Alles spielt mit, doch dann fängt es plötzlich an zu regnen

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Paralympics-Tagebuch (8) : Bloß nicht nervös werden!
Enya Wolf

Auf der Medientribüne grüßen mich die freundlichen Paralympics-Mitarbeiter, mit denen ich bisher bei allen Rollstuhlbasketball-Spielen in einer Reihe saß. Einem von ihnen schenke ich einen roten Kugelschreiber. Gestern hatte ich nämlich vergeblich in meinem Rucksack nach meinem Stift gesucht. Er hatte wohl Mitleid, denn er gab mir einfach einen von sich. Überhaupt sind hier alle Leute - ob Paralympioniken, Zuschauer oder Putzfrauen - sehr höflich und zuvorkommend.

Selbstverständlich geht es bei den Spielen in erster Linie um die herausragenden Leistungen der Sportler. Doch diese allgemeine Freundlichkeit trägt mit Sicherheit zu der lockeren, positiven Stimmung bei. So können alle Beteiligten die unvergesslichen Sportwettkämpfe erst recht genießen.

Auch heute ist es ein spannendes Spiel. Lange Zeit fallen die Körbe mal hier und mal da, letztendlich geht Deutschland als Gewinner gegen Japan hervor. Damit ist es für das deutsche Männer-Team der dritte Sieg in Folge! In der Mixed Zone nehme ich wieder die Interviews verschiedener Spieler auf.  Heute fühle ich mich dabei wohl, beim ersten Interview war ich dagegen sehr nervös. Wo sollte ich stehen? Durfte ich junge Spieler duzen oder musste ich sie siezen? In der Theorie hatte ich gelernt, wie ein Interview ablaufen sollte. Doch in der Praxis war ich auf einmal verunsichert. Heute aber macht die Arbeit riesigen Spaß. Einige der Sportler kenne ich schon von den vorherigen Spielen. Sie erkennen mich, lächeln, kommen auf mich zu. Ich habe Fragen vorbereitet, reagiere aber flexibel und spontan. Nach und nach taue ich immer mehr auf und bemerke, dass auch die Spieler offener und ausführlicher antworten.

Zufrieden verlasse ich mit meinem vollen Diktiergerät das Stadion. Da spüre ich den ersten Tropfen auf meiner Schulter, dann noch einen. Beim Blick nach oben bestätigt sich meine Vermutung: ich habe mich wohl in meiner Wettervorhersage getäuscht. Statt Sonnenschein hängen dicke Wolken am Himmel, die sich mit pausbäckigem Grinsen nur allzu sehr darüber freuen, dass ich meinen Regenschirm zuhause liegen gelassen habe. Ein bisschen nass werden? Alles halb so wild.

Solange die Akkreditierung um meinen Hals baumelt, darf ich den weltbesten Behindertensportlern in allen Disziplinen nicht nur zusehen, sondern sie sogar interviewen. So schnell kann mir da nichts die Laune verderben. Auch du nicht, englisches Wetter! Lass deinen Regen ruhig auf mich niederprasseln, meine Akkreditierung ist ja zum Glück laminiert.

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