maschine zum Ausfliegen in ein arabisches Land bereitstand. Es folgte die völlig missglückte Polizeiaktion zur Geiselbefreiung, die nach Mitternacht 15 Tote forderte. Die olympischen Wettbewerbe, die erst am Nachmittag des 5. September unterbrochen worden waren, wurden einen Tag später fortgesetzt, nachdem IOC-Präsident Avery Brundage verkündet hatte: „The games must go on.“

Der Fotograf fand seine Bilder nun wieder.
Der Fotograf fand seine Bilder nun wieder.Foto: Harald Irmscher

Harald Irmscher fand das „letztlich richtig, so hart es auch klingt“. Die Sportler hätten sich schließlich jahrelang vorbereitet. So fuhren die DDR-Fußballer am 6. September mit einem Sonderzug nach Ingolstadt zum Spiel gegen Mexiko. „Uns hatten die Ereignisse mitgenommen, die Bilder von den Toten im Hubschrauber.“ In der Mannschaft sei diskutiert worden, erzählt Irmscher, „aber jeder musste selbst damit fertigwerden“.

Auf dem Platz spielte das DDR-Team ziemlich unbeeindruckt – es schlug Mexiko 7:0 und kurz darauf die von Jupp Derwall trainierte Elf der Westdeutschen; im ausverkauften Olympiastadion hieß es 3:2. Beim Gegner liefen allerdings nur wenige junge Bundesligaspieler auf, am bekanntesten waren die Vertragsamateure Uli Hoeneß und Ottmar Hitzfeld. Am Ende holte die DDR-Mannschaft die Bronzemedaille – nach einem 2:2 gegen die UdSSR im kleinen Finale wurde der dritte Platz geteilt. Irmscher stand nicht auf dem Platz und erhielt deshalb keine Medaille.

Vor einiger Zeit war Harald Irmscher noch einmal an der Stätte des Attentats. Er hatte zusammen mit Bernd Stange, mit dem er zuletzt als Trainer im Ausland tätig war, dessen Sohn besucht, der im ehemaligen Olympischen Dorf wohnt. Bei dieser Gelegenheit lief Harald Irmscher zur Connollystraße 31. Auch Fotos hat er wieder gemacht. Diesmal von der Gedenktafel mit den eingravierten Namen der Opfer.

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