Olympia-Attentat 1972 : Die Terroristen von gegenüber

Vor 40 Jahren erschütterte das Olympia-Attentat von München die Welt. Der DDR-Fußballer Harald Irmscher hat die Geiselnahme 1972 im Olympischen Dorf miterlebt – und heimlich fotografiert.

Gunnar Leue

Der Tag hatte viel früher begonnen, als geplant. „Gegen halb fünf klopfte es an der Tür unseres Zweimannzimmers“, erinnert sich Harald Irmscher. „Mein Mitspieler und ich schliefen noch. BGS-Beamte forderten uns auf, nicht mehr auf den Balkon zu gehen.“

Der Mittelfeldspieler des FC Carl Zeiss Jena war 1972 nach München gekommen, um im Fußball eine olympische Medaille für die DDR zu gewinnen. Nun aber war er in einen blutigen Konflikt geraten, der die Welt erschütterte: die Geiselnahme israelischer Sportler durch Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“. Irmscher, damals 26 Jahre jung, hat den Terror miterlebt. Auch sein Leben war in Gefahr.

Am Morgen des 5. September 1972, heute vor 40 Jahren, waren die Attentäter ins kaum gesicherte Olympische Dorf eingedrungen, um elf israelische Athleten in ihre Gewalt zu bringen. Mit ihnen wollten sie 200 in Israel inhaftierte Palästinenser freipressen. Die Aktion endete als blutiges Desaster. Gleich zu Beginn erschossen die Terroristen zwei Israelis, die beim Überfall Widerstand leisteten. Nach dem Scheitern der Verhandlungen mit Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher starben bei einem dilettantischen Befreiungsversuch auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck die anderen neun Israelis; dazu fünf Terroristen und ein Polizist.

Das Olympia-Attentat von München in Bildern

Das Olympia-Attentat 1972 in München
Bei den Olympischen Spielen 1972 in München hing die olympische Fahne auf Halbmast: Der Anlass war der Terroranschlag auf die israelische Mannschaft. Dieser Anschlag jährt sich in diesem Jahr zum 40. Mal.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: dpa
04.09.2012 16:30Bei den Olympischen Spielen 1972 in München hing die olympische Fahne auf Halbmast: Der Anlass war der Terroranschlag auf die...

„Als ich kürzlich einen Fernsehfilm über die Ereignisse sah, kam mir wieder alles ins Bewusstsein“, sagt Irmscher und sieht die Beteiligten noch einmal vor seinen Augen: „Der maskierte Terrorist und sein Kompagnon mit dem hellen Hut, der vor dem Haus mit Genscher und der Polizei verhandelte – ich hatte sie ja selbst fotografiert.“ Vom Balkon aus.

Die DDR-Fußballer wohnten im sechsten Stock eines Hausblocks, von dem aus sie auf den Flachbau gucken konnten, in dem die Israelis untergebracht waren. „Von den Schüssen während des Überfalls hatten wir nichts mitbekommen. Die Beamten sagten nur, dass etwas passiert sei, mehr nicht.“ So nahmen sich die Fußballer vor, Ruhe zu bewahren und im Zimmer liegen zu bleiben. „Natürlich machten wir kein Auge mehr zu vor Aufregung.“

Dass an der Connollystraße das Quartier der Israelis lag, habe er erst nicht gewusst, erzählt Irmscher. Zu den anderen Sportlern hätte sein Team kaum Kontakt gehabt. „Und dann informierte uns unsere Mannschaftsleitung, dass bewaffnete Palästinenser bei den Israelis eingedrungen waren.“ Genau gegenüber.

Aus offizieller DDR-Sicht war die Lage diffizil, galt doch Israel als Aggressorstaat, gegen den das palästinensische Volk einen gerechten bewaffneten Kampf führe. Normalerweise wurden auch DDR- Spitzensportler von solchen „politisch- ideologischen“ Einschätzungen nicht verschont. In diesem Fall aber blieb das aus, zu groß war wohl auch der Schock der Funktionäre in der Olympia-Delegation.

