Play-offs in der NBA : Boston Celtics: Mit Team-Basketball ins Finale?

Die Boston Celtics sind die Überraschung der NBA-Saison. Trotz vieler Verletzungen steht das junge Team vor dem Einzug in die Finals.

Modern und moderat. Celtics-Coach Brad Stevens ist ein Kandidat für die Auszeichnung zum NBA-Trainer des Jahres.
Modern und moderat. Celtics-Coach Brad Stevens ist ein Kandidat für die Auszeichnung zum NBA-Trainer des Jahres.Foto: AFP

Die englische Sprache ist prädestiniert für wunderbare Wortspiele, das gilt auch und ganz besonders in der Welt des Sports. In Boston zum Beispiel, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Massachusetts, macht gerade wieder ein geflügeltes Wort die Runde. Es ist an ein historisches Ereignis aus dem Jahr 1773 angelehnt, das seinerzeit weitreichende Folgen hatte und in finaler Konsequenz Auslöser für einen Krieg war: díe „Boston Tea Party“. Eine der renommiertesten Zeitungen der Region machte daraus nun: die „Boston D-Party“.

Wer mal eine Sportveranstaltung in Übersee besucht hat, der weiß: Das große D steht im US-Sport für „Defense“, also für gute, aggressive, physische Abwehrarbeit. Mit genau diesem Stilmittel haben sich Bostons Basketballer in den letzten Wochen bis ins Play-off-Halbfinale der National Basketball Association (NBA) vorgespielt. In der Nacht zu Dienstag mussten die Celtics zwar den 2:2-Ausgleich in der nach dem Modus „best of seven“ ausgetragenen Serie gegen die Cleveland Cavaliers hinnehmen. Trotzdem halten sie weiter alle Trümpfe in der Hand, nicht zuletzt wegen des Heimvorteils, der in einem potenziellen siebten Spiel bei den Celtics liegen würde. Spiel fünf des Duells findet in der Nacht zu Donnerstag (2.30 Uhr, live bei DAZN) ebenfalls im Boston Garden statt und dürfte vorentscheidenden Charakter für den Ausgang der Play-off-Serie haben.

Zwei Siege fehlen zum Final-Einzug

Dass den Celtics nur noch zwei Siege zum erstmaligen Einzug in die NBA-Finals seit acht Jahren fehlen, ist eine mittlere Sensation angesichts ihres Saisonverlaufs. Eine schlimme Verletzung, ein personeller Rückschlag jagte den nächsten, es schien fast so, als seien höhere Mächte im Spiel, die sich gegen den Rekordmeister verbündet hätten. Das ging schon im Oktober los: Gordon Hayward, im Sommer für viel Geld von den Utah Jazz verpflichtet, zog sich im ersten Pflichtspiel eine fürchterliche Verletzung zu, die eine ganze Halle in Schockstarre versetzte.

Die Diagnose lautete: Dislokation des Knöchels. Hayward kann von Glück reden, wenn er zum Start der neuen Saison genesen ist und wieder normal laufen kann. In diesem Rhythmus ging es weiter: Kyrie Irving, der zweite Starspieler neben Hayward, verletzte sich schwer am Knie, ebenso der deutsche Profi Daniel Theis. Gerade für den 26-Jährigen aus dem niedersächsischen Salzgitter war das bitter, weil er in seinen ersten NBA-Wochen nachhaltig Eindruck bei Coach Brad Stevens hinterlassen hatte. „Theis is really nice“ war zu Saisonbeginn ein geflügeltes Wort in Boston.

Nach all den Ausfällen und Rückschlägen übernahmen die „young guns“, wie sie in den USA sagen, also vergleichsweise unerfahrene Spieler, die zuvor höchstens ein, zwei Spielzeiten in der Profiliga absolviert hatten. Jayson Tatum, Jaylen Brown und Terry Rozier etwa, um nur drei Namen zu nennen, haben sich zu vielbeachteten Spielern entwickelt und ihr Team durch die Play-offs getragen. Wie grün das Team der Celtics hinter den Ohren ist, illustriert eine Statistik: LeBron James, der Star des Halbfinal-Gegners aus Cleveland, hat allein mehr Play-off-Spiele bestritten als alle Spieler in Bostons Kader zusammen.

Spiel fünf steigt in der Nacht zu Donnerstag

Die Celtics kompensieren diesen Umstand, indem sie einem Trend der letzten Jahre folgen und ausgeprägten Team-Basketball zeigen. „Wir haben einfach eine gute Gruppe“, sagt Coach Stevens, mit 41 Jahren einer der jüngsten Verantwortlichen in der NBA. Stevens gilt als moderater und moderner Trainer, der auf flache Hierarchien setzt. Daniel Theis etwa sagt: „Die Eingewöhnungszeit war wirklich einfach für mich, weil alle hier sehr kommunikativ sind.“ Das gelte besonders für Stevens, der viele Einzelgespräche mit seinen Spielern führe und sich auch für ihre privaten Belange interessiere.

Stevens gilt nach einer herausragenden Saison längst als Kandidat für die Auszeichnung zum Trainer des Jahres. Larry Bird, die vielleicht größte Legende der Celtics-Geschichte, geht sogar noch weiter. Bird sagt: „Es wäre ein Skandal, wenn er es nicht wird.“

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