OSC-Trainer Alexander Tchigir : Der Mann, der den Potsdamer Wasserball antreibt

Seit knapp zehn Jahren ist Alexander Tchigir beim OSC Potsdam tätig. Der Ehrgeiz des Trainers ist längst auf den Klub übergeschwappt.

Tobias Gutsche
Voller Einsatz: Schon zu seinen Zeiten als Spieler gab Alexander Tchigir alles für seine Teams.
Voller Einsatz: Schon zu seinen Zeiten als Spieler gab Alexander Tchigir alles für seine Teams.Foto: Aniko Kovacs/dpa

Ist er das? Ist es wirklich der Mann, der gerade während des Wasserballspiels am Beckenrand aufbrauste wie die Wellengischt an einer Felsküste? Wer sich nach einer Partie des Bundesligisten OSC Potsdam mit dessen Trainer Alexander Tchigir unterhält, den beschleicht das Gefühl, einer anderen Person als gedacht gegenüberzustehen.

Im Spiel läuft Tchigir unter Dauerstrom, lebt die Aktionen mit jeder Faser seines Körpers mit, gibt Tipps, meckert, schreit. Und danach, im Gespräch, schildert er wiederum ruhig, sanft und sachlich seine Eindrücke. Der Heißsporn ist abgetaucht, der Analytiker mit kühlem Kopf kommt heraus. Nur seine Stimme, kratzig und heiser, verrät, dass er es tatsächlich war, der da zuvor an der Wasserkante als Coach das Match so intensiv begleitete. „Diese beiden Seiten machen ihn aus“, sagt André Laube, Sportlicher Leiter der OSC-Wasserballer. „Tchaga“, wie der Coach genannt wird, „ist emotional, hochengagiert, beim Spiel und Training immer mit 100 Prozent dabei – und zugleich ist er ein nüchterner Fachmann.“ Für den Verein ist dies ein besonders wertvoller Mix. „Mit seiner Leidenschaft und seinem Wissen hat er uns auf eine neue Stufe geführt“, sagt Laube.

Seit nunmehr knapp zehn Jahren ist Alexander Tchigir beim OSC Potsdam tätig, seit 2012 in der Rolle des Chefcoachs der Männermannschaft. Unter seiner Führung gelang dem OSC mehrfach die Qualifikation für das Final Four um den Pokal, der Vorstoß in den Europapokal sowie ins Bundesliga-Halbfinale. Vorige Saison wurde mit Ligabronze die bisherige Krönung erreicht. Mit einem zweiten Sieg in der Best-of-three-Serie um Platz drei am Samstag (19 Uhr) beim ASC Duisburg würden die Potsdamer diesen Erfolg wiederholen.

Trainer Tchigir sei ein entscheidender Faktor für die Entwicklung hin zu einem Topklub, meint Kapitän Hannes Schulz: „Er ist ein sehr guter Trainer. Ein Perfektionist und Taktikfuchs, der immer wieder neue Ideen hat.“ Die zwei Seiten des 50 Jahre alten Trainers würden sehr gut zu seiner Vita passen: Tchigir stehe für „akribische Arbeit“, wie es Deutschland gerne bescheinigt wird. „Und dann hat er sein russisches Temperament, auch russische Härte und Disziplinansprüche. Aber mit herzlich guter Seele.“

Tchigir wurde in Moskau geboren, reifte in Russland zum weltbesten Wasserball-Torhüter seiner Zeit, holte Bronze bei EM, WM und Olympia. 1992 kam er nach Deutschland, spielte für Wuppertal, Uerdingen, Würzburg und prägte dann ab 1997 die Wasserfreunde Spandau zwischen den Pfosten. Im selben Jahr erhielt Tchigir die deutsche Staatsbürgerschaft und brachte es letztlich auf fast 700 Länderspiele für Russland und Deutschland – nahezu paritätisch verteilt. „Ich bin international, ein Weltbürger“, sagte er dem Magazin „Swim & More“.

Nur wer positiv gestimmt ist, kann sich positiv entwickeln

Erfolgreich sein – das treibt ihn an. „Ich bin ein verrückter Sportler“, sagte Tchigir einmal. „Ich will jedes Spiel gewinnen.“ Seine Maxime hat sich auch als Trainer in keiner Weise geändert. Gutes Beispiel ist das Viertelfinale des diesjährigen Pokals. Potsdam musste auswärts gegen den Titelverteidiger Waspo Hannover ran. Amateure zu Gast bei einer internationalen Profitruppe. Doch von einer Unmöglichkeit, den haushohen Favoriten zu schlagen, wollte Tchigir nichts hören. Sein Team verlor zwar 8:19, doch nichts schenkte er her, nichts ließ er einfach über sich ergehen. Stattdessen kämpfte er wieder außen voller Entschlossenheit mit – und empfand sein Team als derart von den Schiedsrichtern benachteiligt, dass er seinen Unmut kundtat. Die Quittung: seine erste Rote Karte als Trainer. Als ein Trainer, der zu jeder Zeit und bei jeder Konstellation vor Ehrgeiz überschwappt, stets nach dem Besten strebt.

Genügsamkeit und Selbstzufriedenheit könne er daher überhaupt nicht ab, sagt Alexander Tchigir. Ebenso das „verbreitete Negativ-Denken“. Nur wer positiv gestimmt ist, kann sich positiv entwickeln, meint er. Eine Denkweise, die sich im Fortschritt des Potsdamer Wasserballs manifestiert hat.

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