Insbesondere die Bilder vom maskierten Terroristen, die die Fernsehstationen 1972 live in die Welt schickten, haben sich ins kollektive Bewusstsein der Deutschen eingeprägt. Sie halten den Augenblick fest, als – so sagen es Historiker – der internationale Terrorismus für alle sichtbar nach Deutschland kam. Für Irmscher bedeuten sie einen Moment seines Sportlerlebens, der ihm noch heute unwirklich erscheint. Ein Drama zwischen zwei Fußballspielen, das man nicht vergisst.

Irmscher, inzwischen 66 und noch ziemlich fit, hat die Fotos von damals gerade erst wiederentdeckt, als er seine Dias von Reisen mit der DDR-Auswahl digitalisieren ließ. Er musste feststellen, dass einige wohl verschollen sind, darunter seine Aufnahme vom maskierten Terroristen. Er hatte sie wohl mal verborgt.

Seit Irmscher es 1966 in die Nationalmannschaft geschafft hatte, fotografierte er stets auf Länderspielreisen. Ägypten, Chile, Schottland – als Fußballer kam er für einen DDR-Bürger weit herum. „Auf München hatten wir uns besonders gefreut: Olympische Spiele – und dann auch noch in der Bundesrepublik." Gut zwei Wochen verbrachte Irmscher im Westen und hielt dort alles mit seinem simplen Knipsapparat fest: den Einkaufsbummel in München, den Ausflug nach Garmisch-Patenkirchen, das Vorrundenspiel Ghana-DDR. Das fotografierte er heimlich von der Ersatzbank aus.

Beim Fußballturnier gehörte die DDR zu den Mitfavoriten, dank der OlympiaAmateurregelung. Im Gegensatz zur DFB-Auswahl, in der keine offiziellen Profis und WM-Endrundenspieler mitspielen durften, konnte die DDR mit ihrer aus Staatsamateuren bestehenden regulären A-Nationalelf antreten. Es war der Auftakt einer guten Zeit für den ostdeutschen Fußball. Harald Irmscher spielte auch 1974 bei der einzigen WM-Teilnahme der DDR mit – und stand beim legendären 1:0-Sieg gegen die Bundesrepublik in Hamburg auf dem Feld, als Gegenspieler von Paul Breitner. Im Wohnzimmerschrank von Harald Irmscher in Jena steht ein kleiner Zinkschnapsbecher als Erinnerung – darauf ist sein Name eingraviert. „So was vergisst man sein Leben lang nicht.“ Es ist der Satz, den er auch über die Olympischen Spiele 1972 sagt.

Das Abschneiden in München nahm die DDR-Führung besonders wichtig. Die entsandten „Diplomaten im Trainingsanzug“ sollten den westdeutschen Klassengegner im eigenen Land übertrumpfen. Für die von Georg Buschner trainierte DDR-Auswahl begann das Turnier gut. Sie kam heil durch die Vorrunde, in der Zwischenrunde wartete schon der Gastgeber. Weil die DDR zunächst aber gegen Ungarn verlor, musste bei der folgenden Partie gegen Mexiko ein Sieg her. Am Tag vor dem wichtigen Spiel stand noch ein Training auf einem Platz neben dem Olympischen Dorf an. Es war der 5. September.

