Pleiten, Pech und Pannen : WM-Tippspiele: Eine Geschichte des Scheiterns

An WM-Tippspielen kommt kaum einer vorbei, auch unser Autor nicht. Seine Versuche sind allerdings nur sehr selten von Erfolg gekrönt gewesen.

Gut drauf. Zwei seiner sechs Tore in der Qualifikation zur WM 2002 schoss der Pole Emmanuel Olisadebe (M.) beim 3:1 in der Ukraine im September 2000.
Gut drauf. Zwei seiner sechs Tore in der Qualifikation zur WM 2002 schoss der Pole Emmanuel Olisadebe (M.) beim 3:1 in der Ukraine...Foto: picture-alliance/dpa

Sommer 1996, ein Campingplatz in Südfrankreich. Der erste Urlaub ohne meine Eltern. Dafür mit einem Freund aus dem Sportverein und dessen Familie. Ich frage nach Kleingeld für die Telefonzelle. Besorgte Blicke. Hat der Junge Heimweh? Nein, ich muss in einer wichtigen Angelegenheit tätig werden – meinen Tipp für das EM-Finale 1996 nach Berlin durchtelefonieren.

Vor dem Endspiel führe ich das Tippspiel an, bin dem Tipp-Himmel so nah. Wenn da nicht die böse Bonusfrage wäre: „Wer wird Europameister?“ Sie ist vier Punkte wert. Auf den Plätzen direkt hinter mir haben alle Deutschland genannt, ich dagegen England. Und jetzt? Tippe ich im Endspiel auf Deutschland, ziehen im Siegfall ohnehin mindestens fünf Leute wegen des Bonustipps an mir vorbei. Also, Herz aus, Verstand an: „2:1 für Tschechien.“ Der Rest ist bekannt. Führung Tschechien, Tor Bierhoff, Tor Bierhoff, Ende, Deutschland Europameister.

Natürlich habe ich mich gefreut. Aber dieser deutsche EM-Titel ist für mich auch die Mutter aller Tippspiel-Niederlagen. Das Scheitern ist seitdem mein verlässlicher Partner in dieser Disziplin. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich mit dem Sieg 1996 auf Jahre hinaus unschlagbar gewesen wäre. Vermutlich hätten viele ihre Teilnahme wegen Chancenlosigkeit abgesagt, wenn sie nur meinen Namen gelesen hätten.

Und so? Bei bald 20 großen Turnieren habe ich mitgetippt. Immer in den beiden gleichen Tipprunden. Ertrag: hier mal ein paar Mitleids-Euro für Platz acht gewonnen, dort mal sogar irgendwie Zweiter geworden. Aber sonst herrschte die große Tristesse. Oft musste ich auf die zweite Seite blättern, um meinen Namen zu finden. Manchmal auch nur bis Platz 15. Wenn es lediglich 17 Teilnehmer gab. Meine Freundin hat inzwischen Siege gefeiert, meine Schwester ist Zweite geworden. Alles super, gönne ich ihnen. Bleibt in der Familie. Hat aber natürlich mein eigenes Renommee nicht gesteigert, dass ich etwa jeweils 42 Plätze hinter den beiden eingelaufen bin. Zumal ich mich mit Fußball beschäftige, seit ich denken kann. Meine Eltern erzählen mir immer wieder gern, wie ich Mitte der 80er Jahre für ein paar Tage im Krankenhaus war, sie mich wegen meines permanenten Drängelns abends abholten, damit ich ein Europapokalfinale im Fernsehen sehen konnte, und mich danach zurückbrachten. Ich war damals sechs Jahre alt.

Ronaldo-Berlin vor Fußballfreund

Das Tippen gehört zur WM wie Eröffnungsfeier und Finale, kaum einer kommt dran vorbei. Im Büro, im Freundeskreis. Diese zwei kleinen Zahlen, eine vor dem Doppelpunkt, eine dahinter, bestimmen den Gemütszustand über Wochen. Die einen verzweifeln, weil zum fünften Mal in der Nachspielzeit ihr Ergebnis durch ein spätes Tor pulverisiert worden ist. Während derjenige, der stets betont, aber nun wirklich mal gar keine Ahnung von der ganzen Geschichte zu haben, die volle Punktzahl eingefahren hat. Die anderen können ihr Glück kaum fassen, weil ihr nachts um halb eins im Halbschlaf hingehauener Tipp erneut gestimmt hat. Wer sich einmal zum Tippkönig krönt, hat es geschafft. Noch Jahre später wird ehrfürchtig geraunt: „X ist auch wieder dabei. Der hat das 1986 gewonnen. Ganz starke Vorstellung damals.“

Das Prozedere hat sich verändert. Früher wurden Tipps per Telefon oder Fax durchgekabelt und dann vom Spielleiter mit der Hand in eine Tabelle übertragen. Nach dem letzten Spiel des Tages rechnete dieser bis in die frühen Morgenstunden die neuen Punktestände aus, die interessierte Mitspieler am nächsten Tag telefonisch abfragen konnten. Und wehe, da war ein Fehler drin. „Also nach meiner Rechnung bin ich zurzeit auf Platz 13 und nicht auf 14“, hieß es in einem solchen Fall, garniert mit dem Hinweis: „Ist ja nicht das erste Mal, dass das passiert.“ Heute trägt sich bei den meisten Runden jeder unter einem Fantasienamen im Internet ein. Schon während der Partien kann online eingesehen werden, wer im virtuellen Gelben Trikot tippt. Da führt dann „Ronaldo-Berlin“ vor „Tippkönigin“ und „Fußballfreund“.

Irgendwann muss es klappen

Vieles ist also anders, aber manches bleibt gleich. Nicht zu meinem Vorteil. Tippspiele und ich können einfach nicht miteinander. Aber auch nicht ohneeinander. Ich habe viel versucht. Habe sämtliche Sonderhefte durchgeackert und Spieler für die Bonusrubrik Torschützenkönig orakelt, die andere kaum buchstabieren können. Wenn sie sie überhaupt kennen. Beispielsweise den Polen Emmanuel Olisadebe. Der hatte eine märchenhafte Qualifikation für die WM 2002 gespielt. Machte dann ein Tor im bedeutungslosen letzten Gruppenspiel und fuhr anschließend mit seinem Team nach Hause. Inzwischen bereite ich mich nicht mehr vor. Tippe aus dem Bauch. Und liege weiterhin atemberaubend oft falsch.

Trotzdem gehe ich in jedes Turnier mit der festen Überzeugung, dass es diesmal klappt. Weil ... ja, warum eigentlich? Weil es irgendwann klappen muss. Zum Beispiel war ich fest davon überzeugt, dass Russland mit einem Unentschieden ins Turnier holpert. Diese Meinung hatte ich beim Tippen nicht nur ziemlich exklusiv, sie brachte mir auch gleich am Anfang einen Platz im Souterrain des Klassements ein. Wo ich mich inzwischen befinde, will ich eigentlich gar nicht so genau wissen. Aber die Versuchung ist dann doch zu groß, schnell im Internet nachzuschauen. Nicht unter den ersten 30. Klar. Nicht unter den ersten 50. Hm. Für die ersten 60 hat es auch nicht gereicht. Oha. Liegt ein technisches Problem vor? War ich dem Computer in den vergangenen Jahren zu erfolgreich und er hat mich aus der Wertung genommen? Nein, da bin ich. Platz 62 von 92 Teilnehmern.

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