Parallelen zu Michael Schumacher : Lewis Hamilton und die Gründe seiner Dominanz

Nach seinem sechsten WM-Triumph wandelt Lewis Hamilton auf den Spuren der ganz Großen in der Formel 1. Und das auch, weil der Brite polarisiert.

All eyes on me. Lewis Hamilton genießt den Moment des erneuten Triumphes.
All eyes on me. Lewis Hamilton genießt den Moment des erneuten Triumphes.Foto: AFP

Zum sechsten Mal ist er Weltmeister, nur noch einen Titel von der historischen Marke von Michael Schumacher mit sieben WM-Titeln entfernt: Lewis Hamilton beweist sich in jedem Jahr mehr als der dominierende Fahrer der derzeitigen Formel 1, als derjenige, der auf dem Weg ist, die Geschichte neu zu schreiben. Am Sonntag reichte ihm in den USA ein zweiter Platz, um schon zwei Rennen vor Schluss uneinholbar zu führen.

Das ringt auch seinen Rivalen uneingeschränkten Respekt ab: „Es ist unglaublich, was Lewis zusammen mit Mercedes auch in diesem Jahr wieder geleistet hat“, betont Sebastian Vettel. Hamiltons Teamkollege Valtteri Bottas betont vor allem die Konstanz seines internen Gegners: „Lewis ist unglaublich konstant, bringt immer seine Leistung. Über die komplette Saison, aber jetzt eben auch schon über Jahre hinweg.“ Besser als jemals ein Fahrer zuvor?

Die Frage nach dem oder den Besten aller Zeiten wird nie objektiv zu beantworten sein – zu viele unterschiedliche Voraussetzungen spielen in solchen Vergleichen eine Rolle. Vergleicht man aber etwa die Hamilton-Jahre bei Mercedes und die Schumacher-Jahre bei Ferrari, zeigen sich schon Parallelen, die auch die Basis für eine solche Dominanz sind: Neben dem eigenen Talent und der eigenen Stärke ein gut geführtes, starkes Team im Hintergrund, ein zumindest immer konkurrenzfähiges, oft sogar überlegenes Auto, unumstrittene Nummer-1-Position im Team.

Die Gründe für die Dominanz liegen für Jenson Button, dem letzten britischen Weltmeister vor Hamilton, auf der Hand: „Ich habe den Eindruck, er glaubt mehr an seine eigenen Fähigkeiten als damals“, sagt Button. Mit damals meint er ihre gemeinsame Zeit bei McLaren bis 2012. „Es gab gewisse Unsicherheiten, und die wiederum führten zu inkonstanten Leistungen. In solchen Momenten konnte er sich ein wenig in der schieren Menge an Daten verlieren, die uns Piloten zur Verfügung steht. Das sehe ich heute nicht mehr.“ Heute sei Hamilton viel ruhiger. Schnell, sagt Button, sei er immer gewesen.

„Lewis ist in unfassbar begabter Fahrer. Mit seiner aktuellen Form beweist er, dass er bald der wichtigste Name in der Formel-1-Geschichte werden kann. Ich finde, er ist in allen Dingen sehr talentiert“, sagt beispielsweise Felipe Massa, gegen den sich Hamilton 2008 in Brasilien in einem dramatischen Finale seinen ersten WM-Titel holte. „Im Qualifying schafft er es, das Beste aus dem Auto herauszukitzeln, und auch im Rennen gelingt ihm das immer wieder. Er ist ein unglaublich kompletter Fahrer, wie es auch Ayrton Senna, Michael Schumacher oder Juan Manuel Fangio und Jackie Stewart waren.“

Hamilton hat sich der Nachhaltigkeit verschrieben

Und wie viele der ganz Großen vor ihm polarisiert auch Hamilton – in seinem Fall vor allem neben der Strecke. Die einen finden seine Showman-Attitüden eher albern, andere lieben sie. Sein in letzter Zeit immer engagierteres, wenn auch manchmal eher emotionales, in den Fakten nicht ganz korrektes Eintreten für Umwelt- und Klimaschutz halten manche für einen Formel-1-Piloten völlig abwegig, andere finden es toll, dass Hamilton seine Popularität nutzt, um auf das Thema aufmerksam zu machen und darauf hinweist, dass jeder im Kleinen seine Beiträge leisten könne und müsse.

Und dabei geht Hamilton auch selbst mit gutem Beispiel voran, nicht nur mit seinem Faible für vegane Ernährung. Er hat seinen Privatjet und einige Autos verkauft, ist auf E- und Hybrid-Modelle umgestiegen, hat Plastik aus seiner Umgebung verbannt, setzt mit seiner Hilfinger-Modelinie auf Nachhaltigkeit.

„Ich weiß, dass es keine schnelle Lösung gibt. Ich habe aber das Gefühl, dass ich mit meinen Handlungen andere dafür begeistern kann, sich ebenfalls zu ändern“, betont er – und sieht den Zwiespalt schon: „Sicher - wir reisen um die Welt und fahren Formel-1-Autos, da ist unser ökologischer Fußabdruck natürlich größer als der eines normalen Hausbesitzers, der immer in der selben Stadt bleibt. Aber das heißt ja nicht, dass man seine Meinung nicht sagen sollte, um die Dinge zum Positiven zu ändern. Ich schaue immer, wie ich einen positiven Effekt auf die Welt haben kann.“

Rekordjagd. 2012 war noch nicht abzusehen, dass Lewis Hamilton auf Michael Schumachers Spuren wandeln könnte.
Rekordjagd. 2012 war noch nicht abzusehen, dass Lewis Hamilton auf Michael Schumachers Spuren wandeln könnte.Foto: Jens Büttner/dpa

Dass auch in der Formel 1 in vielen Punkten inzwischen ein Umdenken einsetzt, ist für ihn sehr wichtig: So wird zum Beispiel im neuen Reglement ab 2021 ein Anteil synthetischer Kraftstoffe vorgeschrieben sein, im November will die Formel 1 ein spezielles Programm zum Thema Umweltfreundlichkeit vorstellen. „Das ist ein großes Verdienst der neuen Führung unter Liberty Media. Unter Bernie Ecclestone wäre so etwas nicht möglich gewesen.“

So kann er es dann auch für sich selbst durchaus rechtfertigen, weiter in der Formel 1 zu bleiben. Wie lange noch, das weiß er freilich selbst nicht so genau. Er ist jetzt 34, die Chance, 2020 noch einmal den Titel mit Mercedes zu holen und damit mit Michael Schumacher gleichzuziehen, ist nicht gering. Dessen Rekord von 91 Siegen wird er bis dahin wohl auch gebrochen haben.

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