Während Irmscher auf seinem Zimmer ausharrte, war es draußen hell geworden. Auf den umliegenden Gebäuden sah Irmscher Scharfschützen in Sportkleidung aufziehen. In dieser Situation zwischen Anspannung und Ungewissheit fiel ihm seine Kamera ein. „Ich kroch zum Balkon. Durch einen Spalt zwischen den Blumentöpfen habe ich die Leute fotografiert, die vor dem Flachbau verhandelten.“ Eigentlich war das sehr riskant, „aber neugierig, wie ich war, habe ich nicht daran gedacht“. Wie leichtsinnig das war, merkte Irmscher erst, als er von unten Handzeichen bekam, zu verschwinden. Den Terroristen war nicht entgangen, dass sie vom nur wenige Meter entfernten Balkon fotografiert wurden. „Bis acht oder neun Uhr blieben wir auf unserem Zimmer. Dann gingen wir durch einen Hinterausgang raus.“ Wohin? „Zum Frühstück.“ Eine vollständige Evakuierung des Dorfes war offenbar nicht vorgesehen. „An jeder Ecke standen Polizeiwagen und Grenzschutzleute, dazu die Scharfschützen auf den Dächern, es glich einer Festung.“

Das Olympia-Attentat von München in Bildern

Das Olympia-Attentat 1972 in München
Bei den Olympischen Spielen 1972 in München hing die olympische Fahne auf Halbmast: Der Anlass war der Terroranschlag auf die israelische Mannschaft. Dieser Anschlag jährt sich in diesem Jahr zum 40. Mal.Alle Bilder anzeigen
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04.09.2012 16:30Bei den Olympischen Spielen 1972 in München hing die olympische Fahne auf Halbmast: Der Anlass war der Terroranschlag auf die...

Am Abend – nach dem Training, das tatsächlich stattfand – durften die Spieler wieder auf ihre Zimmer zurück, obwohl sich die Lage noch zugespitzt hatte. Die Regierung in Israel signalisierte keinerlei Bereitschaft, auf die Forderungen der Terroristen einzugehen. Gegen 22 Uhr flogen die deshalb mit ihren Geiseln in einem Hubschrauber zum Flugplatz Fürstenfeldbruck, wo eine Boeing-Maschine zum Ausfliegen in ein arabisches Land bereitstand. Es folgte die völlig missglückte Polizeiaktion zur Geiselbefreiung, die nach Mitternacht 15 Tote forderte. Die olympischen Wettbewerbe, die erst am Nachmittag des 5. September unterbrochen worden waren, wurden einen Tag später fortgesetzt, nachdem IOC-Präsident Avery Brundage verkündet hatte: „The games must go on.“

Der Fotograf fand seine Bilder nun wieder.
Der Fotograf fand seine Bilder nun wieder.Foto: Harald Irmscher

Harald Irmscher fand das „letztlich richtig, so hart es auch klingt“. Die Sportler hätten sich schließlich jahrelang vorbereitet. So fuhren die DDR-Fußballer am 6. September mit einem Sonderzug nach Ingolstadt zum Spiel gegen Mexiko. „Uns hatten die Ereignisse mitgenommen, die Bilder von den Toten im Hubschrauber.“ In der Mannschaft sei diskutiert worden, erzählt Irmscher, „aber jeder musste selbst damit fertigwerden“.

Auf dem Platz spielte das DDR-Team ziemlich unbeeindruckt – es schlug Mexiko 7:0 und kurz darauf die von Jupp Derwall trainierte Elf der Westdeutschen; im ausverkauften Olympiastadion hieß es 3:2. Beim Gegner liefen allerdings nur wenige junge Bundesligaspieler auf, am bekanntesten waren die Vertragsamateure Uli Hoeneß und Ottmar Hitzfeld. Am Ende holte die DDR-Mannschaft die Bronzemedaille – nach einem 2:2 gegen die UdSSR im kleinen Finale wurde der dritte Platz geteilt. Irmscher stand nicht auf dem Platz und erhielt deshalb keine Medaille.

Vor einiger Zeit war Harald Irmscher noch einmal an der Stätte des Attentats. Er hatte zusammen mit Bernd Stange, mit dem er zuletzt als Trainer im Ausland tätig war, dessen Sohn besucht, der im ehemaligen Olympischen Dorf wohnt. Bei dieser Gelegenheit lief Harald Irmscher zur Connollystraße 31. Auch Fotos hat er wieder gemacht. Diesmal von der Gedenktafel mit den eingravierten Namen der Opfer.

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