Para-Athlet Heinrich Popow : „Ich habe auch eine große Fresse“

Bei der Para-Leichtathletik-EM in Berlin hat der Sprinter Heinrich Popow nochmal einiges vor. Im Interview spricht er über seine Weltrekorde, Provokationen und das nahende Karriereende.

Strecken für Gold. Heinrich Popow hat in seiner Karriere schon 29 Medaillen gesammelt.
Strecken für Gold. Heinrich Popow hat in seiner Karriere schon 29 Medaillen gesammelt.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Herr Popow, am Dienstag werden Sie in Berlin bei der Para-Leichtathletik-EM nach 18 Jahren Ihre Karriere beenden. Was geht in diesen Tagen in Ihnen vor?

Neulich habe ich an diesen Tag in Berlin gedacht und an meinen Abschluss, und da war ich traurig. Heute fühlt es sich so an, als wäre ich froh, wenn alles vorbei ist. Bei mir geht gerade alles drunter und drüber, da ist alles vorhanden. Von Dankbarkeit über Angst, Demut, Freude. Es ist ein Mix, je nach Tagessituation.

Sie halten aber an Ihrem Entschluss fest?

Ich war 18 Jahre lang Leistungssportler, der Sport hat mein Leben extrem eingenommen und geprägt. Jetzt bin ich definitiv bereit für den nächsten Schritt. Ich will ab jetzt den Sport unterstützen – und nicht mehr nur mich selbst. Ich bin nicht mehr bereit, all die Komponenten, die der Leistungssport benötigt, aufzubringen. Egoismus, Arroganz, das harte Training, das will ich alles nicht mehr.

Wie entsteht ein solches Gefühl?

Für mich war das früher alles einfacher, die Leichtigkeit war da, ich habe einfach alles für den Erfolg getan. Ich war gierig! Vielleicht bin ich jetzt satt, ich weiß es nicht. Aber ich bin nicht satt davon, etwas für den Behindertensport tun zu wollen. Ganz im Gegenteil. Ich bin jetzt bereit, etwas neben dem Sport für den Sport zu tun. Mich mit Funktionären anzulegen, die Probleme, die ich als Leistungssportler hatte, offen anzusprechen.

Ist der Behindertensport in Deutschland noch vergleichbar mit Ihrer Anfangszeit?

Absolut nicht! Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Die ersten sieben Jahre meiner Karriere würden heute in zwei Monaten abgefrühstückt. Die Anfangszeit meiner Karriere bestand darin, Alltagsprodukte so zu modifizieren, dass man damit Sport treiben kann. Heute hat der Behindertensport eine ganz andere Leistungsdichte. Das liegt aber nicht nur an der fortgeschrittenen Technik, sondern auch an der Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft, an der Trainingslehre, die wir aus dem Nichtbehindertenbereich übernommen haben, und an der Eigenmotivation der Leute. Sie trauen es sich jetzt einfach zu.

War das bei Ihnen anders?

Wissen Sie, vor 18 Jahren, da hatte ich noch Gedanken wie: Ich muss in der Gesellschaft eine lange Hose tragen (aufgrund meiner Prothese, Anm. d. Red.). Die heutige Generation von Sportlern schämt sich nicht mehr für ihre Behinderung. Die geht damit offensiv um, die zieht sich ihre Prothese an und macht einfach. Wir haben jetzt Siebenjährige im Nachwuchsbereich, die auf Kinderprothesen Sport treiben. So etwas gab es früher gar nicht.

Ihnen wurde mit neun Jahren das Bein abgenommen. Wie war das da?

Wenn ich heute in die Schublade mit meinen Prothesenpassteilen schaue, sind da noch Kniegelenke dabei aus meiner Kindheit – und die haben Schweißnähte. Mein Vater hat die Gelenke damals alle zusammengeschweißt, weil die nicht gehalten haben. Ich war viel zu lebendig. Ich bin auf Bäume geklettert, runtergefallen, und sofort war mein Kniegelenk gebrochen. Die Prothesen waren gar nicht darauf ausgelegt, damit aktiv rumzulaufen.

Wie sind Sie dann zum Sport gekommen?

In der Schule hat der Sportlehrer damals zu mir gesagt, ich solle mir lieber ein Attest holen anstatt mitzumachen. Beim Fußballspielen nachmittags wurde ich immer als Letzter gewählt. Selbst beim Tischtennis hatte der Trainer zu große Bedenken. Ich wollte aber einfach normal sein. Aber was heißt schon normal? Den Begriff normal kann dir niemand erklären. Aber bei mir haben immer gleich alle gesehen, dass ich nicht normal bin.

Wie sind Sie zur Leichtathletik gekommen?

Irgendwann bekam ich einen Anruf aus Leverkusen und stellte mich bei Bayer 04 vor. Im ersten Wettkampf über 100 Meter bin ich die zehntbeste Zeit der Welt gelaufen. Da habe ich gemerkt, dass ich so die Grenzen meiner Behinderung, die Grenzen meiner selbst herausfinden kann, ohne dass mir das die Gesellschaft erzählt.

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