Die DDR-Funktionäre verschonten die Sportler mit „politisch- ideologischen“ Einschätzungen

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Olympia-Attentat 1972 : Die Terroristen von gegenüber
Gunnar Leue

Aus offizieller DDR-Sicht war die Lage diffizil, galt doch Israel als Aggressorstaat, gegen den das palästinensische Volk einen gerechten bewaffneten Kampf führe. Normalerweise wurden auch DDR- Spitzensportler von solchen „politisch- ideologischen“ Einschätzungen nicht verschont. In diesem Fall aber blieb das aus, zu groß war wohl auch der Schock der Funktionäre in der Olympia-Delegation.

Insbesondere die Bilder vom maskierten Terroristen, die die Fernsehstationen 1972 live in die Welt schickten, haben sich ins kollektive Bewusstsein der Deutschen eingeprägt. Sie halten den Augenblick fest, als – so sagen es Historiker – der internationale Terrorismus für alle sichtbar nach Deutschland kam. Für Irmscher bedeuten sie einen Moment seines Sportlerlebens, der ihm noch heute unwirklich erscheint. Ein Drama zwischen zwei Fußballspielen, das man nicht vergisst.

Irmscher, inzwischen 66 und noch ziemlich fit, hat die Fotos von damals gerade erst wiederentdeckt, als er seine Dias von Reisen mit der DDR-Auswahl digitalisieren ließ. Er musste feststellen, dass einige wohl verschollen sind, darunter seine Aufnahme vom maskierten Terroristen. Er hatte sie wohl mal verborgt.

Seit Irmscher es 1966 in die Nationalmannschaft geschafft hatte, fotografierte er stets auf Länderspielreisen. Ägypten, Chile, Schottland – als Fußballer kam er für einen DDR-Bürger weit herum. „Auf München hatten wir uns besonders gefreut: Olympische Spiele – und dann auch noch in der Bundesrepublik." Gut zwei Wochen verbrachte Irmscher im Westen und hielt dort alles mit seinem simplen Knipsapparat fest: den Einkaufsbummel in München, den Ausflug nach Garmisch-Patenkirchen, das Vorrundenspiel Ghana-DDR. Das fotografierte er heimlich von der Ersatzbank aus.

Beim Fußballturnier gehörte die DDR zu den Mitfavoriten, dank der OlympiaAmateurregelung. Im Gegensatz zur DFB-Auswahl, in der keine offiziellen Profis und WM-Endrundenspieler mitspielen durften, konnte die DDR mit ihrer aus Staatsamateuren bestehenden regulären A-Nationalelf antreten. Es war der Auftakt einer guten Zeit für den ostdeutschen Fußball. Harald Irmscher spielte auch 1974 bei der einzigen WM-Teilnahme der DDR mit – und stand beim legendären 1:0-Sieg gegen die Bundesrepublik in Hamburg auf dem Feld, als Gegenspieler von Paul Breitner. Im Wohnzimmerschrank von Harald Irmscher in Jena steht ein kleiner Zinkschnapsbecher als Erinnerung – darauf ist sein Name eingraviert. „So was vergisst man sein Leben lang nicht.“ Es ist der Satz, den er auch über die Olympischen Spiele 1972 sagt.

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